Wie Postzionisten die Geschichte manipulieren

Avi Beker

Post Holocaust and Anti-Semitism, Nr. 100, 1. August 2010

Original: Exposing How Post-Zionists Manipulate History

 

  • Die israelischen Neuen Historiker haben die akademische Lehre zum arabisch-israelischen Konflikt an den Universitäten rund um die Welt stark beeinflusst.
     
  • Die Neuen Historiker ignorieren zwei der entscheidendsten Besonderheiten des arabisch-israelischen Kriegs von 1948 und lassen sie aus: die religiös-jihadistische Natur des arabischen Feldzugs und die arabische Ablehnung der Teilungsresolution der UNO.
     
  • Das von den Neuen Historikern aufgebaute Narrativ veränderte die Parameter der politischen Verhandlungen: Eine Friedensvereinbarung zwischen den Palästinenser und Israel heißt nicht die „Besatzung“ von 1967 zu korrigieren und ein Rahmenwerk für einen Austausch Land-für-Frieden zu schaffen, sondern die angeblichen Gräueltaten der Nakba (palästinensische Katastrophe) von 1948 wieder gutzumachen.
     
  • Die scharfe Kehrtwende in den Ansichten des Benny Morris, der vielen als Vordenker der Neuen Historiker gilt, muss als komplette Offenbarung der fiktiven Struktur und verdrehten Fakten dessen angesehen werden, was ein inszeniertes, antihistorisches, antizionistisches Unterfangen war.


„Historiker haben dazu tendiert die jihadistische Rhetorik und die Schnörkel zu ignorieren oder auszublenden, die den zweistufigen Angriff auf den Yishuv begleiteten, ebenso die ständige Bezugnahme im vorherrschenden arabischen Diskurs auf die frühere Runde des islamischen Kampfes um das Heilige Land gegen die Kreuzfahrer. Das ist ein Fehler. Der Krieg von 1948 war aus arabischer Perspektive genauso sehr, wenn nicht mehr ein Religionskrieg, wie er ein nationalistischer Krieg um Territorium war. Anders ausgedrückt: Das Territorium war heilig; seine Entehrung durch Ungläubige war Grund genug einen heiligen Krieg zu beginnen und seine Eroberung oder Rückeroberung eine göttlich verordnetes Muss.“ Benny Morris: 1948. A History of the First Arab-Israeli War [1]


Was geschieht, wenn Historiker zentrale Komponenten der Geschichte ignorieren oder auslassen? In der obigen Stellungnahme bietet Benny Morris einen sehr ungewöhnlichen Blick auf die wichtige Auslassung der Historiker auf das 1947/48 zentrale Element des arabischen Kriegs gegen Israel: kompromissloser Jihad gegen die Juden. Die Araber haben nie verheimlicht, dass es sich für sie dabei um einen Religionskrieg handelte; und es ist aktenkundig, dass sie die Verantwortung dafür übernehmen. Jamal Husseini, Vertreter des Hohen Arabischen Rates, sagte am 16. April vor dem UNO-Sicherheitsrat: „Der Vertreter der Jewish Agency sagte uns gestern, dass nicht sie die Angreifer seien, dass die Araber die Kämpfe anfangen haben. Das leugneten wir nicht. Wir sagten der gesamten Welt, dass wir kämpfen würden.“[2]

Husseini wurde in der New York Times zitiert, wie er erklärte, dass die Araber „niemals erlauben würden, dass ein jüdischer Staat auf auch nur einem Zentimeter Palästinas gegründet wird“; er gab eine klare Warnung, dass Versuche „irgendeine Lösung aufzuzwingen, die dem Geburtsrecht der Araber widerspricht, nur zu Problemen und Blutvergießen führen werden und möglicherweise zu einem Dritten Weltkrieg“.[3]

Hinter solch tödlichen Drohungen, die der gesamten Welt übermittelt wurden, stand die fortgesetzte Benutzung religiöser Hetze gegen die Juden in öffentlichen Rundfunksendungen und Moscheen in der arabischen Welt. Herausragend waren diesbezüglich der Mufti von Jerusalem und Hauptführer der Araber in Palästina, Hadsch Amin al-Husseini, und die religiösen Gelehrten der Al-Azhar-Universität in Kairo, der höchsten religiösen Autorität des sunnitischen Islam; diese gab unmittelbar nach der Verabschiedung der UNO-Resolution zum Teilungsplan im November 1947 einen offiziellen Aufruf zu einem „weltweiten Jihad“ aus. Die Religion war für die Kriegsanstrengungen zentral, wie der Rektor der Al-Azhar-Universität, Mohammed Mamun Shinawi demonstrierte; er sagte ägyptischen Expeditionsstreitkräften sagte, als sie in Rafah am 15. Mai 1948 die Grenze überschritten, um gegen den neugeborenen Staat Israel zu kämpfen: „Die Stunde des Jihad hat geschlagen... Dies ist die Stunde, in der ... Allah das Paradies versprochen hat.“[4]

Diese zwei entscheidenden und zentralen Elemente des israelisches Unabhängigkeitskrieges von 1948 – die religiös-jihadistische Natur des Feldzugs und die arabische Verantwortung für den Beginn des Krieges in Ablehnung der Teilungs-Resolution – werden in dem riesigen Berg an Literatur zum Krieg oft außer Acht gelassen oder bewusst ignoriert.

Was geschah 1948? Das ist der Kern der Debatte. Prinzipiell wollten die revisionistischen Neuen Historiker das anfechten, was sie als Israels offiziellen historischen Kanon bezeichneten. Sie lehnten die kollektive Erinnerung des Zionismus und des Staates Israel ab, insbesondere die Erinnerung an die Gründung des Staates. Durch die Behauptung, in Archiven neue Beweise gefunden zu haben – die in den meisten Fällen überhaupt nicht neu waren – und unter Ignorierung des historischen Kontextes des Krieges stellte diese Gruppe israelischer Historiker die Sage der Geburt Israels auf den Kopf, um zu beweisen, dass Israel aus der Sünde von Verschwörungen, ethnischen Säuberungen und Massakern geboren wurde.

Dieser Aufsatz wird unter Konzentration auf die Rückkehr Benny Morris‘ in Schoß des Mainstreams der israelischen Historiker den Einfluss der Neuen Historiker auf die Nahost-Studien der akademischen Welt, den Friedensprozess und Israels Image allgemein aufarbeiten. Morris bietet in seiner Reinkarnation die beste Munition im intellektuellen Kampf gegen die antizionistischen Historiker, die sich als revisionistische Historiker verkleiden und behaupten „neue“ Dokumente zu besitzen, die die „wahre“ Geschichte zeigen. Ethan Bronner erklärt in der New York Times die Rolle, die Historiker in politischen Debatten spielen:

Geschichte wird nicht im luftleeren Raum geschrieben oder gelesen. Die Neuen Historiker hatten eine Agenda – den damals beginnenden Friedensprozess zu fördern. Und viele Israelis, eifrig bemüht ihrem hundert Jahre alten Konflikt ein Ende zu setzen, waren bereit sich erzählen zu lassen, dass ihr erfolgreicher Aufbau einer Nation nur durch hohe Kosten seitens der Palästinenser zustande kam. Sie passten ihr kollektives Narrativ an, um Raum für Koexistenz mit den einstigen Feinden zu schaffen.[5]

Schrieben die Neuen Historiker Geschichte oder versuchten sie eine politische Agenda voranzutreiben? Waren sie von dem Wunsch motiviert Verantwortung für vermeintliche Fehltaten der Vergangenheit zuzugeben, was dann von der anderen Seite ebenfalls getan würde? Der Fall Morris beweist, wie die Verschiebung der politischen Perspektive zu revolutionären Veränderungen in der historischen Analyse und Schlussfolgerungen führen kann.

Akademische Auswirkungen

Der Einfluss der Neuen Historiker, die die Geschichte des arabisch-israelischen Konflikts abänderten und neu interpretierten, kann gar nicht übertrieben werden. Ihre Abänderungen dessen, was sie die „offizielle“ zionistische Version der Geschichte nannten, vermischte sich mit postmodernistischen Annahmen (wie der, dass es nicht nur eine Version von Geschichte gibt); sie beschränkte sich nicht auf intellektuelle Diskussionen in der akademischen Welt. Anfangs als Randphänomen abgetan, wurde diese Geschichtsumschreibung innerhalb nicht einmal eines Jahrzehnts zur Mainstream-Lesart und –Lernen an Universitäten in der gesamten Welt.[6] Benny Morris, der als Vordenker der Neuen Historiker gilt und den Begriff prägte, hat seit 1988 die intellektuelle Infrastruktur für diese umgearbeitete Geschichtsschreibung geliefert. Morris‘ selektiver Gebrauch von Dokumenten und seine Missachtung des arabischen Hasses, Antisemitismus und Ablehnung der Idee eines jüdischen Staates sind für die antizionistische Literatur zu einer Goldgrube geworden.[7]

Die Gruppe leugnete auch das, was sie den israelischen Mythos der „wenigen gegen viele“ im Krieg von 1948 nannte; bei einigen (so bei Ilan Pappé) wurden diese postzionistischen Ansichten durch einen selbst erklärten Antizionismus ersetzt.[8] Zusätzlich zu Morris und Pappé werden zwei bis drei weitere als Teil der Gründungsgruppe der Neuen Historiker betrachtet. Simha Flapan, der der erste war (1987), der sich mit der „Entmythologisierung“ der Geschichte der Gründung Israels beschäftigte, wurde nach seinem Tod rückwirkend auf die Liste gesetzt. Avi Shlaim betonte das, was er als die verschwörerische Natur der Kollaboration Israels mit Großbritannien und Jordanien gegen die Palästinenser betrachtete.[9] Ein weiterer Autor, Tom Segev, der als Postzionist und postmoderner Journalist bei dieser Gruppe landete, schrieb über die Haltungen des Yishuv (des vorstaatlichen Israel) gegenüber dem Holocaust und über die israelische Gesellschaft während des Sechstage-Krieges 1967 und fügte dem später seine eigene Interpretation des britischen Mandats in Palästina an. In Segevs Buch kann man kaum die Rolle der Juden in politischen Kalkulationen der Briten in Palästina finden; bei ihm haben die Araber [allein] die Briten vertrieben.[10]

Die von diesen revisionistischen Historikern geschriebenen Bücher wurden von namhaften Verlagen veröffentlicht. Sie beeinflussten unmittelbar die Lehrbücher der Lehrpläne der Nahost-Studien und sorgten für eine Umorientierung hin auf neue Forschungsprojekte und politische Ideen zum Friedensprozess. Die führenden meinungsbildenden Publikationen in den USA, die Tages- und Wochenzeitungen sowie die Magazine für Außenpolitik, widmeten dem ausführliche Rezensionen und Diskussionen, was als bahnbrechende Arbeiten wahrgenommen wurde. Typischerweise fanden es selbst die objektiveren Akademiker, die nicht alle der Prämissen der Neuen Historiker akzeptierten, für nötig den Konflikt in zwei miteinander wettstreitenden Sichtweisen der Geschichte darzustellen; sie gaben zu, dass „das Konzept der Objektivität selbst in den vergangenen Jahrzehnten unerbittlichen Angriffen ausgesetzt worden ist“.[11]

Das Modewort im Studium des Konflikts war daher „Narrativ“, das die „nicht objektive“ Geschichtsschreibung ersetzen sollte. Statt den breiten Kontext des arabisch-israelischen Konflikts zu diskutieren, der für die Geschichte jedes seiner einzelnen Kriege zentral ist, begann der populäre Ansatz ihn als einen israelisch-palästinensischen Konflikt zu isolieren. Die neuen Bücher konzentrierten sich auf angebliche Mythen, auf verdrehte kollektive Erinnerungen, die Erklärung, dass beide Seiten Hass und Feindseligkeit rechtfertigten, indem „Legitimität durch Narrativ gebaut“ wurde.[12] Narrativ – im Wörterbuch definiert als „eine Geschichte oder Erzählung von Ereignissen, Erfahrungen oder Ähnlichem, egal ob wahr oder erfunden“ – ersetzte in der historischen Forschung die Suche nach der Wahrheit. Mancher argumentiert, dass unabhängig von der Gültigkeit ein Narrativ wichtig, weil Teil eines kollektiven Gedächtnisses ist, also dessen, was eine Gruppe glaubt. Wie aber Morris rund zwei Jahrzehnte später erkannte, können solche fiktiven Narrative sehr gefährlich werden, wenn sie nur einen Zweck haben: die Verantwortung für Hass der Vergangenheit zu leugnen und ihn für die kommenden Generationen fortbestehen zu lassen.

In Israel spiegelte sich die Verwandlung der Geschichte in Narrative einer im staatlichen Fernsehen ausgestrahlten Miniserie Tekuma (Neubelebung). Ausgestrahlt im Jahr 1998 zum fünfzigsten Jahrestag des Staates, übernahm sie viele der Ergebnisse der Neuen Historiker. Ein Jahr später wurde diesen postmodernen Theorien vom Bildungsministerium höchstselbst in dessen revidiertem Lehrbuch (Eine Welt in Veränderung: Geschichte für das neunte Schuljahr) Legitimität verliehen, das Teil eines neuen Lehrplans war, der darauf abzielte Geschichte aus einer ausdrücklich „universellen“ (im Gegensatz zu einer „nationalistischen“) Perspektive zu lehren.[13] Dieser Trend fand sogar Eingang in die Israelischen Verteidigungskräfte (IDF), die über ihre Geschichts-Abteilung ein Buch co-sponserte, das ernste Zweifel auf frühere Bilder des Unabhängigkeitskrieges warf.[14]

Die Ersetzung des historischen Kanons

Die Grundargumente der Neuen Historiker können als fünf Herausforderungen des offiziellen zionistischen Kanons der Geschichte von 1948 zusammengefasst werden:[15]

  • Die offizielle Version sagt, dass Großbritannien versuchte, die Gründung eines jüdischen Staates zu verhindern; die Neuen Historiker behaupten, dass es versuchte, die Gründung eines palästinensischen Staates zu verhindern. Shlaim und Pappé beschreiben in ihren Büchern eine Verschwörung zwischen Großbritannien und den Juden auf Kosten der Palästinenser; Shlaim dehnt das in eine Verschwörung zwischen dem Zionismus und König Abdallah von Transjordanien zur Verhinderung der Gründung eines palästinensischen Staates aus. In einer weiteren weit hergeholten Vorstellung argumentiert ein palästinensischer Professor (ein früherer Unterhändler der Palästinensischen Befreiungsorganisation), das Ziel der arabischen Armeen seien nicht die Juden gewesen, sondern die Vertreibung der Araber in Palästina vor dessen Einnahme.[16]
     
  • Die offizielle Version besagte – so behaupten die Revisionisten – die Palästinenser seien aus freiem Willen aus ihren Häusern geflohen;[17] die Neuen Historiker sagten, die Flüchtlinge seien verjagt oder vertrieben worden. Diesbezüglich war Morris‘ Beitrag wesentlich, obwohl er später oft aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wurde. Dieser Aspekt war ausschlaggebend für die moralische und politische Kampagne zur Delegitimierung Israels.
     
  • Die offizielle Version besagte, die Machtbalance sei zugunsten der Araber gewesen; die Neuen Historiker sagten, Israel sei sowohl von der Personalstärke als auch von den Waffen her im Vorteil gewesen und leugneten das, was sie als Mythos eines heroischen Befreiungskriegs der wenigen gegen die vielen betrachteten.
     
  • Während sie Israel verunglimpften und gegen es aufwiegelten, kamen die Neuen Historiker dem arabischen Image zu Hilfe und bearbeiteten oder leugneten die offizielle israelische Angabe, dass die Araber einen koordinierten Plan zur Vernichtung Israels hatten. Die Neuen Historiker sagten, die Araber seien gespalten gewesen oder sie leugneten deren Todesdrohungen komplett.
     
  • Diese vier Fragen führen zu der anhaltenden Debatte unter Historikern: Begrüßte der Yishuv 1947 freudig die Teilung? Wer ist für den fehlenden Frieden verantwortlich? Ist es israelische Unnachgiebigkeit oder der arabische Widerwille einen jüdischen Staat zu akzeptieren? Einige Historiker (einschließlich Flapan und Shlaim) haben behauptet, die Araber wollten Frieden, aber die Zionisten hätten die arabischen Führer (wie al-Husseini, Gamal Abdel Nasser oder Yassir Arafat) hinterlistig in das Lager der Verweigerer manövriert.

Der Einfluss auf den Friedensprozess

Es hörte für die revisionistischen Historiker nicht einfach damit auf, dass sie die Studienprogramme und die Lehre an den Universitäten zu eroberten; sie übernahmen auch die Arena der Nahost-Diplomatie und -Politik. Die Neuen Historiker nahmen wichtigen Einfluss auf den Friedensprozess und in die Formung der Positionen, die von den Palästinensern, den Israelis und den Amerikanern eingenommen wurden. Während er 1992/93 wegen der Oslo-Vereinbarungen verhandelte, las der damalige stellvertretende Außenminister Yossi Beilin Morris‘ Buch über die palästinensischen Flüchtlinge; später sagte Beilin, das Buch sei ein Muss für israelische Unterhändler.[18] In der Folge, während gemeinsamer Treffen palästinensisch-israelischer Gruppen, die den Friedensprozess voran bringen sollten, wurde die Flüchtlingsfrage zum Kristallisationspunkt der Versuche, eine „vereinbarte einvernehmliche Auffassung“ zu den Klagen der Parteien zu schaffen und Verantwortung für die Fehltaten der Vergangenheit zu übernehmen.[19]

Die Revisionisten und ihr schuldgefülltes Narrativ türmten sich über den israelischen Unterhändlern in Camp David auf, für die Präsident Bill Clinton im Juli 2000 Gastgeber war, ebenso ein paar Monate später bei den Gesprächen in Taba auf dem Sinai. Die palästinensischen Unterhändler beider Foren beriefen sich auf die Arbeiten der Neuen Historiker, insbesondere auf Benny Morris, als sie versuchten „Israels Anteil an der Verantwortung für das Leid der Flüchtlinge von 1948 festzuschreiben“.[20] Die israelischen Unterhändler Beilin und Gilad Sher zitierten aus Morris‘ Buch und Daniel Levy, Beilins Assistent, beschrieb, wie wichtig es für das israelische Team war, das historische Narrativ zu verändern, um eine Vereinbarung mit den Palästinensern zu ihrem „Recht auf Rückkehr“ zu erzielen.[21]

Ein weiterer Teilnehmer von Camp David war der damalige israelischen Außenminister Shlomo Ben-Ami, selbst Historiker, der zugab, dass die Neuen Historiker „definitiv geholfen hatten, die Überzeugung der Palästinenser in Sachen Gültigkeit ihres eigenen Narrativs zu festigen“ und dass die „israelischen Friedensmacher sich ebenfalls mit Perspektiven an den Verhandlungstisch setzten, die durch jüngste Forschungen geformt waren... machtvolle Argumente zum Krieg von 1948 ... [die] Teil des intellektuellen Gepäcks vieler von uns wurden, ob wir das nun zugaben oder nicht“.[22]

Insgesamt veränderte das von den Neuen Historikern aufgebaute Narrativ die Parameter politischer Verhandlungen: Eine Friedensvereinbarung sollte nicht heißen, die „Besatzung“ von 1967 zu korrigieren und ein Rahmenwerk für einen Austausch Land-für-Frieden zu schaffen, sondern die Gräuel der Nakba (der palästinensischen Katastrophe) von 1948 wieder gut zu machen. Es wurde für alle offensichtlich, dass das Haupthindernis für den Frieden das Problem des „Rückkehrrechts“ der Flüchtlinge in alle Teiles Israels war.

Morris‘ Rückzieher

Der Mensch, die die Grundlagen des historischen Postzionismus legte – Benny Morris – ist auch derjenige, der ihn untergräbt, indem er die ernstesten Herausforderungen zu seiner intellektuellen Integrität aufbringt. Morris scheint immer noch nicht in der Lage zu sein zu sagen: „Ich hatte Unrecht“, oder Reue darüber zum Ausdruck zu bringen, dass er half die intellektuelle Basis für den Feldzug gegen Israel und den Zionismus gelegt zu haben. Statt seine eigenen Verdrehungen und Irrtümer offenzulegen, sagt er, er habe in den israelischen Archiven neue Dokumente gefunden, die ihm eine neue Perspektive bezüglich des Konflikts gaben. Wenn man seine neue Interpretation derselben Ereignisse liest, wird klar, wie die Neuen Historiker – bestenfalls – Geschichte ohne Kontext schrieben, völlig losgelöst von der Realität seiner Entstehung. In den meisten Fällen betrieben sie vorsätzliche Verfälschung und wandten die Technik der „großen Lüge“ gegen Israel an.

Dann entdeckt Morris zwanzig Jahre später plötzlich, dass die Araber dem Zionismus bereits in den 1930-ern den Jihad erklärt hatten. Er erklärt seine neue Herangehensweise als eine, die der Öffnung von Archiven – einschließlich dem der IDF – entstammt, die Wissenschaftlern davor verschlossen waren. Er fügt außerdem hinzu: „Im derzeitigen Buch [1948] verortete ich das Flüchtlingsproblem innerhalb des Gesamtkontextes des Unabhängigkeitskriegs“, und mit der Hilfe neuester Studien „versuchte ich eine neue und umfassende Beschreibung des Krieges vorzulegen, in erster Linie die Verbindung zwischen dem militärischen Prozess und dem diplomatischen Prozess“.[23]

Eine neue Beschreibung? Tatsächlich handelt es sich um das genaue Gegenteil. Seine zwei jüngsten Bücher, 1948 und One State, Two States, die in den beiden letzten Jahren veröffentlicht wurden, widersprechen seinen Argumenten und der Faktenbasis seine revolutionär historischen Ansatzes komplett. Morris kehrt zu dem zurück, was die Neuen Historiker so sehr verabscheuten – oder wie sie es ausdrücken: der kanonischen Version des offiziellen zionistischen Narrativs. Seine neuen Bücher vernichten alle Prämissen und Schlussfolgerungen der Neuen Historiker. Er verspürt keine Notwendigkeit sich dafür zu entschuldigen, dass er eine scharfe Anklage allen Postzionistischen vorlegt; er behauptet, dass „Historiker dazu tendieren die Bedeutung der religiösen Rhetorik im Krieg“ und die zentrale Rolle „religiöser Motivation“ zu verharmlosen. Das ist genau die Auslassung, die Morris in seinen vorhergehenden Büchern beging. Die Ausblendung der Drohungen mit Jihad war Absicht und entscheidend für diejenigen, die daran gingen das „neue“ Narrativ zu schreiben und aus der Nakba einen palästinensischen „Holocaust“ zu machen.

Der Jihad war allen in der seit 1948 existierenden Literatur offensichtlich: Vernichtungsdrohungen waren von allen arabischen Seiten und 1947 und 1948 selbst vom Podium der Vereinten Nationen zu hören. Wie schon angeführt wiederholte der Mufti von Jerusalem, al-Husseini, solche Drohungen immer und immer wieder; und religiöse Gelehrte in Kairo gaben ein offizielles Manifest aus, das zwei Tage nach der Verabschiedung der Teilungsresolution im November 1947 ausgegeben wurde. Die Umsetzung dieses religiösen Erlasses in militärisches Handeln war die Invasion durch der arabischen Armeen, die Arabische Befreiungsarmee und Jihad al-Mukades-Armee (heiliger Krieg-Armee) genannt wurden.

Am Tag, an dem Israel seine Unabhängigkeit erklärte, erklärte der Generalsekretär der Arabischen Liga, Abdul Rahman Azzam Pascha, einen heiligen Krieg. Er sagte: „Dies wird ein Vernichtungskrieg und ein Massaker großen Ausmaßes sein, von dem man sprechen wird wie von den mongolischen Massakern und den Kreuzzügen.“[24] Azzam Pascha, der führende Sprecher aller arabischen Staaten, war bei seiner Opposition gegen die Teilungsresolution gleichermaßen klar und gewalttätig: „Die Teilungslinie wird nichts als eine Linie aus Feuer und Blut sein.“[25] Al-Husseini erklärte: „Ich erkläre einen heiligen Krieg, meine muslimischen Brüder! Ermordet die Juden! Bringt sie alle um!“[26]

Plötzlich und beständig distanziert sich Morris in zahlreichen Artikeln, Interviews und Vorträgen vom postzionistischen Narrativ und präsentiert seine neue Haltung in wissenschaftlichen Büchern. In der Tat informiert Morris seine Leser, dass seine früheren Bücher den historischen Kontext des Krieges von 1948 übersahen, der ein jihadistischer Ansturm der muslimischen Welt gegen die jüdische Gemeinschaft in Palästina war. Von Anfang an war Morris wenig verlegen; dem Guardian sagte er 2002: „Das Gerücht, ich hätte eine Gehirntransplantation gehabt, ist (so weit ich mich erinnern kann) unbegründet – oder zumindest verfrüht. Aber mein Denken zur gegenwärtigen Krise im Nahen Osten und ihrer Protagonisten hat sich in der Tat in den vergangenen zwei Jahren radikal verändert.“[27]

In seinen eigenen Aussagen erklärt Morris, dass ein neues historisches Bewusstsein zur arabischen Quelle der Wut, des Hassas und des Antisemitismus ihn zu einer neuen Auslegung des Krieges von 1948 führte. Er ist sogar in der Lage die intellektuelle Transplantation zu dokumentieren, die er durchlief:

Meine Wende begann nach dem Jahr 2000. Ich war auch davor kein großer Optimist. Es stimmt, ich habe immer für die Arbeitspartei oder Meretz oder Sheli [eine pazifistische Partei der späten 1970-er Jahre] gestimmt; und 1988 lehnte ich es ab, in den Gebieten zu dienen und wurde dafür ins Gefängnis gesteckt, aber ich habe immer an den Absichten der Palästinenser gezweifelt. Die Ereignisse von Camp David und dem, was danach folgte, verwandelten die Zweifel in Gewissheit. Als die Palästinenser im Juli 2000 den Vorschlag von [Premierminister Ehud] Barak und im Dezember den Clinton-Vorschlag ablehnten, begriff ich, dass sie nicht bereit waren die Zweistaaten-Lösung zu akzeptieren. Sie wollten alles. Lod und Akko und Jaffa.[28]

Morris fährt in seinem Interview fort und erklärt – was in seinen früheren Büchern nicht vorkam und in politisch korrekten Kreisen nicht zu hören ist –, dass es ein „großes Problem im Islam“ gibt. Es handelt sich um eine Welt, in der „Leben nicht denselben Wert hat wie im Westen“. Die Araber gehören einer „Stammeskultur“ an, in der „Rache“ eine „zentrale Rolle“ spielt; und das innerhalb einer Gesellschaft, der „moralische Hemmungen“ derart fehlen, dass sie, „wenn sie chemische oder biologische oder Atomwaffen erwirbt, sie auch einsetzen“.

Neuschreibung der revisionistischen Geschichte

Die völlige Missachtung des historischen Kontextes kann man in den Inhaltsangaben und dem jeweiligen Index der Bücher der Neuen Historiker finden. Arabischer oder islamischer Antisemitismus ist nichtexistent; liest man Ilan Pappé oder Avi Shlaim zum Konflikt, könnte man glauben, dass der Jihad am 11. September 2001 erfunden wurde.

Dass die Neuen Historiker die Rolle al-Husseinis bei der Aufstachelung zum Hass gegen die Juden auslassen, ist Teil ihrer großen Übung der Neuschreibung der Geschichte. Es gab jede Menge Berichte über den Mufti aus dem frühen Stadium des Konflikts im britischen Mandat. Um seine Rolle als einzig anerkannter Führer der Palästinenser nach der Gründung Israels zu bewerten, musste man keine neuen Archive öffnen. Es fällt auf, dass ein antiisraelischer palästinensischer Amerikaner wie Rashid Khalidi mehr Selbstkritik zur destruktiven Rolle der beiden prominentesten Palästinenserführer – al-Husseini und Arafat – übt und auch dem arabischen Antisemitismus mehr Analyse widmet, als es die Neuen Historiker tun.[29] Gleichzeitig verweist Khalidi auf Morris‘ frühes Buch zu den palästinensischen Flüchtlingen als „bahnbrechende“ Arbeit, die „viele Mythen zerschlug“.[30]

Morris „B“ deckt (2008) auf, welch kritische Rolle das Zusammentreffen des islamischen Antisemitismus und des Jihad in den frühen Phasen des Konflikts in Palästina spielte. Es war ein integraler Teil des arabischen Aufstands 1936 und wurde wiederholt von Außenstehenden wie dem Sprecher des irakischen Parlaments, Sa’id al-Haj Thabit weitergeführt, als er Palästina im März 1936 besuchte. Morris vermerkt ebenfalls die aktive Rolle des Mufti in der jihadistischen Propaganda der Nazis für den Nahen Osten und bei der Rekrutierung bosnischer Muslime für die Wehrmacht. Der Mufti, sagt Morris, war „zutiefst antisemitisch“ und rechtfertigte den Holocaust mit dem jüdischen Charakter, mit deren „übertriebenen Arroganz und Selbstsucht, die in ihrem Glauben verwurzelt ist, dass sie das von Gott erwählte Volk sind“.[31] Jihad wurde sogar Teil des diplomatischen Austauschs schon vor dem Krieg von 1948. Das politische Hauptorgan der Palästinenser zu dieser Zeit, das Arabische Hochkomitee, nutzte Anfang 1946 den Begriff Jihad als formale Drohung und Ultimatum in einem Brief an den britischen Premierminister Clement Attlee.[32]

Im letzten Kapitel von 1948 stellt Morris eine und überzeugend die kritische Rolle des religiösen Hasses in den Jahren 1947/48 dar. „Der jihadistische Impuls unterstreicht sowohl die populären als auch die Regierungsantworten der arabischen Welt auf die Teilungsresolution der UNO und spielte bei der Mobilisierung der ‚Straße‘ und der Regierungen für die folgenden Angriffe (während des Krieges) eine entscheidende Rolle... Die Moscheen, die Mullahs und die ‘ulema spielten in diesem Prozess eine Schlüsselrolle.“ Mit diesen offenen und vorherrschenden Haltungen war die Bedrohung für die Juden in den Augen arabischer Beobachter offensichtlich. Ein von Morris zitierter christlicher Libanese sagte der Presse: „Der jüdische Staat hat keine Überlebenschance, nachdem jetzt der ‚heilige Krieg‘ erklärt worden ist. Letzen Endes werden alle Juden massakriert werden.“[33]

Da von überall her Drohungen mit Jihad und Auslöschung kamen und wegen der Ablehnung der diplomatischen Schiene [durch die Araber], verbunden mit den Aufrufen, alle zur Verfügung stehenden militärischen Kräfte einzusetzen, blieb dem Yishuv nichts anderes übrig, als sich auf das Worst-Case-Szenario vorzubereiten. Während viele Stimmen Weltuntergangs-Warnungen von sich gaben, hatten die Führer des Yishuv keinen Bedarf sich in theoretischen Kriegsspielen zu üben. Als die ‘ulema der Al-Azhar-Universität einen „weltweiten Jihad zur Verteidigung des arabischen Palästina“ ausrief, gab der britische Außenminister Ernest Bevin seiner Sorge um „die Sicherheit Tausender, in der arabischen Welt verstreuter Juden“ Ausdruck, insbesondere der Hunderttausenden Juden Bagdads, die „Gefahr liefen die Kehle aufgeschlitzt zu bekommen“.[34]

Der Jihad wurde offen sowohl auf Demonstrationen in Damaskus als auch in diplomatischen Kreisen in den Vereinten Nationen erklärt; dort äußerte sich der Kopf der ägyptischen Delegation: „Das Leben von 1.000.000 Juden in muslimischen Ländern würde durch die Gründung eines jüdischen Staates gefährdet.“[35] Im Mai 1948 warnte US-Außenminister (und Held des Zweiten Weltkriegs) George C. Marshall den kommenden israelischen Außenminister Moshe Sharett vor der Unterzeichnung der israelischen Unabhängigkeitserklärung: „Glauben Sie mir; ich spreche nicht von Dingen, von denen ich nichts verstehe. Sie sitzen da in den Küstenebenen Palästinas, während die Araber die Höhen der Berge halten. Ich weiß, Sie haben einige Waffen und Ihre Haganah, aber die Araber haben reguläre Armeen. Die sind gut ausgebildet und haben schwere Waffen. Wie können Sie hoffen, denen standzuhalten?“[36]

Ein Vergleich zwischen Morris „A“ und Morris „B“ zeigt, wie der historische Kontext verwischt und sogar verdreht werden kann, wenn man Fakten selektiv nutzt, die auf Kosten der größeren und entscheidenderen Kräfte der Geschichte aufgeblasen werden. Es mag stimmen, dass die neu geborenen israelischen Verteidigungskräfte am Ende des Krieges besser organisiert, ausgebildet und motiviert waren. Doch während des Krieges selbst, das zeigt Morris in seiner jüngeren Inkarnation, gab es eine völlig andere Bewertung. Die Mehrheit der jüdischen Interimsregierung vor der Staatswerdung, wie auch die Araber, Briten und Amerikaner glauben allesamt, dass die Araber die jüdische Armee in Palästina besiegen würden. Es stimmt, dass wir im heutigen Rückblick erklären können, dass die Araber es nicht schafften sich angemessen zu organisieren und dass die palästinensischen Araber es wegen „ihrer stark etablierten Traditionen der Uneinigkeit, Korruption und organisatorischer Inkompetenz“ nicht schafften ihre eigenen Ressourcen zu mobilisieren.[37] Der Kontext des Krieges sah jedoch anders aus: „In groben demografischen und geografischen Begriffen waren die Araber zweifellos weit, fast unendlich stärker als der Yishuv... und das Missverhältnis in Sachen Landmasse und wirtschaftlicher Ressourcen oder potenzieller wirtschaftlicher Ressourcen war noch weit größer.“[38]

Die vier Armeen, die am 15. Mai in Palästina einfielen, waren – selbst, nachdem sie große Verbände zum Schutz ihrer Regime zurückließen – was alle Art von Ausrüstung angeht „weit stärker als die Einheiten der Haganah“[39]; sie hatten weitaus mehr Panzer, Artillerie und Kampfflugzeuge (anfangs fehlten Israel solche ganz). Es ist ganz natürlich, dass zu diesem Zeitpunkt, insbesondere, nachdem man Zeuge der arabischen Einstellung in Sachen systematische Vernichtung aller jüdischen Siedlungen durch die einfallenden arabischen Armeen wurde, das Ziel des Yishuv einfach darin bestand „zu überleben“.[40] Zusätzlich zu der auf Fakten und Berechnungen basierenden Wahrnehmung der klaren militärischen Unterlegenheit war für die Führer des Yishuv offensichtlich, dass die internationale diplomatische Umwelt „beständig proarabisch“ war und dass die Briten und Amerikaner gemeinsam daran arbeiteten die Umsetzung der UNO-Abstimmung zur Gründung eines jüdischen Staates zurückzunehmen.[41]

Der Versuch der Neuen Historiker geheime Absprachen der Briten mit den Juden gegen die Araber zu beweisen, wird sowol von der diplomatischen wie der militärischen Haltung der Mandatsmacht widerlegt. Im Gegenteil: Die Briten halfen bei Ausbidlung und Waffenausstattung der Arabischen Legion Transjordaniens, die die am besten ausgebildete Armee der Region war; und sie arbeiteten aktiv mit den Amerikanern zusammen, um die Teilung in Palästina zunichte zu machen. Ihre Bewertung der militärischen Lage wurde durch den Generalstabschef für das Empire zum Ausdruck gebracht: „Langfristig werden die Juden nicht in der Lage sein durchzuhalten... und werden aus Palästina hinausgeworfen, außer sie arrangieren sich [mit den Arabern].“[42] Am 16. Mai 1948 stellte der britische Hochkommissar Sir Alan Cunningham fest, dass die Kräftebalance „sich sehr zugunsten der Araber gewendet zu haben scheint“.[43] Der britische Repräsentant in Amman, Alec Kirkbride, gab eine Botschaft von Azzam Pascha weiter: „Es spielt keine Rolle, wie viele [Juden es dort gibt]. Wir werden sie ins Meer fegen.“[44]

Schlussfolgerungen

In seinem jüngsten Buch, One State, Two States: Resolving the Israel/Palestine Conflict wirft Benny Morris eine dunkle Wolke über die Aussichten eines israelisch-palästinensischen Friedens. Er behauptet, dass der Hauptgrund dafür, dass es keinen Frieden gibt, in „der erdrückenden Dunkelheit, Intoleranz, Autoritarismus und Engstirnigkeit der muslimischen Welt“ liegt – eine Realität, die jeglicher Lösung düstere Perspektiven verleiht.[45]

Das Problem mit Morris besteht darin, dass diese Faktoren, wie auch diese zahlreichen Äußerungen über Jihad und die Auslöschung der Juden über all im Nahen Osten, bei der UNO und in der westlichen Presse und akademischen Publikationen seit 1947/48 frei zugänglich waren. Die Öffnung von Archiven, die Historiker so feierlich als „neue Quellen“ zur Schau stellen, können manchmal zum Wissen beitragen, aber nicht unbedingt zum historischen Kontext und Bewusstsein. Neue Dokumente mögen einige vorher nicht verfügbare Details liefern, aber in den meisten Fällen können sie die Richtung der historischen Forschung nicht verändern. Am schlimmsten ist ein selektiver Gebrauch von Archiven, der den historischen Kontext ignoriert, in Verdrehungen und irreführenden Darstellungen endet. Das kann nur Typen wie Ilan Pappé dienen, die nicht einmal versuchen ihre antizionistische Agenda zu verbergen und die „neue Geschichte“ als revolutionäre Bewegung definieren, deren Ziel es ist „die Gültigkeit des Strebens nach einem jüdischen Nationalstaat dort zu überdenken, wo geografisch Palästina war“.[46]

In einer Antwort an Leser der Irish Times äußerte sich Morris zur Frage des Flüchtlingsproblems unzweideutig:

Die Verdrängung der 700.000 Araber, die zu „Flüchtlingen“ wurden – und ich habe den Begriff in Anführungszeichen gesetzt, da zwei Drittel von ihnen aus einem Teil Palästinas in einen anderen verdrängt wurden und nicht aus ihrem Land hinaus (wie es die übliche Definition eines Flüchtlings sagt) – war kein „rassistisches Verbrechen“... sondern das Ergebnis eines nationalen Konflikts und eines Krieges, der, aus muslimischer Perspektive mit einem religiösem Unterton, von den Arabern selbst begonnen wurde. Es gab keinen zionistischen „Plan“ oder pauschale Politik die arabische Bevölkerung zu vertreiben oder der „ethnischen Säuberung“.

Morris sagte weiter, dass angesichts der tödlichen Drohungen „und der zu erwartenden Invasionsrouten der arabischen Armeen... ich [den Juden ihre] Angst oder Logik nicht vorwerfen kann“.[47]

Der neue Morris macht die Araber für ihr Unglück verantwortlich, streitet die Existenz einer jüdischen Strategie der Vertreibung und der Umsiedlung ab und verteidigt im Effekt sogar das Recht David Ben Gurions, angesichts der Jihad-Drohungen noch mehr zu vertreiben. Plötzlich, in den letzten Kapiteln beider Bücher, bringt Morris die Sache der Juden auf, die aus arabischen Ländern vertrieben wurden, womit er zeigt, dass es als Fologe des Krieges einen Austausch von Flüchtlingen in wahrscheinlich derselben Größenordnung gab. Die Araber, die den Krieg erklärten, sagt Morris, sind auch verantwortlich für die Fortsetzung der Tragödie der Palästinenser in Flüchtlingslagern; anders als diese wurden die jüdischen Flüchtlinge in Israel eingegliedert.

Wie angeführt, spricht Morris offen über seine fehlgeschlagenen Erwartungen zu den Zielen der Palästinenser im arabisch-israelischen Konflikt. Vermutlich konnte er, zusätzlich zu seinem Lernprozess zu den Wurzeln des Konflikts, die Tatsache nicht ignorieren, dass es praktisch keine „Neuen Historiker“ auf der Seite der Araber oder der Palästinenser gibt, die untersuchen könnten, wieso der religiöse Faktor derart schädlich sein, den Konflikt zu perpetuieren und wie der radikale Islam so entscheidend für die Hetze gegen die Akzeptierung eines jüdischen Staates sein konnte. Daher beendet er seine Studie zu 1948 mit einem klaren „j’accuse“ gegen die Historiker, die darin versagen die arabische Ablehnung des jüdischen Staates zu begreifen und klare Fakten und Äußerungen religiösen Hasses missachten.

In seinen jüngeren Büchern und Artikeln ist Morris zur Führungsfigur und zur effektivsten Stimme der Offenlegung geworden, wie die verbleibenden Neuen Historiker sich an ihren unbegründeten und falschen Botschaften festklammern. Morris‘ Reise und sein radikaler Rückzug von seinen frühen Veröffentlichungen stellen ein ungewöhnliches Zeugnis der dünnen Linie dar, die Geschichte von Propaganda oder Lüge trennt. Wenn die Aufzeichnung der Ereignisse von einer Entschlossenheit motiviert ist, ein postmodernes politisches Narrativ zu schaffen, könnte es damit enden, dass man ganz vor der Geschichte flüchtet.


Anmerkungen:

[1] Benny Morris: 1948: A History of the First Arab-Israeli War. New Haven, Yale University Press, 2008, S. 392.

[2] Offizielle Berichte des UN-Sicherheitsrats, S/Agenda/58, 16. April 1948, S. 19.

[3] "Palestine Frees #3 in Exodus Crew," New York Times, 9. September 1947, S. 2; ebenfalls Clifton Daniel: Arabs Threaten Force if Holy Land Is Split. New York Times, 7. September 1974, S. E4.

[4] Morris: 1948, S. 232.

[5] Ethan Bronner: The New Historians. New York Times, 9. November 2003.

[6] Es ist leicht den Einflus der Neuen Historiker auf die Universitäten zu festzustellen, indem man die Studienpläne in an nordamerikanischen und europäischen Universitäten überprüft und sieht, wie bedeutend die Schriften von Morris und anderen waren. Zu diesem Einflus s. Daniel Polisar: Making History. Azure, Frühjahr 5760/2000; zu den politischen Auswirkungen an den Universitäten s. Manfred Gerstenfeld: Academics against Israel and the Jews. Jerusalem, Jerusalem Center for Political Affairs, 2007.

[7] Benny Morris: The Birth of the Palestinian Refugee Problem, 1947-1949. New York, Cambridge University Press, 1987. Dieses Buch verweist einige Male auf die Ablehnung eines jüdischen Staates durch die Araber, aber ohne Analyse oder den Versuch das in den historischen Kontext einzuarbeiten. Es gibt außerdem Verweise auf die arabische Absicht die Tragödie der palästinensischen Flüchtlinge als politische Waffen gegen Israel auszunutzen; darauf wird nur in einer Fußnote andeutungsweise hingewiesen. Die erste Fußnote in Kapitel 3 erwähnt Hadsch Amin al-Husseinis Weigerung im März 1949, die Flüchtlinge nach Hause zruückkehren zu lassen. Darüber hinaus felht Morris‘ frühen Büchern die Diskussion bzw. auch nur der Hinweis auf das, was in seinem Buch über den Krieg von 1948 aus dem Jahr 2008 die zentrale Rolle spielt: arabischer Hass, islamischer Antisemitismus, der „Jihad-Impuls“ usw.
Israelische Historiker wie Anita Shapira und Shabtai Teent griffen Morris an, aber die detaillierteste und beständigste Kritik kam von Efraim Karsh, der Morris ernsthaft fünf Fälle von Verdrehung vorwarf: „Falschdarstellung von Dokumenten, Rückgriff auf unvollständige Zitate, Zurückhalten von Belegen, falsch Schlüsse ziehen und umschreiben von Originaldokumenten“. S. Efraim Karsh: „Benny Morris und die Herrschaft der Fehler“, Middle East Quarterly, März 1999 (www.meforum.org/466/benny-morris-and-the-reign-of-error). Zu seinem Angriff auf die Neuen Historiker allgemein s. Efraim Karsh: Fabricating Israeli History: The "New Historians". London, Frank Cass, 1997.

[8] Avi Shlaim spricht von drei Gründern: Morris, Pappé und sich selbst; manche fühgen der Gruppe weitere hinzu. S. Aiv Shlaim: When Historians Matter, Prospect, 29. Juni 2008.
Anders als Pappé, der ein selbst erklärter Postzionist und sogar Antizionist ist, widerstand Morris nachdrücklich jeglichem „post“-Anhängsel für seinen Namen und sein Werk. Er bestand darauf, dass er Zionist war und dass sein Werk keinen politischen Zweck welcher Art auch immer habe.

[9] Simha Flapan: The Birth of Israel: Myths and Realities. New York, Pantheon Books, 1987; Ilan Pappé: The Making of the Arab-Israeli Conflict, 1947-1951. London, Tauris, 1992; und sein antizionistisches Manifest: Britain and the Arab-Israeli Conflict, 1947-51. London, Palgrave Macmillan, 1988; Avi Shlaim: Collusion across the Jordan: King Abdullah, the Zionist Movement, and the Partition of Palestine. New York, Columbia University Press, 1988; und später sein Iron Wall: Israel and the Arab World. London, Allen Lane/Penguin Press, 2000.
Diesen israelischen Historikern schlossen sich zahlreiche weitere Historiker an, die halfen mit denselben fiktiven Behauptungen die revisionistische, antiisraelische Sache zu festigen und gingen so weit Israels moralisches Existenzrecht zu leugnen. Eine typische Veröffentlichung ist: Michael Prior: Zionism and the State of Israel: A Moral Inquiry. London und New York, Routledge, 1999. Das Buch wird beschrieben als „Aufdeckung der inhärent rassistischen und Apartheid-Natur des Zionismus“ oder als „die beste Dekonstruktion der moralischen Legitimation Israels, die ich gesehen habe“. S. David McDowall: Middle East International, zitiert in: Living Stones Magazine, Frühjahr 2000, S. 3.

[10] Tom Segev: One Palestine, Complete: Jews and Arabs under the British Mandate. New York, Henry Holt, 2001. Die britische Unterstützung für die Juden entstammt, nach Segev, ihrem unangebrachten antisemitischen Glauben an die übertriebene globale Macht der Juden.

[11] Alan Dowty: Israel/Palestine. 2. Auflage, Malden, MA: Polity, 2008, S. ix. XXX

[12] Robert I. Rotberg (Hg:.): Israeli and Palestinian Narratives of Conflict. Bloomington, Indiana University Press, 2006; Einleitung: Das Buch stellt verschiedene Blickwinkeln von Zionisten und Antizionisten zusammen; die Einseitigkeit wird klar, wie man an diesem Zitat eines Rezensenten auf dem Cover sehen kann: „Der Hauptbeitrag [des Buches] besteht darin die Spannungen als historisch geschaffen und bedingt zu sehen, womit das dynamische Zusammenspiel zwichen den Narrativen der Hegemonie und des Widerstands offen gelegt werden.“ – Human Rights and Welfare. Hier sind Narrative mit Geschichte austauschbar und die Benutzung des Begriffs „Hegemonie“ hat in diesem postmodernen Vokabular nur eine einzige Bedeutung: die israelische Besatzung. Man betrachte ebenfalls, wie alt gediente Forscher dieses Konflikts diese Darstellung der Narrattive präsentieren, als beste Möglichkeit die Geschichte des Nahen Ostens und den palästinensischen Kampf zu studieren; Gordon Fellman, Rezension von: Robert I. Rotberg (Hg.): Israeli and Palestinian Narratives of Conflict, in: Society, 45 (2008), S. 204-207.

[13] Der radikalste dieser Texte war A World of Changes: History for Ninth Grade, herausgegeben von Danny Ya'akobi und veröffentlicht von der kircheneigenen Lehrplan-Abteilung.
Zu mehr über die Neuen Historiker und den Postzionismus s. Meyrav Wurmser: Can Israel Survive Post-Zionism? Middle East Quarterly, März 1999 (www.meforum.org/469/can-israel-survive-post-zionism).

[14] Mann nannte es The Struggle for Israel's Security (den Kampf für Israels Sicherheit) und die Tageszeitung Yediot Aharonot beschrieb es als „Zerschlagung einer Reihe der berühmtesten Mythoen, mit denen wir aufgezogen wurden“; 4. August 1999.

[15] Dies gründet sich, mit Hinzufügungen und Klarstellungen des Autors, auf zwei Darstellungen: Benny Morris: 1948 and After: Israel and the Palestinians. New York, Oxford University Press, 2008, S. 9 und
Miron Rapaport: Interview mit Avi Shlaim: "No Peaceful Solution," Haaretz, 11. August 2005 (www.editriceilponte.org/_files/HaaretzInterviewEnglish.pdf).

[16] Yezid Sayigh: Armed Struggle and the Search for State: The Palestinian National Movement 1949-1993. Oxford and Washington DC, Clarendon Press/Institute for Palestinian Studies, 1998, S. 3.

[17] Dieser Vorwurf ist unbegründet. Erstens gibt es so etwas wie eine offizielle israelische Geschichte des Krieges nicht. Zweitens lenken viele offizielle Vertreter Israels und Historiker die Aufmerksamkeit auf Fälle von Vertreibung als Teil und Paket eines achtzehnmonatigen Krieges, der in Städten und Dörfern und in Gegenden ausgefochten wurde, die die Straßen zu belagerten jüdischen Städten und Siedlungen kontrollierten.

[18] Naomi Alon: Interview with Benny Morris, 17. O.tober 2008 (http://cafe.themarker.com/view.php?t=676520 [Hebräisch])

[19] Gershon Baskin/Zakaria al Qaq: Creating a Culture of Peace, Jerusalem, Israel-Palestine Center for Research and Information, 1999 (http://www.ipcri.org/).

[20] Shlaim: "When Historians Matter."

[21] Michal Ben-Josef Hirsch: "From Taboo to the Negotiable: The Israeli New Historians and the Changing Representation of the Palestinian Refugee Problem", Perspectives on Politics, Juni 2007.

[22] Shlaim: "When Historians Matter." In einem weiteren Fall heißt es in einer Rezension von Ben-Amis Buch im Guardian, dass das Buch „revisionistische“ Annahmen beinhaltet, die bis vor kurzem von den meisten Israelis glatt abgelehnt wurden: dass entgegen des alten Bildes des David gegen Goliath das Gleichgewicht der Kräfte und der Motivation im Krieg von 1948 ihnen einen Vorteil verschaffte; dass die Besetzung der Westbank und des Gazastreifens seit 1967 alles andere als befreiend war; dass die israelische Haltung immer ein genauso wichtiger Teil dieser traurigen Geschichte der arabischen Uneinsichtigkeit gewesen ist.
s. Ian Black: "Not David but Samson", Rezension von Shomo Ben-Ami: Scars of War, Wounds of Peace: The Israeli-Arab Tragedy, in: The Guardian, 11. Februar 2006.

[23] Benny Morris: "BeChazara LeTashach" (Rückkehr nach 1948), Haaretz Literaturmagazin, 16. September 2009 [Hebräisch].

[24] Howard M. Sachar: A History of Israel, New York, Knopf, 1979, S. 333.

[25] Ahron Bregman/Jihan El-Tahri: Israel and the Arabs, New York, TV Books, 1998, S. 28.

[26] Sachar: History of Israel, S. 333.

[27] Benny Morris: "Peace? No Chance", The Guardian, 21. Februar 2002.

[28] Ari Shavit, Interview with Benny Morris: "Survival of the Fittest?" Haaretz, 16. Januar 2004.

[29] Rashid Khalidi: The Iron Cage: The Story of the Palestinian Struggle for Statehood. Boston: Beacon Press, 2006. Siehe die Verweise auf Antisemitismus und al-Husseini im Index, wo Khalidi erklärt, warum er als Führer versagte und wegen seiner Allianz mit den Nazis diskreditiert war (S. 62, 114, 127). S. ebenfalls Khalidis Kritik an Arafat (S. 158-164).

[30] ebenda, S. xxxvii.

[31] Morris: 1948: A History of the First Arab-Israeli War, S. 16, 21. Die Auslassungen durch die Neuen Historiker zur Rolle des Mufti bei der Hass-Aufwiegelung gegen die Juden sind Teil ihres Unternehmens die Geschichte umzuschreiben. Es gibt endlose Berichte zum Mufti aus den frühen Stadien des Konflikts unter dem britischen Mandat. Es bestand keine Notwendigkeit neue Archive zu öffnen, um akkurat über ihn zu schreiben. Es ist viel über ihn als das Symbol der arabisch-antisemitischen Blockierung des Friedens geschrieben worden. Zwei jüngere Bücher untermauern das frühere Wissen mit der Nutzung neuer Dokumente: David G. Dalin/John F. Rothmann: Icon of Evil: Hitler's Mufti and the Rise of Radical Islam, New York, Random House, 2008; Jeffrey Herf: Nazi Propaganda for the Arab World, New Haven, Yale University Press, 2009.

[32] Morris: 1948: A History of the First Arab-Israeli War, S. 34.

[33] ebenda, S. 395.

[34] ebenda, S. 65.

[35] ebenda, S. 70.

[36] Larry Collins/Dominique Lapierre: O Jerusalem! New York, Pan Books, 1972, S. 315. Diese Quelle, ein führender Bestseller, ist nur ein Beispiel unter vielen anderen, dass Morris nicht auf die Öffnung von Archiven im 21. Jahrhundert warten musste, um die Bedeutung der jihadistischen Bedrohungen zu erfassen und den Zusammenhang der Verschlechterung der militärischen Balance zu Ungunsten der Juden zu begreifen.

[37] Morris: 1948: A History of the First Arab-Israeli War, S. 399.

[38] ebenda, S. 398.

[39] ebenda, S. 401.

[40] ebenda, S. 397.

[41] ebenda, S. 403. Wieder sind all diese Fakten in zahlreichen Quellen direkt nach 1948 gut dokumentiert. S. die Quellen der britischen und amerikanischen antiisraelischen Diplomatie bei den Vereinten Nationen in: Avi Beker: The United Nations and Israel: From Recognition to Reprehension, Lexington (MA), Lexington Books, 1988, Kapitel. 3. Ein jüngeres Buch stellt die durchgängigen Bemühungen des britischen und des amerikanischen Außenministeriums heraus die Teilungsresolution bei den UN Anfang 1948 zu behindern und zurückzuziehen; Allis Radosh/Roland Radosh: A Safe Haven: Harry S. Truman and the Founding of Israel. New York, HarperCollins, 2009, Kapitel 10.

[42] Morris: 1948: A History of the First Arab-Israeli War, S. 81.

[43] ebenda, S. 112.

[44] ebenda, S. 187.

[45] Benny Morris: One State, Two States: Resolving the Israel/Palestine Conflict. New Haven, Yale University Press, 2009.

[46] Ilan Pappé: "Post-Zionist Critique on Israel and the Palestinians, Part II: The Media", Journal of Palestine Studies 26, 3/1997, S. 37-43.

[47] Benny Morris, Brief an die Irish Times, 21. February 2008 (http://zionism-israel.com/israel_news/2008/02/israel-and-palestinians-according-to.html).

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Dr. Avi Beker lehrt nach seiner Rückkehr von einer zweijährigen Gastprofessur an der Georgetown University im MA-Programm Diplomatie an der Universität Tel Aviv. Er ist ehemaliger Generalsekretär des World Jewish Congress und hat Bücher und Artikel zu internationaler Politik und Sicherheit sowie das Weltjudentum geschrieben.

Übersetzung aus dem Englischen mit Erlaubnis des Jerusalem Center for Public Affairs: H.Eiteneier