Am 19. und am 21. Juni 2002 erschien in der palästinensischen Tageszeitung "Al-Quds" eine Anzeige mit einem Aufruf von palästinensischen Intellektuellen, der weltweit - auch in unseren Medien - große Beachtung fand. In diesem Artikel befinden sich:

1. Die beiden palästinensischen Kommuniques gegen die Selbstmordanschläge
2. Palästinensische Reaktionen auf die Kommuniques
3. andere Reaktionen und Einschätzungen

1. Das palästinensische Kommunique gegen die Selbstmordanschläge
(beide Versionen, die nacheinander veröffentlicht wurden)

 

Aufruf von 55 palästinensischen Intellektuellen gegen die Selbstmordattentate
(übersetzt aus MEMRI Special Dispatch Series No. 393 - A Palestinian Communiqué Against Martyrdom Attacks):

"Aufruf - Aufgrund unserer nationalen Verantwortung und wegen der bedenklichen Lage, in der das palästinensische Volk sich befindet, hoffen wir, die Unterzeichner, dass diejenigen, die hinter den Militäraktionen stehen, die auf die Schädigung von Zivilisten in Israel zielen, ihre Vorgehensweise überdenken und damit aufhören, unsere Jugend dazu anzutreiben diese Operationen auszuführen, denn wir sehen nicht, dass sie zu anderen Ergebnissen führen als zunehmendem Hass, Feindseligkeit und Feindschaft zwischen zwei Völkern, die die Kluft zwischen ihnen vertiefen und die Möglichkeit zerstören, dass beide Völker nebeneinander in Frieden in benachbarten Staaten leben.

Wir denken, dass diese Operationen keine Fortschritte in der Realisierung unseres [nationalen] Plans bringen, der zur Freiheit und Unabhängigkeit aufruft. Im Gegenteil: Sie verstärken die Einigkeit unter den Feinden des Friedens auf der anderen Seite [Israel] und liefern der aggressiven Regierung, an deren Spitze Sharon steht, Rechtfertigungen den grausamen und aggressiven Krieg, den er gegen unser Volk führt, fortzusetzen - einen Krieg, der sich gegen unsere Dörfer, unsere Städte, unsere Alten und unsere Kinder, wie auch gegen unsere Errungenschaften, unsere Hoffnungen und unser nationales Projekt richtet.

Militärische Operationen können positiv wie negativ nur nach dem Maß beurteilt werden, in dem sie politische Ziele erreichen. Daher gibt es eine Notwendigkeit diese Aktionen zu überdenken; wir wissen, dass wir glauben1, die Ermutigung zu wechselseitigen existentiellen Kämpfen zwischen den deiden Völkern im Heiligen Land würde zu etwas anderem führen als der Zerstörung und dem Ruin für alle Menschen in dieser Region. Wir wüssten keine logische, menschliche oder politische Rechtfertigung für dieses Ergebnis.

Wir rufen jedermann auf, der diesen Aufruf unterstützt, seine Unterschrift per Fax an die Nummer 02-62277166 zu schicken.
Dieses Kommunique wird bald ein weiteres Mal veröffentlicht.
Dieses Kommunique wurde mit finanzieller Unterstützung der EU für die Friedenskampagne veröffentlicht.(1)

Zu den 55 Unterzeichnern gehörten u.a. Sari Nusseibeh und Hanan Ashrawi

1an dieser Stelle steht in MEMRIs Original: "wissen, dass wir nicht glauben,...", das aber zu einem Widerspruch innerhalb des Absatzes führen würde.

Zwei Tage später wurde das Kommunique erneut veröffentlicht, diesmal modifiziert und mit weiteren Unterzeichnern. Zusätzlich wurde eine englische Übersetzung in der Jerusalem Times (Palästinensische Autonomie) am 20. Juni veröffentlicht.
Diese zweite Version hatte 315 Unterzeichner, darunter die 10-jährige Maiys Ouda, den ehemaligen PA-Minister Ziyad Abu Ziyad und das PLC-Mitglied und Leiter des politischen Komitees Ziyad Abu Amru. Die Information bezüglich der Finanzierung durch die EU war nicht mehr enthalten, statt dessen gab es eine Bemerkung, dass die Namen der Unterzeichner in der Reihenfolge ihrer Abgabe erschienen. Es wurde außerdem die folgende Erklärung hinzu gefügt:

"Es ist überflüssig darauf hinzuweisen, dass alle Unterzeichner dieses Kommuniques alle Maßnahmen schärfstens verurteilen, die von der Israelischen Unterdrückung gegen unser Volk durchgeführt wurden, darunter die Politik der militärischen Vorstöße, Ermordungen und Belagerung. Wir betonen, dass die Besatzung der Grund der Tragödie ist, der unser Volk ausgesetzt ist und dass Widerstand ein Recht und eine Verpflichtung sind."(2)

Diese beiden Änderungen spiegeln die unten beschriebene Kritik an den Unterzeichnern wider.

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2. Palästinensische Reaktionen:

2.1. PLC/Fatah-Mitglied Hatem Abd Al-Qader:(3)

In einem Interview mit der arabisch-israelischen Wochenzeitschrift Al-Sinara erklärte das Mitglied des PLC und der Fatah-Führung Hatem Abd Al-Qader:

"Dieses Kommunique ist für die Fatah-Bewegung nicht akzeptabel. Es ist nicht ausgewogen, denn es bezieht sich auf Operationen gegen israelische Zivilisten, aber nicht auf die von Sharon begangenen Verbrechen gegen das palästinensische Volk. Die Unterzeichner sollten sich auf diese Verbrechen konzentrieren. Wenn diese Operationen terroristisch sind, dann ist das, was Sharon ausübt, auch Terror. Und Terror kann nicht nur aus einem Blickwinkel betrachtet werden."

Als der Interviewer anmerkte, dass das Kommunique sich nicht auf Sharon und die Operationen der israelischen Regierung in den Gebieten bezieht, erklärte Abd Al-Qader:

"Ich weiß, was in dem Kommunique steht. Es wurde mir gezeigt, aber ich habe mich geweigert es zu unterzeichnen. Es stimmt, dass das Kommunique eine Richtung einschlägt, wo ein gewisser Menschenverstand zu finden ist, aber trotzdem ist es nicht ausgewogen. Wir könnten eine Kommunique haben, das einige Dinge in den richtigen Rahmen setzt. Wir sind absolut gegen die Tötung von Zivilisten auf beiden Seiten; wir lieben auch das Blutvergießen nicht. Aber die Frage ist, wie der Teufelskreis durchbrochen werden kann. Es muss durch die Beendigung der Aggression gegen das palästinensische Volk geschehen."

Der Interviewer fragte weiter: Was sind die Voraussetzungen für die Einstellung der Märtyreroperationen? Al-Qader antwortete:

"Konkrete Bemühungen zur Beendigung dieser Operationen könnten gemacht werden, wenn Israel sich zu fünf Punkten verpflichtet:

Erstens muss es die Aggression gegen das palästinensische Volk beenden - das heißt: die Vorstöße auf unser Gebiet einstellen. Zweitens muss es sich allen besetzten palästinensischen Gebieten abziehen. Drittens muss es die Belagerung der Palästinenser in den Gefängnissen aufheben. Viertens muss es alle [palästinensischen] Gefangenen frei lassen. Fünftens msus die internationale Gemeinschaft für Garantien sorgen, das wir in der Lage sein werden unser Recht auf Widerstand über die 1967-er Grenzen hinaus auszuüben... Ohne diese Bedingungen wird es schwierig sein, diese Operationen zu begrenzen. Niemand kann das, so lange die israelische Aggression weiter geht. Und wer immer behauptet, er könne diese Operationen ohne die passende Atmosphäre beenden, der träumt oder befindet sich im Delirium."

Der Interviewer meinte dann: Aber Präsident Yassir Arafat gab ein Kommunique heraus, in dem er einen Stopp der Operationen verlangte. Er griff diese sogar an. Abd Al-Qader antwortete:

"Die einzigen, die diese diese Operationen ausführen, sind lokale Führer... Sogar die Entscheidungen der Al Aksa-Märtyrerbrigaden hängen heute von der politischen Lage ab... Die Al Aksa-Märtyrerbrigaden, der militärische Arm der Fatah, sind nicht der zentralen Entscheidung der politischen Führung unterstellt... Arafat hat fast keine Kontrolle und der andere Verantwortliche ist Israel...


2.2. Einer der obersten Hamas-Repräsentanten, Dr. Abd al-Aziz Al-Rantissi:(4)

In einem anderen Al-Sintara-Interview wrude Dr. Abd al-Aziz Al-Rantissi, einer der Hamas-Köpfe im Gazastreifen, zu dem Kommunique befragt. Er sagte:

"Wir halten niemanden davon ab seine Meinung nach Belieben zu sagen. Die meisten Unterzeichner haben keine Verbindung zum Widerstand und glauben in keiner Weise an den palästinensischen Widerstand... Uns ist bewusst, dass es Uneinigkeiten gibt, aber wir schauen in der Folge auf die palästinensische Straße, was die Hamas-Aktion von Dienstag und die der Fatah in Jerusalem am Montag und weitere Operationen angeht. Und wir erkennen eine Regel: dass das palästinensische Volk den Widerstand unterstützt, wie es auch die verschiedenen palästinensischen Fraktionen tun..."

"Die Unterzeichner des Kommuniques ignorieren die Belagerung des palästinensischen Volkes und fingen an, von den Leiden der Aggressoren zu reden - womit sie die Wut der palästinensischen Straße erregten... Dieses Kommunique wurde von Europa bezahlt. Statt die Hungrigen unter den Palästinensern zu ernähren, bezahlt Europa Kommuniques mit politischen Positionen, die den Widerstand des palästinensischen Volkes negieren."


2.3. Al-Rantissi auf der Hamas-Internetseite:(5)

In einem Artikel auf der Internetseite von Hamas schrieb Al-Rantissi: "...Warum unterstütztet ihr nicht, was CNN-Gründer Ted Turner sagte, als er Verständnis für die Märtyreroperationen zeigte, die die Palästinenser gegen die zionistische Militärmaschinerie unternimmt... Euer Freund Uri Avneri vom zionistischen Peace Now-Block, war ausgewogener als ihr; das wirft bezüglich der Ziele dieses verwünschten Kommuniques viele Fragen auf... Wenn Avneri bescheinigt, dass Millionen den Widerstand und den Jihad unterstützen, für wen steht ihr, oh [Unterzeichner] des europäisch finanzierten Kommuniques? Warum richtet ihr eure Pfeile nicht gegen die wirklichen Gründe des Hasses und der Feindseligkeit? Oder denkt ihr, wür müssten der Besatzung und ihren Handlungen zustimmen?... Oh Unterzeichner des Kommuniques, das vom Euro unterstützt ist - ich erinnere auch daran, dass das palästinensische Volk vom Blut unterstützt ist."


2.4. Die Haltung der Fatah-Führung:(6)

Zwei grundsätzliche Ansätze können in der Haltung der Fatah-Führer beobachtet werden: Die erste legt der Beendigung der Märtyreroperationen Bedingungen auf, während die zweite völlig Arafats Haltung ignoriert mit der Begründung, dass Arafat "nicht länger die Kontrolle des militärischen Arms der Fatah" hat.

In einem Interview mit der israelisch-arabischen Wochenzeitung Al-Sinara erklärt der Generalsekretär der Fatah in der Westbank, Hussein Al-Scheik, dass einige der Operationen "weder zum rechten Zeitpunkt noch am richtigen Ort" stattfanden. "Sharon ist derjenige, der für die Eskalation und die palästinensische Reaktion verantwortlich gemacht werden muss. Der Ball sollte nicht auf der palästinensischen Seite liegen."(11)


2.5. Ein Gegen-Kommunique (Al-Watan, Saudi Arabien, 30. Juni 2002
(http://www.memri.org/bin/articles.cgi?Page=countries&Area=palestinian&ID=IA10102)

150 arabische Intellektuelle, darunter viele Palästinenser, gaben ein Gegen-Kommunique heraus, das Selbstmord-/Märtyreranschläge unterstützt. Dieses Kommunique sagt:
"Was heute von allen arabisch-palästinensischen Menschen verlangt werden muss, von allen Fraktionen, ist der Widerstand gegen die Besatzung und sie von all unserem Land auf alle Arten und mit allen Mitteln zu entfernen, hauptsächlich durch bewaffneten Kampf mit allen Waffen, die zu finden sind. Das muss die Antwort sein auf die zionistische Militärmaschine, die mit amerikanischen Waffen ausgestattet ist und übermäßig gegen unser Volk eingenommen ist, gegen unsere Sache und gegen alles in der arabischen Welt."

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3. andere Reaktionen und Einschätzungen:

IMRAs Aaron Lerner kommentierte am 20. Juni 2002 in seinem wöchentlichen Kommentar auf Israel National Radio:

Palästinenser stellen die Effizienz des Terrors nicht in Frage, nicht die Moral

Es ist wichtig, dass fest gestellt wird, dass die verschiedenen Palästinenser Erklärungen bezüglich Terroranschlägen die Anschläge nicht als "unmoralisch" bezeichnen - nur als kontraproduktiv. Für die Palästinenser ist das nicht die Frage der Moral des Terrors, sondern der Effizienz des Terrors.

Terranschläge wie der mörderische Anschlag heute Abend in Itamar oder z.B. ein Anschlag auf die Westmauer in Jerusalem werden von keiner dieser für den Konsum im Ausland bestimmten Erklärungen abgedeckt, da sie jenseits der grünen Linie statt finden. Alle Erklärungen beziehen sich nur auf Angriffe gegen Zivilisten "innerhalb Israels", also innerhalb der "grünen Linie".

HE:
Ich denke, dem ist nichts hinzu zu fügen. Es wird von diesen ganzen "moderaten" Palästinensern nicht in Frage gestellt, ob Selbstmord-Operationen moralisch nicht zu rechtfertigen sind. Im Gegenteil. Jede Erklärung des Kommuniques beinhaltet immer wieder, dass "Märtyreroperationen" gut und richtig sind, wenn sie Erfolg versprechen. Der einzige Grund, der das Kommunique veranlasst hat, ist die Befürchtung, dass diese Taten kontraproduktiv sind. Zur Verdeutlichung hier eine Äußerung von Sari Nusseibeh, einem der Erstunterzeichner und im Westen so hoch gehaltenen "Moderaten", im Al Jazira-TV. Er befand sich in einer "Talkshow" mit einem Hamas-Führer und der begeisterten Mutter eines Selbstmordbombers, die er kurz vor dem folgenden Absatz in höchsten Tönen lobte:

Nusseibeh wurde zu der Anzeige "gegen" Selbstmordbomber in Israel befragt. Er antwortete:

Nach dem, was ich gehört habe, gibt es einige Missverständnisse zwischen dem Rahmen der persönlichen Motivation derer, die diese Aktionen durchführen einerseits und dem Rahmen, über den wir reden andererseit. Der letzte ist die Frage des politischen Gewinns oder Nutzens (einer solchen Aktion). Ich möchte mich nicht zur Frage der persönlichen Motivation eines Einzelnen äußern, sondern wir wollen besonders den Bereich des politischen Nutzens diskutieren, denn wir glauben, dass jede Aktion des Widerstands dieser Frage untergeordnet werden muss. Das heißt: verursacht diese Aktion Nutzen oder Schaden. Wir müssen auch unterscheiden zwischen demjenigen, der den Märtyrertod gegen militärische Ziele sucht und dem, der ihn gegen zivile Ziele sucht. In unserer Anzeige richteten wir uns ausdrücklich an potentielle Märtyrer der letzteren Kategorie, die Art mit der Sprengsatz-Operationen. Und denen sagten wir Folgendes: Wir sagten - und das will ich betonen -, dass wir weder (ihre Aktionen) weder verurteilen noch verunglimpfen und wir frönten keinen Sentimentalitäten. Statt dessen sprachen wir brüderlich, um einen Dialog zu schaffen, damit es eine Auswertung gibt, an der alle Theoretiker und die Aktiven teilnehmen können. Wie Sie selbst zu Beginn erklärten, Bruder Ghassan [das ist der anwesende Hamas-Führer], alle sind an dieser Frage beteiligt, vom Standpunkt der Bewertung des positiven Nutzens, des positiven Nutzens gegenüber dem Schaden der Aktionen gegen Zivilisten innerhalb Israels."
[http://www.aljazeera.net/programs/open_dialog/articles/2002/7/7-2-1.htm]

Es wird von palästinensischer Seite in keiner Weise irgendwo anerkannt, welchen Anteil (nach meiner Meinung nämlich den allergrößten) die Palästinenser an den derzeitigen Zuständen haben; es wird nirgendwo Verantwortung übernommen für die Hass-Erziehung in den Schulen und Medien, für die Hass-Predigten in den Moscheen usw. - für die Gehirnwäsche, der die palästinensische Bevölkerung seit fast einem Jahrzehnt ausgesetzt ist.

Ich finde es unbegreiflich, dass bei uns im Westen solche Erklärungen wie das Kommunique der "moderaten palästinensischen Intellektuellen" nicht in richtigen Zusammenhang dargestellt werden. Unsere Medien berichteten lediglich, dass "moderate Palästinenser" Selbstmordaktionen verurteilten. Dem westlichen Wunschdenken entsprechend wird von neuer Friedenshoffnung geschwärmt, statt den Wortlaut zu analysieren. Der zynische Gebrauch der westlichen Träume durch palästinensische Propaganda - so kontrovers sie auch innerhalb bzw. unter den Fraktionen dort diskutiert werden - fällt hier nicht einmal auf!

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Fußnoten:
(1) Al-Quds (Palästinensische Autonomie), 19. Juni 2002.
(2) Al-Quds (Palästinensische Autonomie), 21. Juni 2002.
(3) Al-Sinara (Israel), 21. Juni 2002.
(4) Al-Sinara (Israel), 21. Juni 2002.
(5) http://www.palestine-info.info/arabic/palestoday/readers/articles/rantese/20-6-02.htm.
(6) Kul Al-Arab (Israel), 24. Juni 2002, zitiert nach http://www.memri.org/bin/articles.cgi?Page=countries&Area=palestinian&ID=IA10002

Übersetzungen: H.Eiteneier