"Der 11. September war der glücklichste Tag meines Lebens"

Original: DIE WELT

Eine Reise nach Gaza und Hamburg auf der Suche nach dem, was die Terroranschläge in New York und Washington möglich machte

Von Joseph Lelyveld

"Wer sich selbst mit einer eisernen Waffe tötet, wird diese Waffe ewig in der Hand halten, und er wird sich immerzu selbst in den Bauch stechen im ewigen Höllenfeuer, für alle Ewigkeit." Einige Tage nach dem 11. September tauchte dieses Zitat aus einer heiligen islamischen Überlieferung auf einer englischsprachigen Website auf. Dort argumentierte ein islamischer Gelehrter, dass der Islam niemals das rechtfertigen könne, was im Westen als "Selbstmordattentat" bekannt ist. Das war zwar irgendwie beruhigend, aber es gab keinerlei Hinweis darauf, dass diese Diskussion auch in den arabischen Zentren verfolgt wird, in denen die Attentäter ausgebildet werden.

Der Kult des Märtyrertodes mag aus dem Iran/Irak-Krieg stammen, in dem iranische Jugendliche zu Tausenden als menschliche Minensucher eingesetzt wurden. Sie trugen einen Schlüssel um den Hals, der ihnen - so wurde versprochen - die Pforten zum Paradies öffnen werde. In den Tagen nach dem 11. September informierte ich mich über Kamikazeflieger und die Black Tigers der Tamilenbewegung auf Sri Lanka. Es erschien sinnvoll, sich daran zu erinnern, dass es nicht nur extremistische Moslems sind, die sich in die Luft sprengen, um einem Feind Schaden zuzufügen.

Doch die Attentäter vom World Trade Center und dem Pentagon erschienen mir trotzdem anders als all ihre Vorgänger - in ihrer Selbstdisziplin, ihrem Vermögen, ihre Bemühungen über große Distanzen und viele Monate hinweg zu koordinieren, in der kalten Gewalt, die sie schweigend ihren Mitreisenden antaten, indem sie sie - und sich selbst - in die Luft sprengten. Man kann sie nicht mehr zu ihren apokalyptischen Visionen und Motiven befragen, aber ihre Zeitgenossen. Mein Instinkt führte mich nach Gaza und Hamburg.

Gaza

In Gaza gibt es eine bewährte Schmiede für Selbstmordattentäter (obwohl auffällt, dass an den Todesflügen vom 11. September keine Palästinenser beteiligt waren). Aber ich war nicht auf das vorbereitet, was mich hier erwartete. In Gaza hat eine Umfrage ergeben, dass 78 Prozent der Bevölkerung die Anschläge gutheißen, die in ihrem Namen in Israel oder an seinen Grenzen verübt werden - wesentlich mehr, als es Unterstützer für die Friedensverhandlungen gibt. Allerdings werden Selbstmordattentate fast nie so genannt, seitdem allgemein anerkannt wird, dass Selbstmord gegen die Lehren des Propheten verstößt. Dieser Begriff - unser Begriff - kann zwar ins Arabische übersetzt werden, das geschieht aber selten. Diejenigen, die wir Selbstmordattentäter nennen, werden Schahid genannt oder Märtyrer. Und Osama Bin Laden hat die gesamte islamische Welt aufgefordert, die 19 Entführer als solche zu sehen, die in anderthalb Stunden mehr Leben ausgelöscht haben, als auf beiden Seiten über Jahre hinweg - einschließlich zweier Intifadas - getötet wurden.

Eine Umfrage ist die eine Sache. Eine andere ist es, die Eltern zu besuchen, deren ältester Sohn kürzlich zum Märtyrer wurde, indem er seine weltliche Existenz auslöschte. Man könnte einen kleinen Hinweis auf Zweifel erwarten, und ich freue mich zu sagen, dass das hin und wieder auch der Fall ist. Aber in dem nagelneuen Appartement des stolzen Bashir Al Masawabi, dessen 23-jähriger Sohn Ismail sich und zwei israelische Soldaten am 22. Juni in die Luft gesprengt hatte, konnte ich nichts Derartiges entdecken.

Die Familie hatte in einer armseligen Hütte eines Flüchtlingslagers gelebt, als Ismail ein geheimer Anwärter auf den Märtyrertod wurde. Jetzt hatte sich ihr Leben völlig verändert. In dem Appartement, das für die Verhältnisse in Gaza geräumig ist, rankten sich Weinreben aus Plastik entlang der gekachelten Wände. Alles hier sah neu aus - die Haushaltsgeräte, die Teppiche und die Polstermöbel, selbst das Armband und die Ringe, die Ismails Mutter trug. All das wurde ermöglicht durch die Unterstützer der Hamas, der Organisation, die Ismail rekrutierte. Ismails Mutter zeigte nicht das geringste Anzeichen von Traurigkeit, als sie von ihrem verstorbenen Sohn sprach. "Ich war sehr glücklich, als ich es hörte", sagte sie, "ein Märtyrer zu sein, das ist doch etwas. Nur sehr wenige Menschen können das. Ich betete, um Gott zu danken. Im Koran heißt es, dass ein Märtyrer nicht stirbt. Ich weiß, dass mein Sohn nah bei mir ist. Das ist unser Glaube."

Dann war es an der Zeit, Ismails Abschiedsvideo anzusehen. Das ritualisierte Testament, das seine Ausbilder nur Stunden vor dem Anschlag machten - in einer Schlüsselphase der psychologischen Vorbereitung. In dieser Phase wird die Überzeugung des Kandidaten vertieft, dass er kurz davor steht, eine große Tat für seine Familie, sein Volk und seinen Glauben zu vollbringen, und einen Punkt erreicht hat, an dem es kein Zurück mehr gibt. Ismail wurde in der gewohnten Inszenierung gezeigt, mit Kalaschnikow und Koran. Er erklärte, dass seine Erlösung kurz bevorstehe.

Die nächste Szene zeigte Bilder von Krankenwagen am Ort des Anschlags, die aus dem israelischen Fernsehen stammten. Gewöhnlich wäre dies das Ende gewesen, aber das Video ging weiter mit Interviews mit den Eltern des neuen Märtyrers, neben denen ich jetzt stand. Als sie ihren Stolz verkündeten, schwenkte die Kamera auf das neue Appartement und verweilte auf den Sesseln und den Weinreben aus Plastik.

Was wir sahen, war am Tag zuvor auf Al Manaar gezeigt worden, einem Satellitensender im Libanon, der jetzt den gesamten Nahen Osten erreicht - trotz israelischer Versuche, ihn abzuschalten. Ismails Abschiedsvideo, das schien offensichtlich, war verlängert und neu geschnitten worden, um daraus einen Werbespot zu machen. Die suggerierte Aussage: Auch deine Familie könnte so leben. Die Begeisterung für Märtyrer in Gaza bezieht sich auf die eigenen Söhne. Entgegen jeder Realität wollen die Einwohner von Gaza daran glauben, dass die Opfer der Märtyrer helfen werden, den Unfrieden zu beenden, den sie tatsächlich aber verstärken.

Aber diese Begeisterung reicht nicht automatisch bis zu den Anschlägen vom 11. September. Die Palästinenser wollen einfach ihren Staat, sie wollen nichts Größeres, etwa die Reinigung oder Vereinigung der gesamten arabischen Welt, die hinter den apokalyptischen Visionen der Attentäter von New York und Washington zu stehen scheint. Als ich anfing, Fragen über den 11. September zu stellen, vermischte sich in den Antworten Mitgefühl über das monströse Ausmaß des Gemetzels mit der Weigerung zu glauben, dass Moslems dafür verantwortlich sein könnten. In einem Kaffeehaus unterhielt ich mich zwei Stunden lang mit fünf Studenten der Islamischen Universität - höflichen jungen Männern mit sanfter Stimme, von denen jeder sagte, er habe jemanden gekannt, der zum Märtyrer wurde. Sie stimmten alle darin überein, dass jemand, der in ihrem Land sein Leben beendet, um Rechte für sein Volk zu gewinnen, ein Märtyrer sei. Falls dabei Zivilisten starben, war es die gerechte Vergeltung für das Töten moslemischer Zivilisten oder für den Diebstahl ihres Landes. Wahre Märtyrer seien keine Menschen mit psychologischen Problemen, keine Verzweifelten. Indem sie den Weg "bis zum Ende" gingen, bewiesen sie Selbstlosigkeit und Mut.

Und wenn die Attentäter wirklich Moslems waren? Dann wäre es immer noch falsch, sagten alle. Jemand, der ein Flugzeug in einen Büroturm fliegt und Tausende tötet, erhält keinen Segen, keinen Zutritt zum Paradies. "Es war nicht zivilisiert, das zu tun", sagte Ibrahim, ein 21-jähriger Pädagogikstudent. "Ich war sehr traurig darüber." Und wenn Bin Laden hinter den Anschlägen steckte? Immer noch falsch, weil Zivilisten starben - es sei denn, warf Ibrahim mit einem schüchternen Lächeln ein, er habe es tatsächlich für Palästina getan.

Dieser sanftmütige Ibrahim, wie er zwischen seinen Standpunkten schwankte, schien die gegensätzlichen Strömungen zu verkörpern, die in Gaza vorherrschten. Palästinenser wollten zu diesem Zeitpunkt nicht an einem "Krieg" gegen Amerika teilnehmen. Denn selbst wenn sie es in ihren Köpfen voller Doppelmoral und Heuchelei darüber, was ihnen am wichtigsten sei, verurteilten, so war Amerika doch eine Art Hoffnung. Nur Amerika habe schließlich die Macht, Ariel Scharon zu einer Beilegung ihres Konfliktes zu bewegen.

Ein frommer Doppelgedanke ist bei der Betrachtung über Märtyrer im Spiel: Weil sie nicht sterben, sondern ins Paradies eingehen, können die Märtyrer auch keine Selbstmörder sein. Der Tod eines Märtyrers wird routinemäßig in der palästinensischen Presse bekannt gegeben, nicht als Nachruf, sondern als Hochzeitsanzeige. "Die Vermählung des Märtyrers Ali Khadr Al Yassini mit der Schwarzäugigen im Ewigen Paradies", stand statt einer Todesanzeige vor einigen Wochen in der Zeitung "Al-Hayat Al Jadida" (Neues Leben).

Die erfahrensten Terrorismuskenner Israels machen die Unterscheidungen, die Palästinenser bei Selbstmordattentätern machen, nicht. Israelische Sicherheitsexperten sagen, dass die Versprechen des Paradieses, der Hochzeit und alledem wörtlich genommen werden, nicht metaphorisch. Wenn man dieses Detail übersehe, verkenne man die Tatsache, dass es wirklich ein Heiliger Krieg ist, ein Zusammenstoß der Kulturen, der nicht durch verhandelte Übereinkünfte gelöst werden könne, nicht in Israel und auch sonst nirgendwo. Der palästinensische Dschihad und die Attentäter vom 11. September streben vielleicht nach dem gleichen Paradies, aber die Bewegungen, die sie mobilisieren, haben unterschiedliche Ziele.

Ariel Merari, Professor an der Universität von Tel Aviv, sagte über die Selbstmordanschläge, wir müssen nicht ergründen, warum Attentäter sich so verhalten, sondern wie sie rekrutiert und ausgebildet werden. Die Attentäter seien selbst Waffen und ihren geschickten und überzeugenden Ausbildern verfügbar. Das schien zu dem zu passen, was ich über die Kamikazeflieger des Zweiten Weltkrieges und die Black Tigers in Sri Lanka gelesen hatte. Die Art, wie sie die Welt sehen, war bei japanischen, tamilischen und palästinensischen Selbstmordattentätern genauso unterschiedlich wie die Umstände, aus denen heraus sie operierten. Aber offenbar haben ihre Ausbilder viele Gemeinsamkeiten. Sie alle finden Wege, um sich junge Menschen zu verpflichten - einzig um sie davon zu überzeugen, dass ein bedeutungsvoller Tod besser ist als ein bedeutungsloses Leben.

Hamburg

Ich dachte, dass die Sichtweise eines Arabers in Hamburg nach einem Komplott, das scheinbar in Hamburg ausgeheckt wurde, anders sein könnte als in Gaza. Aber ich hatte nicht erwartet, dass das Thema in Hamburg ein heißeres Eisen sein könnte als in Gaza.

Viele der 120.000 Moslems, die in Hamburg leben (Araber machen davon nur etwa zehn Prozent aus), haben plötzlich das Gefühl, sich auf unsicherem Boden zu befinden. "Die Anschläge richten sich nicht nur gegen Amerika, sondern auch gegen die Moslems, die hier leben", sagte Ramazan Ucar, Imam in einer der älteren Moscheen der Stadt. "Sie haben auch unser friedliches Leben zerstört. Es gibt alle möglichen Verdächtigungen, so dass die deutsche Gesellschaft jetzt glaubt, dass in jeder Moschee ein paar Schläfer lauern."

In einer Moschee in einem Keller im Stadtteil St. Georg unterhielt ich mich mit einem freundlichen Libyer namens Salam Muktar. Seiner Meinung nach ist ein Selbstmordattentat eben Selbstmord und deswegen im Islam verboten. Die vier oder fünf Männer, die uns zuhörten, nickten ernst und schienen ihm zuzustimmen. Es kamen immer mehr Gläubige zum Abendgebet - einige sahen aus, als ob sie direkt von der Arbeit kämen, andere kamen mit schicken Lederjacken und Handys am Gürtel. Es machte sich ein ruhiges Gefühl der Zusammengehörigkeit breit, als der Muezzin zum Gebet rief und etwa 120 Männer im vorderen Teil der Halle in Reihen zusammentraten.

Plötzlich schrie ein stämmiger junger Mann, der mit großen Schritten auf uns zukam: "Macht, dass ihr hier rauskommt! Was habt ihr hier verloren?" Die Gebetsreihen lösten sich auf, und bald war er eingekreist - eine kleine Insel der Wut, umgeben von einem Meer, das ihn zum Schweigen bringen wollte. Als die Gebete weitergingen, forderte Muktar uns auf zu bleiben. Der junge Mann, so erklärte er, war ein Algerier aus einer anderen Moschee, die unter offizieller Beobachtung zu stehen schien. Er war erst vor wenigen Wochen in diese Moschee gekommen und war noch nicht vertraut mit dem Geist, der hier herrschte.

Die Gebete endeten, aber die Konfrontation ging weiter. Der Algerier stürmte wieder auf uns zu, und dieses Mal schien er ein paar Gleichgesinnte mitgebracht zu haben. Ich sagte Muktar, dass wir keine Probleme in der Moschee verursachen wollten und jetzt gehen würden. "Nein", sagte er, nahm mich wie ein kleines Kind an die Hand und führte mich zu einer entlegenen Ecke des Raumes, wo sich unsere Diskussionsgruppe wieder versammelte. "Wenn du gehst, hat er gewonnen."

Also blieb ich und warf meine Hypothesen über Selbstmordattentate in die Runde. Die Meinungen waren vielfältig: Am einen Ende des Spektrums stand Muktar und am anderen stand ein anderer Libyer, ein leicht zu erregender Mann, der offensichtlichen Gefallen an sarkastischen Bemerkungen fand. "Der 11. September war der glücklichste Tag meines Lebens", sagte er. Dann, als ob eine Glocke geschlagen hätte, begann die dritte Runde. Die ruhige Stimmung der Abendgebete war nun völlig verflogen. Lautes Streiten, gefolgt von einigem Gedränge, schien Chaos anzukündigen. Draußen wartete eine misstrauische Gruppe von vielleicht 40 Männern. Sie schienen nicht feindselig, nur wachsam, aber dieses Mal gab es niemanden, der uns hindurchführen würde, nur den zweiten Libyer, der mir freundschaftlich auf den Rücken schlug und glucksend noch einmal sagte: "Ich werde meinen Geburtstag immer am 11. September feiern."

Plötzlich wedelte ein Teenager mir fröhlich mit seinem Handy vor dem Gesicht herum. Er drückte einen Knopf, das Display wurde erleuchtet und zeigte ein mittlerweile bekanntes Gesicht unter einem Turban. Er drückte noch einmal, und das Bild Osamas verschwand. Stattdessen waren zwei Türme zu sehen, auf die sich zwei winzige Flugzeuge zubewegten. Wieder und wieder und wieder.

Die Szene in der Moschee hatte eine topographische Karte eines Islam gezeigt, der friedfertig war und zum Großteil ernsthaft, aber der auch leicht durch Turbulenzen zu erschüttern ist. Hier war zwar Hamburg, aber es war auch das, was die "arabische Straße" genannt wird. Es dämmerte mir, dass der Nahe Osten nicht der unmittelbarste Ort der Auseinandersetzung ist. Gaza hat einen eigenen Kampf. Wenn es um die Prävention weiterer Anschläge geht, hat das Schlachtfeld sich nach Europa und Amerika verlagert. Eine Frage zeichnete sich in Hamburg immer deutlicher ab: Wie zerschlägt man terroristische Netzwerke unter den Bedingungen einer offenen Gesellschaft, die es den Terroristen erlaubt, auf unserem Boden weit selbstsicherer zu operieren, als sie es sonst jemals könnten? Betrachtet man die Szenen außerhalb der Moschee in St. Georg mit den Augen eines deutschen Fahnders, bleibt außer begründetem Verdacht doch nur die Einsicht, dass man nie wissen wird, was wirklich vor sich geht. Potenzielle Selbstmordattentäter können sich frei in unserer Mitte bewegen - und sie werden danach trachten, ihre Mission zu erfüllen.

Ich habe viel über Selbstmordattentäter in Gaza gelernt. Aber erst in Hamburg erlitt ich einen Schock. Ein Gefühl tief in meinem Inneren ließ mich erahnen, welches Minenfeld unsere Sicherheitskräfte betreten, wenn dieser "Krieg" weitergeht - und wie viel dann wirklich auf dem Spiel steht.

Original übernommen von DIE WELT aus der New York Times