Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH
Z. H. Herrn Jürgen Reents

- Chefredakteur -

 

 

Betr.: Artikel: Israel: Ein Pyrrhussieg für Scharon Kritik an Weihnachts-Schikane gegen Arafat (von Hans Lebrecht, Tel Aviv – 28. 12. 01) 

 

per Telefax Nummer: (030) 293 90-710

 

 

Sehr geehrter Herr Chefredakteur,

 

der oben angeführte Artikel befremdet und verärgert mich außerordentlich.

Herr Lebrecht schreit auf, weil die Regierung Israels Herrn Arafat den Zugang nach Bethlehem verwehrt. Warum diese Aufregung? Wieso sprechen Sie von Weihnachtsschikane? Meines Wissens nach ist Herr Arafat Moslem und diese Religion begeht kein Weihnachtsfest, also kann es doch keine Weihnachtsschikane geben! Außerdem hätte Herr Arafat an der Messe teilnehmen können, denn nur ein kleiner Befehl an seine Truppen hätte den Weg nach Bethlehem geöffnet.

Jassir Arafat hat bisher die Weihnachtsmesse nur zu Propagandazwecken genutzt, aber nie aus dem Bedürfnis heraus, am Wunder der Menschwerdung des Messias teilhaben zu dürfen.

Ganz im Gegenteil! Man ist nicht gerade gut auf die arabischen Bürger christlichen Glaubens zu sprechen. Das Recht auf freie Religionsausübung sieht in den Palästinensischen Autonomiegebieten nämlich so aus, dass mittlerweile um die 50% der christlichen Palästinenser die PA verlassen haben.

 

Der von Herrn Lebrecht geschriebene und von Ihnen zum Druck freigegebene Artikel strotzt vor weiteren Unwahrheiten und Diffamierungen. Da das Aufzählen dieser seitenfüllend wäre, unterlasse ich es; bin aber auf Wunsch gern dazu bereit.

Stammt der Israelhass eigentlich noch aus der Zeit, in der Ihre Zeitung offizielles und konkurrenzloses Presseorgan der SED war?

Falls sich dieser Stil fortsetzt, werde ich nichts unversucht lassen, dagegen anzukämpfen! Sie kennen die Pressegesetze, an die auch Ihre Zeitung gebunden ist.

 

Wo eigentlich war Ihr Schreien, als es in der damaligen DDR Christen durch alle möglichen Schikanen seitens Arbeitgeber und Schulen nicht ermöglicht wurde, am Ostermontag – obwohl vom Staat zugesichert und im Gesetz der Glaubensfreiheit fest verankert – an den Gottesdiensten teilzunehmen? Ich kann mich an keinerlei Artikel in dieser Richtung erinnern; ganz im Gegenteil: der christliche Glaube wurde als Opium für das Volk bezeichnet, dem man wirkungsvolle Maßnahmen entgegensetzen müsse.

 

Übrigens: als ich zusammen mit einer christlichen Gruppe an einem islamischen Gottesdienst teilnehmen wollte - dieser Besuch war vorher mit der Gemeinde abgestimmt und von der bewilligt worden - wurde uns der Zutritt verweigert; aus welchem Grund auch immer. Dies wäre eigentlich auch eine tolle Schlagzeile gewesen.

 

Mit freundlichen Grüßen um Stellungnahme bittend,

 

01.01.2002

 

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