Al-Masri erinnert sich, dass er 1988 eines Abends mit Arafat zusammen saß, als der palästinensische Führer eine Formel verhandelte, die es den USA erlauben würde die PLO anzuerkennen. „Sie gaben ihm die Formulierung und er benutzte sie in einer Rede in Genf, aber er fügte weitere Worte hinzu, damit niemand herausfinden konnte, was er sagte“, erinnert sich al-Masri. „Die Amerikaner sagten: ‚Auf keinen Fall.’ Also blieb ich die ganze Nacht mit ihm und Dick Murphy, dem stellvertretenden Außenminister, auf, um auszuarbeiten, was er sagen musste. Die Formulierung war: ‚Wir schwören allen Formen des Terrorismus total und absolut ab.’ Dann beriefen sie eine Pressekonferenz ein und er sagte alles richtig, außer dass er statt ‚We renounce terrorism’ sagte: ‚We announce tourism! We announce all forms of tourism!’ [Wir verkünden Tourismus! Wir verkünden alle Formen des Tourismus!]“
Das Gespräch über Arafats letzte Krankheit macht al-Masri wieder traurig. „Jeden Morgen ging ich um ihn zu sehen und ihm die Medikamente zu geben, weil er sie von niemand anderem nehmen würde“, erinnert er sich und schaut trübsinnig hinaus über seinen Rasen. „Ja, und ich dachte nie daran, dass er sterben würde.“
„Wie lange wussten Sie schon, dass er krank war?“, frage ich.
„Das ganze letzte Jahr. Letztes Jahr im September sagte er mir, er fühle sich nicht gut. Und dass er fühlte, dass etwas nicht in Ordnung war und dass es aussah, als hätte er dieselben Symptome wieder, aber das letzte Mal hatte er genug Immunkörper. Ja, er wusste es.“
Mir fällt auf, dass al-Masri das Wort „Immunkörper“ [immunity] benutzt, das charakteristischerweise mit AIDS in Verbindung gebracht wird. Gerüchte, dass Arafat an „einer schändlichen Krankheit“ starb, verbreitete sich schnell durch die Westbank und den Gazastreifen. Arafat, der seine Frau Suha 1990 heiratete, war oft von Kindern umgeben und ging offen herzlich mit einigen seiner Leibwächter um. Die Palästinenser-Führung verurteilte die Berichte, dass Arafat homosexuell war, als vom Mossad verbreitete Lügen. Es zirkulierten ebenfalls Erzählungen, dass eine heimliche Vereinbarung zwischen den Israelis und Arafats Erben erzielt worden sei, in der festgelegt wurde, dass die Wahrheit über Arafats Krankheit nicht veröffentlicht, der Palästinenser-Führer in Ramallah und nicht in Jerusalem beerdigt und die gesuchten Männer, die ihm in die Gefangenschaft begleitet hatten, von den israelischen Streitkräften nicht verfolgt würden.
„Er wusste, dass es dieselbe Krankheit war, die er vor einem Jahr hatte?“, frage ich. Al-Masri nickt.
“Dieselben Symptome”, antwortet er. „Aber sehen Sie, wie stark er war. Ich meine, als Abu Mazen kam“, sagt er und bezieht sich auf Arafats langjährigen Stellvertreter Mahmud Abbas, „brachten wir ihn von einem Bett in seinem kleinen Raum in einen größeren Raum, wo er sitzen konnte. Ich saß auf dem Bett. Abu Mazen saß vor ihm und Abu Alaa saß vor ihm. Er sagte: ‚Ah, Mazen.’ Sein Gesicht war sehr rot und Sie wissen, dass er sehr krank war, aber er wollte zeigen, dass er immer noch mit Abu Mazen die Kontrolle der Details hatte, wissen Sie? Er sagte: ‚Ich habe diese Grippe, ah, ah. Ich habe diese Grippe. Kam und schlug sich mir auf den Magen.’“
Die Taschen des Alten Mannes
Entlang der Außenmauern der Wachstube der Muqata unter zerfetzte Poster einer weißbärtigen, verrückten Figur, die Abu Ammar in den letzten Jahren seines Lebens wurde. Sein Volk akzeptierte seine Schwächen, weil er ihr Vater war. Er gab ihnen ihren Namen. Er zahlte für ihre Hochzeiten und ihre Beerdigungen. Es war Teil seiner väterlichen Pose, dass kein Palästinenser, der ihn um Geld bat, ihn mit leeren Händen verließ. Wenn er Städte besuchte, folgte ihm ein Mitarbeiter mit einem Samsonite-Koffer, der mit Geldbündeln voll gestopft war, die er unter den Leuten verteilte, die sich anstellten und um Geld bettelten. Gewöhnliche Palästinenser schalteten Kleinanzeigen in Zeitungen, um Arafat um Geld zu bitten. Andere schrieben ihm Briefe. „Ich schrieb ihm einen Brief anlässlich der Hochzeit meiner zweiten Tochter“, erzählt mir eines Nachmittags ein qahwehgee, ein „Kaffee-Träger“, der außerhalb der Muqata arbeitet, während er eine kleine Tasse mit heißem, schwarzen Kaffe aus einem großen Messing-Boiler füllt. Er zeigt mit einem Nicken an, dass der Alte Mann großzügig war.
Solche Großzügigkeit war ein allgemeines Merkmal der Herrschaft Arafats. Von der israelischen Armee in der Muqata beschlagnahmte Dokumente zeichnen ein erstaunliches Porträt der Bandbreite von Anfragen, denen Arafat gewöhnlich mit Bargeld antwortete. Die gefundenen Dokumente führen die Anfragen für Schulgebühren für arme Kinder in Gaza auf (Arafat gab ihnen jeweils 250 Dollar) und 34.000 Dollar für Unterrichtsgebühren und –ausgaben für die Töchter eines PLO-Beamten, damit sie in Großbritannien studieren konnten („$10.000 Dollar sind zu zahlen“). Obwohl Arafat gewöhnlich seine Weitergaben an gewöhnliche Palästinenser auf die Hälfte oder auf ein Drittel dessen kürzte, was angefragt wurde, wurden solche Sparsamkeiten nicht auf die Petitionen seiner höchsten Beamten auferlegt. Wenn ein Mitglied von Arafats Zirkel um Geld für den Erwerb von Gemälden von Mekka und Medina anfragte, die als Geschenk für eine Freundin gedacht waren, war Arafat glücklich, dem nachkommen zu können („Die zwei Bilder sollten bezahlt werden – 66.000 Dollar“).
Mitglieder der Präsidenten-Garde erhielten mehr Geld als erbeten. Als Leutnant Mahfoudh Aissa um Flugzeug-Tickets für seine Frau und vier Kinder erbat, um seine kranke Schwiegermutter in Tunis zu besuchen, genehmigte Arafat die Bitte und fügte hinzu: „Die Tickets sind zu zahlen und zusätzlich $1.000 für sonstige Ausgaben.“ Dann gab er das wie üblich ans Finanzministerium weiter, das in der meisten Zeit seiner Regierung als persönliche Kasse des palästinensischen Führers diente.
Für die an der Spitze des Haufens waren die Belohnungen viel größer und systematischer. Die Menge des der palästinensischen Autonomie und dem palästinensischen Volk gestohlenen Geldes über die korrupten Machenschaften von Arafats innerem Zirkel sind so Schwindel erregend groß, dass sie die Hälfte der Gesamtsumme von 7 Milliarden Dollar an Auslandshilfen an die palästinensische Autonomie ausmacht. Der größte Dieb war Arafat selbst. Der Internationale Währungsfond hat konservativ geschätzt, dass Arafat von 1995 bis 2000 900 Millionen Dollar aus den Kassen der PA abzweigte, eine Summe, die nicht das Geld enthält, das er und seine Familie durch so zweitrangige Mittel wie Aufträge ohne Ausschreibung, Provisionen und Gewinnanteile abschöpften. Ein von einem offiziellen PA-Komitee unter Leitung von Arafats Cousin erstellter Geheimbericht kam zu dem Schluss, dass alleine 1996 326 Millionen Dollar oder 43% des Staatsbudgets unterschlagen wurden und weitere 94 Millionen Dollar oder 12,5% des Haushalts an das Büro des Präsidenten gingen, wo sie nach Arafats persönlichem Gutdünken ausgegeben wurden. Zusätzliche 35 Prozent des Haushalts gingen in die Bezahlung der Sicherheitsdienste, was die Gesamtsumme von 73 Millionen Dollar oder 9,5 Prozent des Haushalts zur Verwendung für die Bedürfnisse der Bevölkerung der Westbank und des Gazastreifens übrig ließ. Die finanziellen Ressourcen der PLO, die sich auf irgendwo zwischen ein und zwei Milliarden Dollar belaufen, wurden nie in den Haushalt der PA eingebracht. Arafat versteckte seinen persönlichen Vorrat, der auf 1 bis 3 Milliarden Dollar geschätzt wird, in mehr als 200 unterschiedlichen Bankkonten rund um die Welt, deren Mehrzahl seit seinem Tod noch nicht gefunden wurden.
Anders als die comicartigen Gewohnheiten einiger Führer der Dritten Welt, wie Präsident Mobutu Sese Seko in Zaire und Saddam Hussein, enthielt sich Arafat greller Herausstellung seines Reichtums. Seine Korruption war von einer nüchterneren Art. Er war ein Kenner der Macht, der das Geld, das er stahl, dazu nutzte Einfluss zu kaufen, Verschwörungen zu provozieren oder entschärfen, um Bewaffnete zu bezahlen und Anhänger zu sammeln wie andere Briefmarken oder Schmetterlinge. Arafat hatte verschiedene Berater, die das System der Patronage und des Diebstahls beaufsichtigten, das in einer Serie investigativer Artikel von Ronen Bergman überzeugend dargestellt wurde, die in den späten 90-er Jahren in der israelischen Zeitung „Ha’aretz“ erschien. Der PLO-Schatzmeister Nizar Abu Ghazaleh leitete die Firma al-Bahr („das Meer“) im Auftrag einer kleinen Zahl wohlhabender Anteilseigner, darunter Arafats Ehefrau Suha. Al-Bahr setzte den Preis für eine Tonne Zement im Gazastreifen auf 74 Dollar fest, von denen 17 Dollar auf Arafats privates Bankkonto flossen. Einer von Arafats Lieblings-Handlangern, Harbi Sarsour, leitete die General Petroleum Company, die sich ein Monopol für alle Benzin und Treibstoff-Produkte schaffte, die in der Westbank und dem Gazastreifen verkauft werden. Eine Firma namens Skahra („der Felsen“), geleitet von Fuad Shubaki im Auftrag der Fatah, profitierte immens von einem Exklusivvertrag zur Lieferung aller Uniformen und anderer Vorräte für die palästinensischen Sicherheitskräfte. Offizielle Monopole für grundlegende Güter und Dienste haben exklusive Lieferanten auf der israelischen Seite. Diese profitablen Verträge wurden von Arafat an Firmen vergeben, die mit ehemaligen hochrangigen Mitgliedern der israelischen Zivilverwaltung und den Sicherheitsdiensten in der Westbank und dem Gazastreifen verbunden waren.
Das Genie hinter diesem System war Mohammed Rachid, der Arafats engster Wirtschaftsberater wurde. Einst Protege von Abu Jihad, war Rachid der ehemalige Herausgeber eines Magazins, der im Diamantengeschäft aktiv wurde. Er fiel Arafat wegen seines ausgeprägten Talents als Geschäftsmann auf und weil er ethnischer Kurde war- was bedeutet, dass er sicher getrennt von der Familien- und Clan-basierten Politik war, die immer die Teilung der Gewinne bedrohte.
In ihren Städten und Dörfern waren die Palästinenser der Erpressung und Gewalt von Arafats sich einander überschneidenden Sicherheitsdiensten ausgesetzt, die untereinander um Bestechungsgelder wetteifern, willkürlich Menschen festnehmen und ihr Land beschlagnahmten und die Einwohner zwangen für alles von Mehl bis Benzin und Zigaretten, Rasierklingen und Schaffutter doppelte und dreifache Preise zu zahlen. Die Tatsache, dass fast jeder im palästinensischen politischen Leben etwas aus Arafats Hand genommen hat, machte es schwer ihn zu kritisieren; es war einfacher einfach mitzumachen. 1991, am Tiefpunkt der Finanzen der Fatah, schrieb Ali Shahin, einer von Arafats frühesten Verbündeten, einen Geheimbericht, in dem er Fatahs „unglaubliche moralische Degeneration“ anprangerte, für die er die Exzesse eines Führers verantwortlich machte, dessen wahren Interessen „der rote Teppich, das Privatflugzeug des Präsidenten, freie Hand zum Geldausgeben“ waren. Shahin wurde Versorgungsminister in Arafats Regierung und war berüchtigt dafür, dass er verdorbenes Mehl verkaufte und Lastwagenladungen mit Schokolade am Erez-Kontrollpunkt in der Hitze warten ließ, um einem Freund zu helfen, der die einzige Süßwaren-Fabrik im Gazastreifen besaß. Die Wirtschaft der palästinensischen Gebiete, die sich nach 1967 verblüffender Wachstumsraten erfreute, als sie von jordanischer und ägyptischer Kontrolle in die Hände der Israelis über gingen, stagnierte und war dann rückläufig. In weniger als einem Jahrzehnt schafften es Yassir Arafat und seine Clique nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg zu verschleudern, sondern auch das beträchtliche Kapital, das das palästinensische Volk während der zweieinhalb Jahrzehnte israelischer Militärherrschaft angesammelt hatte.
Die Zauberlehrlinge
Als der Oslo-Friedensprozess in der Gewalt zusammenbrach, hatte ein israelischer Finanzberater namens Ozrad Lev einen Streit mit seinem Geschäftspartner, Yossi Ginossar. Die beiden Männer hatten eine Firma gegründet und arbeiteten eng mit Mohammed Rachid zusammen. Über beide Männer verärgert, sprach er mit der israelischen Zeitung „Ma’ariv“ über seine Rolle beim Waschen hunderter Millionen von Dollar, die Yassir Arafat dem palästinensischen Volk mit stillschweigender Duldung der israelischen Regierung und internationaler Behörden gestohlen hatte. Die von ihm erzählte Geschichte setzte ein Ausrufezeichen ans Ende eines Jahrzehnts offizieller Lügen und eklatanter Korruption, die im Namen des Friedens gerechtfertigt wurden. Der ehemalige israelische Militärgeheimdienst-Offizier Lev hatte die Armee 1987 verlassen und an der Pepperding-Universität in Kalifornien ein Wirtschaftsdiplom erworben. 1997 kam Ginossar auf ihn zu, ehemaliger stellvertretender Direktor des Shin Bet, Israels gefürchtetem Inlands-Geheimdienst, der unehrenhaft ausgeschieden war, nachdem er an der Vertuschung des Mordes an zwei palästinensischen Teenagern beteiligt war, die einen Bus mit Plastikpistolen entführten. Ginossar ist eine charismatische Person, spricht fließendes, sprachrichtiges Arabisch und war berühmt für die brutale Art gegenüber Menschen, die ihn nicht zufrieden stellten. Er traf Arafat in den frühen 90-ern und half später einer israelischen Firma namens Dor einen Exklusivvertrag zu gewinnen, um der palästinensischen Autonomiebehörde mit Benzin zu versorgen. Ginossar vereinbarte ein Treffen zwischen Lev und Rachid, der nach einem sicheren Heim in der Schweiz für seine Hunderte Millionen Dollar suchte, die er der palästinensischen Wirtschaft entzogen hatte.
Lizenziert von einem Zusatz zu den Oslo-Vereinbarungen, der als Pariser Protokoll bekannt ist – die Vereinbarung, die Steuern, Zölle und andere formale Wirtschaftsvereinbarungen zwischen der PA und dem Staat Israel festlegte – wurde solche Korruption von allen außer den weit gehendsten Kritikern der Herrschaft Arafats als wesentlicher Teil des Oslo-Prozesses gehalten. Jeden Monat war die israelische Regierung verpflichtet, die Mehrwertsteuer und andere Steuereinnahmen auf Güter und Dienstleistungen in der Westbank und Gaza an die PA zu überweisen. Entsprechend einer Nebenvereinbarung zwischen der israelischen Regierung und Arafat, der von Rachid vertreten wurde, wurden Einnahmen aus Treibstoffsteuern auf Arafats Privatkonto Nr. 80-219000 bei der Filiale an der Hashmonaim-Straße der Leumi Bank in Tel Aviv überwiesen. Arafat und Rachid zweigten auch Gelder in Sonderkonten bei der Arab Bank in Ramallah ab. Jeden Monat seit Beginn der Intifada überwies die israelische Regierung Millionen Dollar an den Mann, den sie vier Jahrzehnte lang als den gefährlichsten Terroristen der Welt bezeichnet hatte.
Ben Caspit war der erste, der im Dezember die Story an die Öffentlichkeit brachte, die in Israel als „Ginossar-Affäre“ bekannt wurde. Der Reporter war ein Kinderfreund von Lev und hatte Ginossar seit Jahren gekannt. „Er war ein sehr interessanter Kerl, sehr hart, sehr schlechte Manieren“, erinnert sich Caspit, als ich mich eines Morgens mit ihm in Tel Aviv traf. „Man konnte mit Yossi im schicksten Restaurant sitzen und er konnte die Kellnerin anschnauzen wie er gerade seinen jüngsten Sohn zusammengestaucht hatte“, weiß Caspit zu berichten. „Aber er wusste, wie er Kontakte knüpfen konnte.“
Während ich mit Caspit auf dem Holzboden vor dem „Yama“, einer Künstlerkneipe im Hafenviertel der Stadt, sitze, ist das Gefühl der Klaustrophobie der Westbank sehr weit weg. Hier kann man sich hebräischen Reggae anhören und die salzige Meerluft riechen. Ein rostiger Stahlkran lastet über dem von Menschen gemachten Einlass, an dem ein altes Motorboot auf den Strand gezogen wurde. Die wilde Wochenend-Partyszene in den Lagerhäusern nimmt es mit der von Reykjavik im Winter auf, insistiert Caspit. Wenn das auch nicht gerade der zionistische Traum von Israels asketischen sozialistischen Gründern ist, spricht es für die Flucht-Wünsche einer säkularen israelischen Gesellschaft, die ihren Traum vom Friedens mit den Arabern hat verblühen sehen und sich an die schamlose offizielle Korruption gewöhnt hat.
Der Mann, den Arafat „Joe“ nannte, war die Allzweckwaffe der hinteren Kanäle in die israelische politische Führung für den Palästinenserführer. Er war auch ein Liebhaber des guten Lebens, der kubanische Zigarren rauchte und teure Vorzeige-Karossen fuhr und dessen enthusiastische Essensgewohnheiten halfen die Ausbreitung der ausgefallenen Restaurants von Tel Aviv zu finanzieren. Es machte Sinn, dass der palästinensische Führer sich jemanden wie Ginossar aussuchen würde. „Israel ist ein verrückter Ort – von einem auf den anderen Tag hat man eine andere Regierung“, erklärt Caspit. „Ginossar ist immer da und er hat die Möglichkeit nahe bei Rabin, Peres, Barak, Sharon, Sharon, einfach allen zu sein.“
Es gab Leute, die Ginossars Nähe zu Arafat und Rachid problematischer sahen. Der ehemalige Kopf der Zivilverwaltung in Gaza, ein Brigadegeneral namens Yitzhak Segev, schrieb im Herbst 1999 an Barak und warnte, dass Ginossar durch seine Geschäfte mit Rachid zu einer schlechten Wahl als Vertreter Israels wurde. Aber Ginossar war so tief in die Hinterzimmer-Diplomatie und geschäftliche Deals im Zentrum des Nahost-Friedensprozesses verstrickt war, dass man ihn unmöglich los werden konnte. Seine selbst verkündeten Verbindungen zu hochrangigen amerikanischen Beamten wie Dennis Ross und Botschafter Martin Indyk wurden gesteigert durch seine lukrativen Geschäfte mit Stephen P. Cohen, einen Harvard-Absolventen und zeitweisen Universitätsprofessors, der in einem Privatflugzeug durch den Nahen Osten jettete, den SlimFast-Diätmogul Daniel Abraham zur Verfügung stellte. Als Ginossar als Sicherheitsrisiko von der israelischen Delegation bei den Camp David-Friedensgesprächen 2000 ausgeschlossen wurde, wurde er statt dessen schnell als Mitglied der amerikanischen Delegation benannt.
Was Ozrad Lev Ginossar und Rachid anzubieten hatte, war eine Verbindung in die Welt der vornehmen Schweizer Banken, die hätten misstrauisch sein können, wenn sie Einlagen von einem Mann akzeptieren sollten, der einst als der Terrorist Nummer 1 der Welt gezählt wurde. Ein Investment-Konto, das der Palästinensischen Autonomie behörte und von einem ehemaligen israelischen Geheimdienstler gemanagt wurde, bot weniger Schwierigkeiten. Levs erster Zug war die Einrichtung einer Finanz-Managementgesellschaft namens Ledbury und ein Investmentkonto zu bei der schweizerischen Bank Lombard Odier in der Rue de la Corratiere 11 in Genf zu eröffnen, was durch die Büros eines Partners namens Richard de Tscharner geschah. Am 17. Mai 1997 schrieb Rachid einen formellen Brief an Tscharner, mit dem das Konto eingerichtet wurde, dessen Gelder aus „Steuern und Zolleinnahmen“ und außerdem aus „Gewinnen aus verschiedenen wirtschaftlichen Aktivitäten der Palästinensischen Autonomie, durch ihre staatseigenen Firmen“ gezogen wurden.
Rachid versprach auch, dass die PA Ledbury-Gelder nicht „für Krieg oder aggressiv orientierte Aktivitäten“ benutzt würden, ein Versprechen, das einen vorsichtigeren Banker zum Nachdenken bewogen haben könnte. De Tscharner stimmte zu das Konto unverzüglich einzurichten.
Von 1997 bis 2000 wuchs die Summe im Ledbury-Portfolio auf mehr als 300 Millionen Dollar an. Lev stimmt auch zu einen Investmentfond für führende Mitglieder des palästinensischen Sicherheitsapparats einzurichten, der auf der Isle of Man unter dem Namen Supr a-din registriert wurde – einem Wortspiel zu „Saladin“. Management-Kommissionen für den Fond waren an Rachid Stellvertreter Walid Najab über eine Firma names MCS zu zahlen, die einen Kommissionsbetrag an Ginossar und Lev über eine Firma weiter leitete, die die beiden Männer in Tel Aviv unter dem Namen ARK gegründet hatten, einem hebräischen Akronym für „Anachu Rotzim Kesef“ – „Wir wollen Geld“.
Heute verbringt Ozrad Lev viel Zeit in einem Restaurant in Ramat Hasharon namens „Reviva and Celia“, das als Künstlertreff für coole Drehbuch-Autoren in Santa Maria durchgehen könnte. Lev selbst ist sehr kalifornisch, trägt ein grünes Poloshirt und kurz geschnittene Haare. Er lernte Ginossar in den frühen 1980-ern kennen, als er in Israels Militärgeheimdienst Aman diente. Er erinnert sich an Ginossar als eine brilliante, aber bedrohliche Person. Später, als er Berater für General Ehud Barak war, dann als Kopf des Aman, war Lev am Ort der Entführung von Bus Nr. 300, die Ginossars Karriere im Shin Bet zerstörte. Ginossars Leben danach war eine lange Reihe von Fehlschlägen, bis er Muhammed Rachid traf.
„In allem, was er versuchte, versagte er“, erinnert sich Lev. „Eines Tages 1996 sagte er mir: ‚Ozrad, darauf habe ich sehr lange gewartet. Du musst Mohammed Rachid treffen.’ Ich sagte: ‚Okay, wer ist Mohammed Rachid?’ Er sagte: ‚Schau, Mohammed Rachid ist jemand, von dem ich weiß, dass er dich sehr mögen wird und du wirst ihn mögen.’“ Rachid machte auf den ehemaligen israelischen Geheimdienstler einen starken Eindruck.
„Er verstand die israelische Mentalität haushoch besser als jeder andere Palästinenser, den ich je traf“, erinnert sich Lev. „Er war sehr ruhig, nicht arrogant, wog jedes Wort ab, das seinen Mund verließ und er hatte einen exzellenten Sinn für Humor. Physisch war er sehr israelisch. Ich sah ihn an und ich hatte das Gefühl als hätte ich diesen Typen schon ein Dutzend Mal in Tel Aviv auf der Straße getroffen.“
Eifrig darauf bedacht sich selbst zu decken, sollte der Friedensprozess zusammenbrechen, bestand Lev darauf, dass das Geld in den schweizer Konten fünf Jahre lang ruhig liegen blieb und Abhebungen nur auf ein stark überwachtes Konto der Autonomiebehörde in der Filiale der Arab Bank in Ramallah erfolgen würde. Beginnend mit 16 Millionen Dollar schleuste Rachid Dutzende Millionen Dollar an Lev, der die Einlagen in die Schweiz schaffte. Die Gegenleistungen waren ausgezeichnet. Arafat war dankbar. Im Juli 1997 wurde Lev zu einem Treffen mit Arafat eingeladen, der ihm ein aus Muscheln aus Gaza gefertigtes Modell der Al Aksa-Moschee schenkte. Er empfand den Palästinenserführer als bescheiden und charmant und über die schweizer Konten gut informiert.
„Er kannte alle Details“, erinnert sich Lev. „Wenn er mit einem spricht, dann sind die Sätze so einfach, so klar, was bedeutet, dass er sehr klug ist. Er wusste, dass es mehrere Konten gab; er sprach mit mir über die anderen Namen – Sodicitc und Atlas. Er sagte mir, dass er sehr zu schätzen wüsste, was ich für das palästinensische Volk tue und dass er hoffte, viele Israelis würde ebenfalls meinen Weg einschlagen.“ Das einzige, was ihn wegen des Treffens beunruhigte, sagt Lev, war, wie hässlich Arafat war. Arafats Hände, bemerkte er, waren bleich wie die Hände einer Leiche.
„Wenn man Arafat traf, war er kein korrupter Mensch“, sagt Lev. „Er lebte von 5 Schekeln am Tag [HE: ca. 1 Euro]. Er hatte einen Plan. Oslo war nicht sein Plan. Die ganze Sache mit den geheimen Konten drehte sich darum, die finanzielle Flexibilität zu behalten, um Geld in die zweite Phase zu verschieben. Er dachte dass sie den Krieg demographisch gewinnen würden; und um das tun zu können, muss man ruhig sein und die Israelis bluten lassen.“
„Er hatte überall Erfolg“, schließt Lev. „Unsere Lebensphilosophie hier ist Ungeduld – wegen des Holocaust, wegen der militärischen Bedrohungen. In Israel sagen wir, dass wir Sex mit Laufschuhen an den Füßen machen, damit wir zu unseren Freunden rennen können um ihnen zu erzählen, wie es war. Die Araber haben ein Wort, tsumut - was bedeutet, an dem Boden festzuhalten, auf dem unsere Vorfahren lebten. Meine Vorfahren sind aus Deutschland“, fügt er hinzu. „Ich verstehen die Bedeutung von tsumut nicht. Wissen Sie, Rachid und ich gingen einmal in Tel Aviv in die Promenade und er sagte: ‚Ich haben Arafat viele Male gesagt, dass die Israelis selbst ihre schlimmsten Feinde sind. Wir müssen nicht eine einzige Kugel verschießen – nur geduldig sein, keine Vereinbarung mit ihnen treffen und alles, was man hier sieht, wird unser sein.’“
Am 19. Juni 2000, nach einem Streit über die Verteilung der Ausbeute, beendete Rachid Levs Befugnisse über das Konto und entfernte die finanziellen Kontrollen, auf die Lev bestanden hatte. Drei Monate später begann die zweite Intifada. Im August 2001 begannen Dutzende Millionen aus den Konten bei Lombard Odier zu fließen. Bis Dezember 2001 wurde eine Entscheidung erzielt, diese Konten zu schließen. Das Geld fand seinen Weg in Banken auf der ganzen Welt, einschließlich von Rachid in London und Kairo kontrollierte Konten.
Der innere Kreis
Die Oslo-Vereinbarungen schufen etwas, das die Palästinensische Autonomiebehörde genannt wurde, aber bis heute gibt es so etwas nicht. Die Behauptung, dass die Autonomiebehörde nicht existiert, scheint für westliche Ohren seltsam, weil Ehrentitel wie „Präsident Yassir Arafat“ und „Außenminister Nabil Shaath“ während der letzten zehn Jahre derart oft verwendet wurden, dass es für alle außer den teuflischsten Skeptikern schwer ist nicht anzunehmen, dass ein Staatsapparat existiert, der in etwa dem entspricht, was in den USA oder in Westeuropa existiert. Was statt dessen existiert ist eine riesiger und verstreuter Archipel zufällig hingesetzter Regierungsministerien, miteinander konkurrierender Hauptquartiere und Gefängnisse, die nach einem nicht koordinierten Plan arbeiten. In den langsam arbeitenden Büros der größeren Ministerien im al-Tiri-Distrikt von Ramallah kann man die „murafiqoon“ des toten Führers finden – seine Kameraden der letzten vier Jahrzehnte, die Veteranen der legendären Siege und Niederlagen und Tausender nächtlicher Treffen und Pressekonferenzen. Die eine Konstante unter den Kristall-Falken, EU-Briefbeschwerern, Perlmutt-Uhren aus Syrien und anderen Erinnerungsstücken ihrer Reisen ist das Standard-Hochglanzfoto der goldenen Kuppel der Omar-Moschee in Jerusalem vor dem wolkenlosen, blauen Himmel.
Weil sie ihn so lange kannten und ihm vertrauten, fanden Arafats Kameraden es unmöglich, nicht zu glauben, dass der Alte Mann auf einen Schlag sein Schicksal umdrehen und dem Morast der kleinen Verwaltungsdetails und der groß angelegten Korruption entkommen würde, die für seine Herrschaft charakteristisch geworden waren. Die ihm gleich gestellten Fatah-Männer, die über die Jahre seine vertrauten Ratgeber waren und die revolutionären Referenzen hatten sich ihm entgegenzustellen, wie Abu Jihad, der den palästinensischen Aufstand gegen die israelische Herrschaft Ende der 80-er Jahre organisierte, der als „Intifada“ bekannt wurde, und Abu Iyad, organisatorischer Chef der Terrorgruppe Schwarzer September, wurden vor Beginn des Oslo-Prozesses ermordet. Da er die ihm Ebenbürtigen beerdigt und selbst wiederholt Tötungsversuche überlebt hatte, befand sich Arafat nicht mehr unter Gleichgestellten. Seine Meinung war die einzige, die in Palästina zählte. Arafats Fantasieleben und sein Geld hatte die lebenswichtigen Organe der palästinensischen Nationalbewegung so lange schon im Griff, dass praktisches politisches Denken unmöglich wurde.
Als die Identifizierung Yassir Arafats mit der palästinensischen Nationalbewegung mit der Unterzeichnung der Oslo-Vereinbarungen in Stein gemeißelt wurde, fühlten sich diejenigen Mitglieder der internationalen diplomatischen Gemeinschaft, die Oslo als eine große moralische und politische Leistung ansahen, selbst entsprechend verpflichtet, die empörendsten Äußerungen und Taten des Palästinenserführers als die Tricks eines Mannes zu erklären, der sich dem Frieden verschrieben hatte.
Nicht alle waren von der hoffnungsvollen Fiktion überzeugt, dass Arafat die Antwort des Nahen Ostens auf Nelson Mandela war. Junge palästinensische Revolutionäre sahen sich den Führer genauer an, den sie aus dem Exil zurückzubringen halfen. Der Arafat, den sie während der 70-er und 80-er Jahre von weit weg verehrt hatten, war ein visionärer Asket – die imaginäre Projektion mutiger und verängstigter Palästinenser, von denen die meisten gerade einmal das Teenageralter hinter sich gelassen hatten, die den von ihnen benötigten heldenhaften Führer aus Radiosendungen und heimlich übermittelten Texten herzauberten, die von Hand zu Hand weiter gegeben und wie Seiten des Koran studiert wurden. Die Ansicht des selbstherrlichen Autokraten und seines bierbäuchigen Gefolges in Person war ein Schock für viele junge Palästinenser, von denen wenige je außerhalb der Westbank, Gazas und Israels gewagt hatten.
Junge Fatah-Kader in der Westbank und dem Gazastreifen fanden schnell heraus, dass der Korruption ihrer Ältesten das völlige Fehlen positiver Ideen gleich kam – so weit her geholt oder verrückt sie auch sein sollten – was die Form angeht, die eine zukünftige palästinensische Politik haben könnte. Es würde kein Jahr Null der palästinensischen Revolution geben. Parlamentarische Institutionen nach westlichen Muster existieren, haben aber wenig Macht. Was Arafats Rückkehr nach Palästina folgte, war ein zehn Jahre dauerndes Bankett der Diebe, bei dem die alte Garde der Fatah die Beute von Oslo aufteilte und einfache Palästinenser als eroberte Untertanen behandelte. Als die zweite Intifada, volkstümlich als Al Aksa-Intifada bekannt, begann, scharte sich die junge Garde, von der die meisten jetzt fest im mittleren Alter standen, um den Fatah-Führe Marwan Barghouti – dessen feurige Verurteilungen der offiziellen Korruption regelmäßig zu Zusammenstößen mit Arafat geführt hatten – in der Hoffnung, dass Gewalt als Katalysator für Veränderung dienen würde. Auch hier sollte die junge Garde der Fatah wieder wenig mehr als Kanonenfutter für ihre Ältesten werden; Barghouti wurde 2002 von den Israelis während der Operation Schutzschild verhaftet, weil er das Gehirn hinter Terroranschlägen war; er wurde zu fünf auf einander folgende lebenslange Freiheitsstrafen verurteilt.
In den Cafés und Appartments in Ramallah, in denen wir uns trafen, sprachen einige der führenden Mitglieder der jungen Garde der Fatah offen über ihre Wut und Enttäuschung darüber, was in Palästina seit Oslo passiert ist. Ihre bittersten Vorwürfe waren nicht gegen die Israelis gerichtet, sondern gegen Arafats Kumpane, die Staatsjobs benutzt hatten um reich zu werden und wenig Interesse an ihrer revolutionären Nachkommenschaft zeigten. „Wir erinnerten uns an ihre Lieder, ihre Gedichte, ihre Reden, an das, was sie glaubten, ihre Gedanken, die Namen ihrer Kinder, sogar die Anzahl ihrer Schuhe“, erzählte mir eines Nachmittags Abu Ain, einer von Barghoutis engsten Freunden, als wir in seinem Apartment in Ramallah saßen und uns unterhielten. „Sie kennen nicht einmal unsere Namen.“
Für die Mitglieder der alten Garde waren Fragen, wie ein paar Millionen in der Westbank und dem Gazastreifen lebende Palästinenser zu regieren seien, nicht von besonderem Interesse. Die palästinensische Frage war Teil des größeren pan-arabischen Diskurses, der die nasseristischen und kolonialistischen Gruppen ihrer Studententage in Kairo, Damaskus und Beirut bestimmten. Wie der symbolische Führer des palästinensischen Volkes, Yassir Arafat, die Inkarnation einer Revolution war, die sich selbst als Modell für den Rest der arabischen Welt präsentierte – Symbol einer säkularen, revolutionären Reinheit und antikolonialistischen Hingabe, die in den 80-er Jahren an den Rand gedrängt wurde, durch den Erfolg der iranischen Revolution, die den sunnitisch-fundamentalistischen Jihad gegen die Sowjets in Afghanistan und den Krieg der Hisbollah gegen die Israelis im Libanon.
Die vorherrschende Note in den Erinnerungen der alten Garde über ihren Führer ist Nostalgie für den Sinn der historischen Zentralität des palästinensischen nationalen Kampfes, den Arafat lieferte, die für seine Jünger so anziehend war wie eine Droge. Arafats langjähriger Außenminister Nabil Shaath war dreizehn Jahre alt, als er zum ersten Mal hörte, wie Arafat seinen Vater um Spenden bat, um palästinensischen Flüchtlingen in Kairo und Alexandria zu helfen. Sogar da schon, sagt er, erkannte er den zukünftigen Präsidenten Palästinas. Als Guerillaführer in den 60-er und 70-er Jahren führte Arafat seine Kämpfer in die Schlacht; er gab ihnen die Kriegsnamen, die sie den Rest ihres Lebens tragen würden.
Des Mannes beraubt, den viele von ihnen als ihren Vater betrachteten, leben Arafats Genossen weiter nach dem Tagesablauf ihres toten Führers, bleiben bis lange in die Nacht auf wie alternde Bohemiens. Im Fatah-Hauptquartier in Ramallah, das ich mehrere Nächte die Woche mit N. besuchte, ist es leicht die alten Meister der Revolution zu finden, die eine Zigarette nach der anderen rauchen und endlos kleine Tassen schwarzen Kaffees finden. Das Gebäude sieht wie eine feudale Gewerkschaftshalle in New Jersey aus, mit grünen Marmorböden und bläulichen Rauchwolken, die die Topfpflanzen ersticken. Männer in schwarzen Ledermänteln und schweren Pullovern, die ihre Abende auf gepolsterten Ledersofas verbummeln.
Dem neuen Führer, Mahmud Abbas, fehlt der persönliche Touch des Alten Mannes, lauten die Beschwerden. Er erinnert sich nicht an Geburtstage und Hochzeiten und niemand kommt zu ihm um persönliche Streitigkeiten zu lösen. Einige vom inneren Kreis des Alten Mannes haben ihre Familien bereits nach Amman oder Tunis geschickt und ihr Geld nach London oder Kairo.
Oben treffen ich Ahmed Abdul Rahman, früheren Kopf von Arafats Propaganda-Operationen, der in seinem Marinemantel da sitzt und Dunhills mit goldenem Streifen raucht, das Privileg eines Revolutionärs. Sein glänzend schwarzes Haar seine dunklen Augenbrauen kontrastieren stark mit seinem von tiefen Falten durchzogenen Raucher-Gesicht. Abdul Rahman stand Arafat fast vierzig Jahre nahe und veröffentlichte regelmäßig Erklärungen im Namen des Alten Mannes.
„Wir sind wegen Arafat so lange zusammen geblieben“, erklärt er. „Er erfand Ereignisse, wenn es keine gab. Er erfand Aktivitäten, wenn es nichts zu tun gab.“
„Veränderte sich sein Arbeitsstil aus Beirut und Tunis in Ramallah?“, frage ich.
„Er sah sich hier neuen Problemen gegenüber“, gesteht Abdul Rahman zu. „Wenn ihm gesagt wurde: ‚Dieses Ministerium braucht keine Leute, es ist voll’, dann sagte er: ‚Okay’ und schuf ein neues Ministerium. Auf diese Weise baute er die Hauptbasis für den Staat auf.“
Das mit einem Marmor-Fußboden ausgestattete Palestine Media Center ist bei Weitem das schickste Ministerium in Ramallah. Es wird von Propaganda-Veteran Yassir Abbed Rabbo geführt, der wie ein Frauenschwarm in einem College in Manchester oder Leeds aussieht und mit einem Humpeln läuft, von dem er behauptet es sei Ergebnis einer alten Kriegswunde. Der absolute „Splitterer“, der einer langen Liste säkularer linker palästinensischer Parteien betrat und sie wieder verließ, ist ein Gründungsmitglied des Arafat-Blocks. Er ist auch ein gewohnheitsgemäßes Klatschmaul. Er kennt N. gut und ist glücklich uns ein Interview zu gewähren. Wie viele der Männer, mit denen ich sprach, spricht er vom verstorbenen Palästinenserführer in der Gegenwart.
„Arafats größtes Geheimnis ist seine Geduld“, erklärt Abbed Rabbo über den Mann, dem er mehr als drei Jahrzehnte lang dienste. „Er beendet keine Beziehung, so unbedeutend sie auch sein mag. Er unterhält offene Beziehungen zu jedermann. Er ist Arafat, der Progressive, Arafat, der Islamist, Arafat, der Konservative und Arafat, der Aufgeklärte. Er war gleichzeitig bei den saudischen Königen und bei den Königen des Kreml, bei Fidel Castro und allen Arten von Imamen und dem Papst. Die eine Sache, bei der er in seinem Leben keine Kompromisse einging, was die Unabhängigkeit der Palästinenserbewegung. Er glaubte von Anfang an, dass er, wenn er nicht die Unabhängigkeit der Palästinenserbewegung von den anderen arabischen Regimen erhalten würde, zum Untergang verurteilt sei.“
Abbed Rabbos besonderer Expertenbereich in den 1970-ern die Politik der europäischen Linken und des Ostblocks. Ein Tisch bei seinem Schreibtisch prangen ein lachender Buddha, ein Kristall-Adler und ein Fotoband mit dem Titel „Russland. Das Land der großen Weite“. Er erklärt mir, wie Arafat geduldig die palästinensischen Nationalbewegung die Leiter im Inneren des Kreml hinauf führte. Sein Ziel war die fast halluzinatorische Möglichkeit staatlicher Sponsorenschaft durch eine der beiden herrschenden Supermächte des Kalten Krieges. Nach dem Krieg vom Oktober 1973, mit dem Ägyptens Abwanderung in das amerikanische Lager begann, wurde Arafats Traum von sowjetischer Sponsorenschaft Wirklichkeit.
„Wir begannen Breshnjew zu treffen, Andropow, Tschernienko und andere. Natürlich versucht Arafat immer den Eindruck zu wecken, dass er ...“
„Ein Marxist ist?“, frage ich mich laut.
„Nein, niemals, niemals, niemals,“ antwortet Abbed Rabbo entsetzt. „Dass er so unabhängig ist, dass er Arafat, der Palästinenser ist, der Nationalist, der Muslim, der Beziehungen zu Moskau aufbaut. Ich erinnere mich, dass er bei einem der ersten Besuche plötzlich, ich weiß nicht warum – aber ich verstehe warum – im Kreml die Mittagsgebete verrichten wollte. Wir bettelten ihn an: ‚Tu das nicht, verschieb es, Gott wird es dir erlauben. Es gibt hier keinen Zugang zu Gott.’ Er ging mitten im Raum auf die Knie, auf dem Teppich, und verbeugte sich nach Mekka und sprach seine Gebete. Das war auch eine Botschaft an die Saudis, sehen Sie – ‚Ich bin Arafat, der Muslim, und ich baue diese Beziehungen mit der Sowjetunion auf.’“
Arafats herausforderndes Verhalten gegenüber der Sowjets in den Siebzigern und Achtzigern spiegelten exakt die Wutausbrüche, die die Welt und westliche Diplomaten in den Neunzigern vor Rätsel stellen sollten. Als ich Abbed Rabbo fragte, ob einer der sowjetischen Führer Arafats Telefonnummer hatte, nickte er.
„Andropow“, antwortet er und lächelt ansatzweise bei der Erinnerung an den legendären KGB- Spion, der Anfang der 1980-er Jahre kurze Zeit Premierminister der UdSSR wurde. Als die Palästinenser sich 1982 mit Andropow trafen, schien er alt und gebrechlich und einzuschlafen. „Und Arafat nahm sich Zeit alles zu erklären, ging von einem Kontinent zum nächsten, in den siebten Himmel und wieder hinunter und redete über alles, was ihm in den Sinn kam. Er sprach darüber, wie der die israelische Armee besiegt hatte, wie er seine eigenen Waffenfabriken entwickelt hatte und wie er Panzerfäuste nach eigenen, geheimen Plänen baute. Und mitten in diesem – nennen wir es Fantasieflüge – hob Andropow den Kopf und sagte ihm: ‚Vorsitzender Arafat, lassen Sie uns hier aufhören.’ Also hörte Arafat auf Unsinn zu reden und fing mit der Politik an.“
Mamduh Nofal ist der ehemalige Kommandeur der Demokratischen Front für die Befreiung Palästinas und Kommandeur der palästinensischen Streitkräfte während der Belagerung Beiruts. Als eigenartige Mischung aus Poet, Kommentator und Guerillakämpfer ist er ein imponierender Brocken von Mann, zugleich freundlich und heftig, wie ein Pirat aus Geschichten. Beim der Schlacht von Karameh in Jordanien 1968 war Nofal militärischer Anführer für die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP). Dort begann seine Beziehung zu Arafat, erzählt er mir, als wir uns in seinem modernen Büro in Ramallah treffen. Das Schild vor seinem Büro identifiziert ihn als hochrangigen Vertreter der Fatah.
„Mit den Kämpfern lebte er, wie sie auch lebten. Er saß mit ihnen auf dem Boden. Er brachte Essen für sie und gab ihnen zu essen. Das ist keine Propaganda.“
Nofal erzählt mir, dass Arafats strategischer Gebrauch der Gewalt nach Oslo damit anfing, dass er der Hamas und dem Islamischen Jihad erlaubt Terroranschläge beginnen. Arafat würde dann gegen genau diese Organisationen vorgehen um zu zeigen, dass er die Kontrolle hatte. Erstmals hörte Nofal Arafat Befehle geben, die direkt zu Gewalt führten, sagt er, bevor 1996 die Ausschreitungen wegen der Ausgrabung des Hasmonäischen Tunnels nahe am Haram al-Scharif ausbrachen. Nofal sagt, dass der Anstoß für die Gewalt die Äußerung des neu gewählten israelischen Premierministers Benjamin Netanyahu war, er würde nicht mit Arafat direkt sprechen. Arafat tobte wegen der Beleidigung.
Ich war mit ihm in seinem Büro“, erinnert sich Nofal. „Er stand auf und ging um den Schreibtisch herum. Er war sehr, sehr wütend. Schließlich beruhigte er sich etwas und zeigte auf das Telefon auf seinem Schreibtisch. Er sagte: ‚Ich werden Netanyahu dazu bringen mich auf diesem Telefon anzurufen.’“
Arafat befahl Demonstranten in die Straßen und sagte ihnen, sie sollten die Israelis provozieren. Als Gewalt ausbrach wurden die Israelis verantwortlich gemacht. „Ich saß wieder bei ihm, als das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte und er sah mich an und sagte: ‚Das ist Netanyahu.’ Und er war es.“
Die zweite Intifada begann ebenfalls mit der Absicht die Israelis zu provozieren und sie diplomatischem Druck auszusetzen. Nur ging Arafat diesmal auf’s Ganze. Als Mitglied des Hohen Sicherheitsrats der Fatah, dem Gremium, das die Schlüsselentscheidungen traf und organisatorisch entschied und sich am Anfang der Intifada mit den militärischen Fragen befasste, hat Nofal Wissen aus erster Hand über Arafats Absichten und Entscheidungen während der Monate vor und nach Camp David. „Er sagte uns: ‚Wir werden jetzt in den Kampf ziehen, also müssen wir vorbereitet sein’“, erinnert sich Nofal. Er sagt, dass Arafat, als Barak Ariel Sharon nicht davon abhielt seinen kontroversen Besuch auf dem Platz vor der Al Aksa zu machen, der Mosche, die am Ort des antiken jüdischen Tempels gebaut wurde, sagte: „Okay, es ist Zeit an die Arbeit zu gehen.“
Als klar wurde, dass der damalige israelische Oppositionsführer Ariel Sharon die Wahlen vom Februar 2001 gewinnen würde, ging Nofal zu Arafat und drängte ihn die Intifada abzubrechen. „Da saßen eine Menge Leute herum, darunter Saeb Erekat und Yassir Abbed Rabbo“, erinnert sich Nofal.
„Ich sagte ihm: ‚Abu Ammar, ich muss die Sicherheit haben offen sprechen zu können.’ Der Beduine sagt: ‚Gib mir die Sicherheit offen sprechen zu können.’ Er sagte mir: ‚Sprich.’
Ich sagte ihm: ‚Abu Ammar, Barak wird verlieren, Sharon kommt, Militärarbeit ist nicht unser Terrain. Es ist Sharons Terrain. Er braucht es. Also bitte, Abu Ammar, lass uns aus diesem Terrain heraus gehen und Sharon als hayawan muftaris [das Fleisch fressende Tier] dort lassen, um alleine zu spielen.’“
„Die um Arafat herum saßen, sagten: ‚Ah, du hast Angst vor Sharon!’“, erinnert sich Nofal und schüttelt den Kopf. „Sharon wird nicht an der Macht bleiben. Barak blieb 18 Monate. Sharon wird neun bleiben. Und wenn wir ihn erobern, ist das die letzte Kugel in der israelischen Waffe!’ Sie sagten: ‚So, khalas [es reicht] – warum hast du Angst?’ Ich sagte: ‚Ich habe Angst, dass er uns in diesen neun Monaten vernichten wird und dich bezweifle, dass er da versagen wird.’ Damals schwieg Arafat. Er hörte zu. Aber die meisten der Anwesenden waren gegen das, was ich sagte.“
„Und ich glaube Saudi Arabien spielte auch eine Rolle bei Arafats Entscheidung die Intifada im Gang zu halten“, sagt Nofal und stimmt mit einer ähnlichen Analyse überein, die Abbed Rabbo mir gab. „Clinton legte seine Initiative am 18. Dezember vor, nach drei Monaten der Intifada. Arafat besuchte Saudi Arabien. Zu dieser Zeit sagte die saudi-arabische Führung ihm: ‚Warte, gib Clinton diese Karte nicht. Clinton geht, Bush kommt. Bush ist der Sohn unseres Freundes. Wir werden von ihm mehr für dich bekommen.’ Dann entdeckten wird, dass Saudi Arabien nichts tun konnte, dass es keine Frage persönlicher Dinge oder Freundschaft ist. Und Sharon hatte richtig Erfolg, er drängte uns in eine Ecke.“
Später am Abend traf ich Nasser al-Kidwa, Arafats Neffen und den neuen palästinensischen Außenminister, in der Lobby des Grand Park Hotel in Ramallah, das ein Stammlokal für die neue palästinensische Elite ist. Männer sitzen auf pastellfarbenen Wildleder-Möbeln und rauchen Zigaretten unter einem Fresko eines grinsenden Putti, der ein Beutetuch hält. Al-Kidwa hat wenig Zeit für Frivolitäten. Mit seinem runden Gesicht und kleinen Gesichtszügen, kurzen Armen und winzigen Fingern hat sein Erscheinungsbild etwas peinlich Fötenhaftes und Halbfertiges. Familie hat ihm oder seinem Onkel nie etwas bedeutet, erzählt er mir. Alles, was zählte, was der Erfolg der Sache. Er lädt mich in sein kahles Hotelzimmer ein, wo er mich über die Inhalte der medizinischen Akte seines Onkels informiert.
„Lustig ist, dass ich sie nach New York brachte und dann zurück nach Gaza und dann von Gaza nach Ramallah“, erinnert sich al-Kidwa an den großen Ordner – mehr als 500 Seiten mit Tabellen in verschiedenen Farben, die auch Röntgenbilder und medizinische Kurventabellen – der ihm von den französischen Behörden übergeben wurde. „Niemand glaubt, dass das in meinem verdammten Koffer ist, auch die Israelis nicht. Ich kam einfach durch die Kontrollpunkte ohne irgendjemandem etwas zu sagen.“
Als ich ihn frage, ob er die Akten liest, schüttelt er den Kopf: „Ich habe nicht hineingesehen, weil ich weiß, dass wir nicht ein einziges Wort finden würden, das nicht mit dem übereinstimmt, was uns gesagt wurde“, sagt er. „Ich persönlich glaube, dass es sich um eine nicht natürliche Todesursache handelt.“
„Also haben ihn die Israelis vergiftet?“, frage ich.
„Das kann ich nicht sagen, weil es wiederum zu ernst ist, um einfach so gesagt zu werden“, antwortet al-Kidwa.
Er versteht seinen Onkel als einen großen Schauspieler, der sich an seinem Spiel erfreute. „Er hatte Erfolg damit die Sache der Flüchtlinge in die Sache des Jahrhunderts zu drehen, während sein Feind wahrscheinlich der stärkste Spieler der Welt ist, der modernen Geschichte, wenn nicht mehr“, erklärt al-Kidwa, wobei seine Stimme fast in ein Flüstern fällt.
„Der Feind sind die USA?“, frage ich.
„Nein“, sagt er. „Israel. Und seine Helfer. Die jüdische Gemeinschaft der ganzen Welt.“
Selbst hier, in Ramallah, ist er so vorsichtig, dass er flüstert. Als ich ihn bitte zu erklären, was die Herrschaft seines Onkels im Kontext der palästinensischen Nationalbewegung erreicht hat, kehrt seine Stimme zum Normalen zurück.
„Er hat einige Regeln festgelegt – ehrenhaft, glaube ich“, sagt al-Kidwa. „Zum Beispiel wird niemandem sein Gehalt vorenthalten, nicht einmal Verrätern. Wenn du auf ihn schießt, wird deine Familie trotzdem dein Gehalt bekommen und deine Kinder werden weiter zur Schule gehen.“
Ein einziges, großes Gefängnis
Meine Fahrten nach Gaza, einem vor Leuten wimmelnden Streifen Land mit entschieden ägyptischem Fluidum, bietet den auffallendsten Beweis der wirtschaftlichen Folgen von Arafats unfähige Regierung. Der Erez-Kontrollpunkt, über den ich hinein gehe, ist wie eine Wunde, die wieder und wieder aufgerissen wurde. Acht Meter hohe Betonmauer-Teile von der Art, wie sie für die Mauer in Jerusalem verwendet werden; sie befinden sich direkt neben einem mit Sandsäcken verkleideten Bunker, der mit Stahl verstärkt wurde. Vor einem Jahrzehnt, nach der ersten Intifada, war dieser Wachposten eine weiß gestrichene Holzbaracke an der Straße. Jetzt, nach hinter den der auswändigen Sicherheitsbarriere auf der israelischen Seite, erstreckt sich ein langer, feuchter, mit einem Blechdach versehener Gang nach Gaza wie ein Korridor für den Viehtrieb. Am Ende des Gangs befindet sich ein baufälliger Wachposten. Der palästinensische Soldat am Posten trägt eine grüne Uniform und eine gestrickte Wollmütze, auf der die Worte „Top Gun“ aufgestickt sind. Mit Hilfe des Lichts einer einzelnen Glühbirne schreibt er eifrig die Reisepass-Nummern der einreisenden Besucher mit einem abgenutzten Bleistift in einen Spiralblock. Auf der Wand hinter ihm hängt ein gerahmtes Foto des Alten Mannes.
Rechts neben dem Kontrollpunkt liegt das Erez-Industriegebiet. Eins der wenigen greifbaren Ergebnisse von hunderten von Treffen einen Weg zu finden israelischen und ausländischen Herstellern den Weg in den palästinensischen Arbeitsmarkt zu finden, ist das Industriegebit nach einer Serie von Bombenanschlägen fast verlassen. Ein nasser, stechender Dunst von unbehandelten Abwässern und brennendem Plastik hängt während der Tagesstunden über Gaza und wird nachts noch schlimmer. Die Kläranlage in Bei Lahia arbeitet dreifach über ihrer normalen Kapazität.
Ich brauche nur zwei Stunden, um die gesamte Länge des Gazastreifens zu durchfahren. Mein Ziel ist die Stadt Rafah, die halb auf der israelischen und halb auf der ägyptischen Seite der Grenze leigt. Rafah ist ein tropischer Ort mit berühmten Gewächshäusern, in denen Blumen für den Export und ausgezeichnetes Gemüse gezüchtet werden. Ägyptische Flaggen flattern hoch über der hohen Mauer, die die Grenze markiert, die ein Magnet für Schmuggler ist. Israelische Einfälle zum Stoppen der Schmuggelei haben die der Grenze am nächsten gelegenen Viertel Rafahs in eine Mondlandschaft aus zerbrochenem Beton verwandelt. Es ist leicht zu sehen, warum Rafah ein Mitbegriff für das Elend des palästinensischen Volkes seit Beginn der Intifada geworden ist.
Said Zourub, der Bürgermeister von Rafah, ist ein Mann mittleren Alters mit einem attraktiven Schnurrbart, der bei den Temperaturen über 30°C einen schwarzen Pullover trägt. Wir fahren in seinem Ford Explorer, stoppen regelmäßig, weil Männer-Gruppen vor dem Einmarsch einer israelischen Panzereinheit warnen. Als wir um eine Ecke fahren, finden wir zwei gepanzerte israelische Bulldozer vor, die ein Gebäude niederreißen, das als Tarnung für einen Schmuggeltunnel benutzt wurde.
Die Schule von Rafah ist mit Löchern durch Beschuss aus großkalibrigen Waffen übersäht, von denen viele aus dem erinnernswerten Kampf stammen, bei dem die bewaffneten Männer des Flüchtlingslagers dort ihre Positionen einnahmen.
„Hier war ein Tunnel“, sagt der Bürgermeister und deutet auf einen platt gemachten Schutthaufen. Auf einer Wand in der Nähe erinnert ein englischsprachiges Graffiti an „Rachel, die nach Rafah kam um unser Lager zu schützen“, eine Bezugnahme auf Rachel Corrie, eine amerikanische Freiwillige, die von einem israelischen Bulldozer im März 2003 überrollt wurde, als sie versuchte ein Haus vor dem Abriss zu bewahren. Direkt neben dem Graffiti über Corrie steht das Wort „Fuck“.
Zourub erinnert sich an den Tag, als Abu Ammar triumphal in Gaza einzog, 1994.
„Mein Sohn fragte mich an diesem Tag: ‚Baba, warum kam Abu Ammar hierher zurück?’“, erzählt Zourub mir, als wir durch die zerstörten Straßen seiner Stadt fahren. „Ich sage ihm: ‚Abu Ammar kam, um die Dinge für das Volk zu verbessern.’ Jetzt, als Abu Ammar stirbt, sagt er mir: ‚Baba, du bist ein großer Lügner. Abu Ammar hat nichts erreicht.’“
Der Bürgermeister steuert sein Vierradantrieb-Auto um eine Ecke, als könnte die Maschine mit aller Vorsicht Gefahr fühlen. Wir halten an und eine große Gruppe Männer versammelt sich um den Wagen des Bürgermeisters um sich zu beschweren, dass ein Panzer ein Einstiegschacht zerstörte. Ein Mann in Sweatshirt und schwarzem Jackett fährt auf einem Fahrrad vorbei, gefolgt von einem Mann auf einem Eselskarren.
Die Fahrt zurück nach Gaza Stadt dauert viereinhalb Stunden. Ich verbringe die Nacht in einem luxuriösen Hotel am Strand, einen kurzen Gang entfernt von der vierstöckigen, viele Millionen Dollar teuren Villa, die von Arafats Nachfolger Mahmud Abbas auf Land gebaut wurde, das für einen öffentlichen Park vorgesehen war. Am nächsten Morgen treffe ich Iyad Sarraj, einen Menschenrechts-Aktivisten, Direktor der führenden Organisation für geistige Gesundheit in Gaza ist. In den 1980-ern, während der ersten Intifada, waren viele seiner Patienten Gefangene, die von den Israelis gefoltert worden waren. In den 1990-ern waren die behandelten Gefangenen Opfer der Folter durch die wichtigste Miliz der palästinensischen Autonomiebehörde, des Präventiven Sicherheitsdienstes. Als Sarraj sich über den schlechten Zustand der Bürgerrechte unter Präsident Arafat beschwerte, wurde er dreimal verhaftet, geschlagen und gefoltert. Der gut aussehende Mann in den Vierzigern trägt eine schwarze Motorrad-Lederjacke und raucht ständig während unseres Interviews, das in seinem Büro mit Blick auf das Mittelmeer statt findet. Seine Augen sind müde.
„Die Palästinenser haben die Schlacht verloren, weil sie nicht organisiert sind und weil sie Gefangene der Rhetorik und der Schlagworte sind statt tatsächlicher Arbeit“, sagt er. „Ich glaube, dass der Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern auf die eine oder andere Weise einer zwischen Entwicklung und Unterentwicklung ist, zwischen Zivilisation und Rückständigkeit. Israel wurde auf Rechtstaatlichkeit gegründet, auf Demokratisierung und gewissen Prinzipien, die es voran bringen würden, während die Araber und die Palästinenser immer auf den Propheten warteten, auf den Retter, auf den Heiland, de ‚Mahdi’. Arafat kam und jeder setzte auf ihn ohne zu begreifen, dass es eine große Kluft gibt zwischen dem Retter und der tatsächlichen Arbeit, die getan werden muss. Das ist es, wo die Palästinenser wieder die Schlacht verloren. Sie verloren 48 wegen ihrer Rückständigkeit, Ignoranz und fehlenden Organisation, wie man dem zionistischen Feind entgegen tritt. Sie verloren, als sie die Chance hatten einen Staat aufzubauen, weil die PA absolut korrupt und unorganisiert war.“
Von den Israelis erbeutete Dokumente geben ein sehr detailliertes Bild des riesigen Schutznetzes, das Arafat und seine Kumpane aufbauten, um Gaza zu regieren. An der Spitze der Pyramide waren Arafat und sein innerer Kreis. Darunter befanden sich der Sicherheitschef von Gaza, Mohammed Dahlan, und der Geheimdienstchef von Gaza, Amin al-Hindi. Dahlans Stellvertreter Raschid Abu Schabak, der für die Terroranschläge auf Israelis wie auch für die Ermordung von Palästinensern verantwortlich war, kontrollierte den Karni-Kontrollpunkt, wo er exorbitante Bestechungsgelder verlangte, damit er erlaubte, dass Waren in den Gazastreifen hinein oder heraus kamen. Dahlan, Schabak und die anderen Köpfe des Präventiven Sicherheitsdienst-Apparates profitierten von ihren gemeinsamen Investitionen bei einem Geschäftsmann namens Ihab al-Ashqar. Zusammen kontrollierten sie die Great Arab Company for Investment and Development, die Schotter durch den Karni-Kontrollpunkt importierte; die al-Motawaset Company, die Schotter von der Great Arab Company kaufte und Zement daraus machte; und das al-Scheik Zayid Bauprojekt. Große Geldsummen wechselten zwischen den Partnern regelmäßig die Hände. Zusätzliche Summen kamen direkt von Arafat selbst.
„An den Bruder, den Rais, möge Allah ihn schützen“, schrieb Mohammed Dahlan am 1. Januar 2001. „Bitte weisen Sie die Zahlung von $200.000 an.“ Arafats Antwort: „Finanzministerium: zahlen Sie $150.000“, wurde pflichtbewusst notiert.
Die Ergebnisse dieses Systems der Bestechungen und des Diebstahls werden in die Schuttfelder von Rafah und auf die Mauern und Masten des Flüchtlingslagers von Jabalya beim Erez-Kontrollpunkt geschrieben. Die Flaggen, die über dem Lager flattern, repräsentieren die unterschiedlichen palästinensischen Fraktionen. Grün steht für hamas, schwarz für den Islamischen Jihad, gelb für die Fatah und rot für die Volksfront für die Befreiung Palästinas. Eine Wandschrift sagt: HAMAS GRATULIERT DER ISLAMISCHEN NATION ZUM AL-FITR FEST. Teenage-Märtyrer sind überall im Lager präsent. Ihre ernsten, nicht zuckenden Augen starren aus dem Erinnerungs-Postern, die die Süße des ewigen Lebens und die Sicherheit der göttlichen Rache versprechen.
Mein Führer Ismail ist 20 Jahre alt, still und sprachgewandt. Mit seiner Jeansjacke, dem gegelten braunen Haar, den Koteletten, der scharfen Nase und der olivenfarbenen Haut sieht er wie der Sänger einer Latinpop-Band aus. Er arbeitet in einer Bäckerei, obwohl er einmal davon träumte dem Präventiven Sicherheitsdienst beizutreten. Seine Familie verweigerte ihre Erlaubnis. „Der Ruf des Präfentiven Sicherheitsdienstes ist von der Todesgruppe zerstört worden“, erklärt Ismail traurig, womit er sich auf die berüchtigte Einheit bezieht, die von einem Offizier namens Nabil Tammuz geführt wird.
Während wir am Erez-Kontrollpunkt warten, kommen drei Kinder auf einem Eselskarren an uns vorbei; sie lachen und haben eine gute Zeit, während sie die Straßensperre umfahren, indem sie raus über die Felder fahren, wo die Autos nicht weiterkommen. „Der Jeep ist nichts, verglichen mit einem Eselskarren!“, rufen sie laut. Seit dem Beginn der Intifada ist der Preis für die Fahrt mit einem Eselskarren auf mehr als das Dreifache gestiegen.
Als ich Ismail frage, ob er je daran gedacht hat diesen Ort zu verlassen, wirkt sein sonst wachsames Gesicht gelöst und ein träumender Blick kommt in seine Augen. „Das ist mein Lebenswunsch“, antwortet er einfach. Als unser Fahrer vorwärts schleicht, befiehlt eine geisterhafte Stimme auf Hebräisch: „Lachzor“ – „Zurück“. Gewehrfeuer kracht über unsere Köpfe hinweg in die Felder. Nach weiteren 45 Minuten Wartens entscheide ich mich zu Fuß über die Straße zu gehen, mit einem Freund, der mich hierher begleitete. Wir passieren eine dünne, graue Reihe Arbeiter, die aus dem Erez-Industriegebiet kommen – weniger als 100 in einem Gebiet, das für tausende gemacht war – und dann stehen wir und warten eineinhalb Stunden lang am palästinensischen Ende des Kontrollpunkts, wo ein Gangster, der eine riesige goldgeränderte Sonnenbrille auf seiner langen Nase balanciert, eine Ladung Autos aus Israel einführt. Ein großkalibriges israelisches Gewehr fängt an zu schießen und pumpt presslufthammerartig Salven in die Felder.
„Nachtfeuer“, erklärt mein Gefährte. „Sie halten die Läufe warm.“ Als ich durch die Dunkelheit stapfe, was wie der Tunnel erscheint, der zurück nach Israel führt, komme ich an zwei arabischen Jungs vorbei, die sich um Geld streiten. „Du hast drei Schekel gestohlen“, sagt der eine. „Ich bin kein Dieb!“, antwortet sein Freund. Am nächsten Abend greift eine Selbstmordeinheit den Wachposten an und drei Angreifer sterben. Als ich nach Gaza zurückkomme, ist alles beim Alten, außer einem 3 Meter tiefen Loch und einen neuen Haufen Schutt.
Die Profis
Ohne die formelle Polizeistaat-Struktur, die im Irak existierte und immer noch in Syrien existiert, kann die Realität des palästinensischen sozialen und politischen Lebens unter Arafat am besten nicht als totalitär, sondern eher als eine extreme Form des politischen Rassismus beschrieben werden, in dem Millionen Menschen zu Spielsteinen im Fantasieleben des Mannes reduziert wurden, von dem sie nach ihrer Erziehung her als von ihrem Vater denken. Ihre Bereitschaft dem Alten Mann zu folgen, kann als Maß seines Charisma lesen, als seine Fertigkeit in der Manipulation der Menschen, der Tiefe der palästinensischen Verzweiflung oder der großen Krankheit der arabischen Politik. Und doch ist es auch Fakt, dass Arafat nicht länger als ein paar Monate überlebt hätte ohne die Männer seines Sicherheitsdienstes, die Informanten einschleusen und abschöpfen, Verhöre durchführen und die riesigen Lager an Informationen führen, die die Grundlage seiner Herrschaft waren.
Das neue Hauptquartier von Tawfiq Tirawi, Arafats Lieblings-Spion, liegt in einem PA-Gebäude in Ramallah; das Schild außen verkündet eine Verbindung mit dem Ministerium, das Bauvorhaben handhabt. Der Parkplatz wird durch Männer in Uniform bewacht. Ich werde rasch in das Gebäude geführt, wo eine Wache meinen Pass nimmt, bevor er mich zum Aufzug gehen lässt. Ich fahre in Begleitung zweier Wachen hoch; diese lassen mich auf einer Etage des Gebäudes hinaus, die leer zu sein scheint. Eine der Wachen öffnet eine Tür und führt mich einen Flur hinunter bis zu einem offenen Raum voller Frauen, die an Computern sitzen, wo mir ein Stuhl angeboten wird. Ein Papagei tönt in der Ecke, während eine junge Frau in sorgfältigem Makeup und strahlendem Hijab Daten in einen brandneuen Computer tippt. Das äußere Büro des Meisterspions ist leise und gut geführt und zeigt wenig Anzeichen des Baus goldener Brücken und Platzhirschverhaltens, die die öffentlicheren Amtsfunktionen der PA charakterisieren.
Tirawis Titel zu Arafats Lebzeiten war „Kopf des Allgemeinen Geheimdienstes in der Westbank“. Während der Generalsekretär der Fatah in der Westbank, Marwan Barghouti, die Intifada im Feld führte, leistete Tirawi die professionelle Planung und den Stab, der zum Beginn der Terroranschläge nötig war, mit denen Hunderte israelische Zivilisten getötet wurden und erhielt detaillierte Berichte über die involvierten Einzelpersonen und Organisationen über ein Netzwerk, das sein Stellvertreter Hadsch Ismail Jabir leitete.
Nach einer halben Stunde Wartens werden mein Übersetzer und ich einen langen Korridor hinab geführt, durch eine Sicherheitstüre hindurch und durch einen fensterlosen Konferenzraum, der mit brandneuen Büromöbeln gefüllt ist, die noch wie Fötusse im Mutterleib von Plastiksäcken eingehüllt sind. Wir gehen durch eine Sicherheitstür in ein weiteres leeres Büro und dann durch eine zweite Sicherheitstüre, die sich in ein stilles, mit Licht gefülltes Büro öffnet, wo Tirawi an seinem Schreibtisch sitzt und sanft in ein Handy spricht. „La, la, la, la, la“, antwortet er und nickt zustimmend mit dem Kopf.
Tawfiq Tirawis Schmerbauch ist über die Jahre seiner Beschränkung auf die Mukata etwas größer geworden; er ist ein ruhig, meditativ und spricht mit der unaufgeregten, nachdenklichen Stimme eines professionellen Fragestellers. Er ist gut gekleidet, trägt teure, legere europäische Kleidung – einen weißen Kaschmirpullover unter einer braunen Jacke und Wollhosen, die bis zum Magen hoch reichen. Sein schwarzes Haar ist von Grau durch zogen. Er spricht mit knapp unter seinem Brustbein über der Schnalle seines braunen Gucci-Ledergürtels zusammengeführten Händen. Abu Ammar, erklärt er, war ein “Abqari“, ein Genie, das nach kleinen Details dürstete.
„Hier oben hatte er einen Computer“, sagt er und tippt mit dem Zeigefinger an seinen Kopf, als ich ihn frage, welche Art von Details sein Meister besonders gern wusste. „Alle Informationen“, sagt er. „Einschließlich der persönlichsten Informationen. Und nicht nur bezüglich politischer Rivalen, sondern von jedem – er liebt es diese Art persönlicher Informationen zu wissen.“
Unsere Unterhaltung wird von dem sanften Klingelton seines Handys unterbrochen und Tirawi spricht eine Zeit lang, wobei er klare, einfache Anordnungen gibt. Arabische Schlagzeilen laufen in aller Stille auf einem großen Fernseher, der auf al-Jazira eingestellt ist. Nach ein paar Minuten kehrt er zu unserer Unterhaltung zurück. Er war neunzehn oder zwanzig, als er den Alten Mann erstmals traf, auf einer Guerillabasis in Jordanien. Der Alte Mann hatte nur zwei Anzüge: „Und er hatte zwei Keffiyen“, fügt Tirawi hinzu. „Manchmal trug er eine der Keffiyen um den Hals, besonders im Winter, wenn es sehr kalt war. Aber er hatte sich daran gewöhnt, deshalb begann er sie dann im Winter wie im Sommer auf dem Kopf zu tragen. Er benutzte nie Eau de Cologne.“
Ich bitte Tirawi die Art zu beschreiben, in der Arafat mit seinen politischen Verbündeten und seinen Rivalen in der palästinensischen Nationalbewegung umging.
„Oftmals war dies bei den Mitgliedern des Exekutiv-Komitees der Eindruck, den er ihnen gab – dass er ihr Vater war, selbst wenn sie älter waren als er“, sagt Tirawi. „Er hatte diese beiden wichtigen Positionen: der Vater zu sein, jeden in den Arm zu nehmen und sie um sich zu versammeln; und dann, wenn es an der Zeit war eine Entscheidung zu treffen, war er der Führer. Manchmal war er wütend auf jemanden und er sagte etwas, dass sie verärgerte, aber dann, am nächsten Tag, kam er zu ihnen, küsste sie und sagte, es tue ihm leid und vermittelte ihnen den Eindruck, dass er sich bei ihnen entschuldigte.“
Als ich Tirawi frage, wie die zweite Intifada begann, leugnet er zuerst, dass Arafat verantwortlich war. „Es war eine Volksbewegung, weil Israel die Vereinbarungen nicht respektierte“, sagt Tirawi. Als ich ihn weiter bedränge, sagt er, dass es in der Tat eine Entscheidung gab einen Krieg gegen die Israelis zu beginnen. „Nachdem Dutzende Palästinenser von der israelischen Armee getötet worden waren – das war, wie es begann“, sagt Tirawi, indem er seine ursprüngliche Aussage erweitert. „Anfangs der Intifada gab es keinerlei Gebrauch von Waffen. Erst nachdem – sogar nachdem 100 Palästinenser getötet worden waren, gab es nicht eine Kugel. Danach gab es eine Entscheidung. Aber erst, nachdem mehr als 100 Palästinenser getötet wurden.“
Nachdem er sich selbst unter bunkerartigen Umständen in der Muqata eingerichtet hatte, drückte Arafat reichlich Frust wegen der mangelnden Unterstützung durch arabische Führer aus, die rituelle Huldigungen der Gerechtigkeit der palästinensischen Sachen gegenüber abgaben. „Viele Male drängte er die arabischen Führer dazu aktiv zu werden, nicht zu warten, besonders wenn er belagert wurde“, erinnert sich Tirawi mit seiner weichen Stimme, während die Sonne durch Spiegelglas-Scheiben strömt, die die Hügel um Ramallah überblicken lassen. „Er betrachtete diese arabischen Führer mit großer Bitterkeit, weil sie unfähig waren; sie konnten nichts tun.“
Als ich Tirawi bitte Arafats größten Fehlschlag zu benennen, ist er offen: „Er hat seinen Traum nicht verwirklicht und den Traum seines Volkes einen Staat zu gründen.“
Die Mitglieder der jungen Garde der Fatah, die ein gewisses Maß an realpolitischer Macht an Arafats Hof erzielten, waren die Köpfe der Sicherheitsdienste in der Westbank und Gaza, Jibril Rajoub und Mohammed Dahlan. Beide Männer waren in Tunis Arafat sehr nahe gekommen, nachdem sie von den Israelis während der ersten Intifada in den 80-er Jahren deportiert wurden. In den 90-er Jahren schmiedeten beide Männer enge operative Verbindungen zur CIA. Die damalige Theorie war, dass die USA und Israel Hilfe benötigten, um Arafats Sicherheitsdienste auszubilden und zu stärken, damit der Palästinenserführer gegen die Hamas und den Islamischen Jihad vorgehen könnte. Rajoubs Beziehung zur CIA ging 2001 zu Ende, als ein explosives Geschoss das Badezimmer seines schwer gesicherten Lagers beschädigte, von dem die Israelis sagten, es werde als Versteck für Terroristen benutzt. Die Israelis rissen dann das Lager ab.
Mohammed Dahlan, auch bekannt als Abu Fathi, ist der Kronprinz von Gaza. Gut gebaut und Mitte Vierzig hat Dahlan eine leichte, mächtige physische Präsenz, die Autorität und eine nicht unbeträchtliche Menge Egoismus und Eitelkeit ausstrahlt. Wo Rajoub wie ein Oberst in Zivil aussieht, ist Dahlan ein rehäugiger Modegeck. Sein Haar hat vorne eine Welle wie bei einem ägyptischen Popstar. Dahlan wird weithin als die Macht hinter der Regierung von Mahmud Abbas und oberster Warlord der Palästinensergebiete angesehen. Er ist das A und O der Hoffnungen der Regierung Bush für Demokratie in der palästinensischen Autonomie. Als ich auf seiner Etage im Grand Park Hotel in Ramallah ankomme, werde ich von einem Bodyguard in Empfang genommen, der mit an drei bewaffneten Männern vorbei in Dahlans Zimmer führt. Heute trägt er Krokoleder-Schuhe, einen seidenen Pullover, einen Gucci-Blazer und eine große Rolex-Uhr. Neben dem Sofa, auf dem er sitzt, befindet sich ein Stapel arabischer Übersetzungen von Artikeln der führenden Zeitungen aus aller Welt. Dahlan, der Arafat von Abu Jihad in Bagdad vorgestellt wurde, ist zufrieden, dass ich den Namen seines Mentors kenne.
„Als wir Abu Jihad verloren, verloren wie das politische Know-how“, sagt er. „Mit Abu Iyad verloren wir die Kreativität und Fertigkeit Meinungen zu bilden.“ Dahlan nimmt einen Schluck seines Tees und lehnt sich nach vorne. „Ich glaube, dass das innere Leben der palästinensischen Nationalbewegung viel komplizierter wurde, als Abu Jihad und Ab Iyad starben, denn wir hatten nur eine Person, die die Verantwortung hatte“, erklärt er. „Wenn du mit Abu Ammar nicht überein stimmst, dann bist du auf der Seite der Juden. Vorher war es so, dass es, wenn du gegen Abu Ammar opponiertest, du auf der Seite von Abu Jihad oder Abu Iyad sein konntest.“
Wie Rajoub, der Arafat in Tunis nahe stand, war Dahlan über die Ignoranz der Palästinenserführung gegenüber den tatsächlichen Bedingungen in den Gebieten und der Natur des israelischen Staates entsetzt. „Es war ein furchtbarer Schock“, sagt er. „Sie wussten gar nichts, nichts Wesentliches, weder die Details noch die wichtigen Aspekte der Lage. Weil ich Abu Jihad gewöhnt war, der selbst die kleinsten Details darüber kannte, wer in welchem Flüchtlingslager wer war, in jeder Schule, an dieser Universität, in der Bir Zeit-Universität, im Jabalya-Flüchtlingslager, nahm ich an, dass der Rest wie er war. Als ich nach Abu Jihads Tod an die Spitze kam, erkannte ich, dass sie nichts wussten. Ich war erstaunt und ich wurde traurig.“
„Arafat ist dein Freund, so lange du aus seiner Sicht für ihn keine Bedrohung oder ein Wettbewerber bist“, sagt Dahlen. In Arafats letztem Lebensjahr, fügt er hinzu, kühlte die Beziehung zwischen ihnen ab. „Es bist nicht du, es ist keine Logik“, erklärt er. „Manchmal bekam er Angst vor dir. Er wurde eifersüchtig auf dich. Du weißt nicht warum. Es fängt einfach so in seinem Kopf an, durch die Leute, die um ihn herum sind“, sagt Dahlan, lehnt sich nach vorne und spritzt ein die Atemwege frei machendes Spray aus einer weißen Plastikflasche in seine Nase.
„Mit ihm zu arbeiten ist generell nicht einfach, selbst für Leute wie mich“, fährt Dahlan fort. Mit Kommentaren, wie sie mir Tirawi und Rajoub bereits gaben, malt er das Bild eines hoch emotionalen Mannes, der ein Experte der Manipulation der Menschen seiner Umgebung war, aber auch anfällig für die Manipulationen seines Hofes war.
„Oftmals ist er wie ein Kind“, erinnert sich Dahlan. „Manchmal schreit er oder schluchzt und ein anderes Mal ist er sehr ruhig. Ich erinnere mich wie er lacht, wenn wir ihm Witze erzählten, besonders wenn wir zusammen im Flugzeug waren. Ich erinnere mich an ihn, wie er wütend war, besonders während der Wahlen, den Verhandlungen, wenn er etwas plante. Er hatte hoch verfeinerte menschliche Emotionen, war sehr sensibel. Er ist sehr scheu – vielleicht ist das etwas, was sie schocken wird. Jedes Mal, wenn jemand mit einem Wunsch kam, wollte er ihn erfüllen. Das schaffte uns Probleme.“
In einem Fall, noch früh im Oslo-Prozess, sagte Dahlan, erinnert er sich mit Arafat allein gewesen zu sein, als Premierminister Rabin den Palästinenserführer anrief und einen Schlüsselpunkt in der Oslo-Vereinbarung ändern wollte. Arafat stimmte auf der Stelle zu.
„Er glaubte, er sei auf dem Fischmarkt“, fügt Dahlan hinzu.
Mein Übersetzer N. fragt, ob der die jüngste Kommentar-Schlagzeile in der Zeitung Al-Ayyam sah, die sagte: „Arafat trifft Entscheidungen aus dem Grab.“
„Das ist Scheiße und Müll“, sagt Dahlan.
Als ich ihn nach seinem letzten Urteil zu Arafats Fehlern frage, reagiert er offen abschätzig.
„Er managte die Beziehung zu den USA, wie er die Beziehungen zu den arabischen Ländern und den Staaten der Dritten Welt managte“, beginnt Dahlan. „Zweitens unterschied er nicht zwischen einer persönlichen Beziehung und einer politischen.“ Dahlan macht eine pause, bevor er die Liste vervollständigt. „Das Dritte, was auch wichtig ist: Er glaubte, er sei so mächtig wie die Juden in den USA. Er überschätzte sich selbst. Aus meiner Sicht liegen meine Interessen bei den USA. Meine Pflicht ist ein Interesse der USA an mir zu schaffen, damit sie mir nützlich sind.“
Die Israelis
In den folgenden Wochen lasse ich meinen Übersetzer sausen und reise nach Tel Aviv für offizielle und inoffizielle Treffen mit derzeitigen und früheren hochrangigen israelischen Beamten, darunter Offiziere der verschiedenen Geheimdienste, die Abmachungen mit Arafat hatten. Die Israelis wie die Palästinenser kennen ihren Feind gut. Sie teilen auch anderes, so ihren Geschmack für Inneneinrichtungen. Während eines Treffens in Kirya, dem Hauptquartier des Armeekommandos im Zentrum von Tel Aviv, bemerke ich, dass die Sicht aus dem Eckbüro meines Gastgebers ähnlich der aus dem Büro von Tawfiq Tirawis Büro ist. Wieder ist der Fernseher auf Al-Jazira eingestellt, der Ton abgestellt. Beim Umsehen im Raum bemerke ich ein Bild der Omar-Moschee über den Mauern Jerusalems. Es ist fast dasselbe Büro, sage ich meinem Gastgeber, der entschuldigend lächelt. „Aber meine Aussicht ist schöner“, sagt er. „Ich sehe den Ozean.“
Ein derzeit hochrangiger Offizier des israelischen Geheimdienstes: „Lass Sie mich eine Geschichte erzählen. 1997 war Arafat unglücklich mit Netanyahu, also entschied er sich im März für das, was wir das grüne Licht für die Wiederaufnahme von Anschlägen nennen. Seit Anfang 1996 stand das rote Licht. Also traf er sich mit der Hamas-Führung und sagte etwas über die Tatsache, dass sie sich immer im Heiligen Krieg befinden. Hamas kam aus diesem Treffen und sie waren nicht sicher, ob Arafat wirklich meinte sie sollten die Anschläge wieder aufnehmen. Also baten sie ihn um ein Zeichen. Er entließ Ibrahim Maqadma aus dem Gefängnis. Die Geschichte mit Maqadma ist, dass er für die geheime Hamas-Zelle verantwortlich war, die dafür zuständig war Arafat loszuwerden. Durch seine Entlassung gibst du ihnen grünes Licht. Am 21. März 1997 führten sie den Anschlag auf das Café in Tel Aviv aus. Das meinen wir mit dem grünen Licht für Terror.“
Ein ehemaliger Leiter des israelischen Sicherheitsdienstes, der sich oft mit Arafat traf: „Er akzeptierte, dass er zu seinen Lebzeiten nie einen palästinensischen Staat sehen würde, der das Land jenseits der Grenzen von 1967 einschließen würde. ‚Zu seinen Lebzeiten’ ist auf unserer Seite ebenfalls ein Schlüsselausdruck. Wir glauben auch, dass alles Land uns gehört. Wenn die Palästinenser schwach genug wären, würden wir Hebron und Nablus nehmen und dort für immer bleiben, weil das das biblische Herzland Israels ist. Arafat wachte jeden Tag auf und überlegte, was heute möglich ist. Das ist das Kennzeichnen eines Pragmatikers. Als die Intifada kam, ritt er auf diesem Pferd. Ich pflegte meinen Leuten zu sagen: Nur weil ihr einen Mann auf dem Rücken eines Pferdes seht, heißt das noch nicht, dass er dem Pferd auch sagt, wohin es laufen soll.“
Amos Gilad, Chef der Recherche-Abteilung des israelischen Militärgeheimdienstes während der ausgehenden 1990-er Jahre, schrieb einen streng geheimen Bericht mit dem Titel „2000, das Jahr der Entscheidung. Der kommende Terrorkrieg gegen Israel“. Er sagt: „Er liebte Rauch und Blut und Trümmer. Da fühlte er sich am wohlsten. Er glaubte, dass Israel eine vorübergehende Erscheinung sei. Von ihm als Pragmatiker zu reden ist Unsinn von sich geben. Sein Ziel war unsere Vernichtung und er hätte es beinahe geschafft. Er wollte sein Pferd bis in den Himmel reiten.“
Der ehemalige Premierminister Ehud Barak ist eine einzigartige Figur des politischen Lebens in Israel, denn er wird von der Linken wie der Rechten gleichermaßen gehasst. Die Israelis hassen Barak, weil er ihren Traum zerstörte. Barak zerstörte den Traum von Großisrael, indem er anbot ganz Gaza und bis auf einen einstelligen Prozentsatz die Westbank aufzugeben und Jerusalem zu teilen. Barak zerstörte den Friedenstraum, indem er es verfehlte in Camp David eine Einigung mit den Palästinensern zu erzielen. Als der höchst dekorierte Kriegsveteran der Geschichte des Staates Israel ist Barak der verlorene Sohn, der Führer, dem es sich 1999 mit hohen Erwartungen zuwandet und von dem es die bittere Ernte der al Aksa-Intifada bekam. Die Volksmeinung zu Barak wird am besten durch einen Witz der israelischen Comedysendung „Eretz Nehederet“ (Ein wundervolles Land) zusammengefasst. „Nach der Auftauchen von Heuschrecken in Südisrael in dieser Woche“, intonierte der Sprecher der Show, „ermahnen Experten die Öffentlichkeit nach Wesen Ausschau zu halten, die auftauchen, alles verwüsten und schnell wieder weg sind.“ Die Kamera wechselt dann auf ein Bild von Barak.
Ich treffe Barak in einem Kaffeehaus namens Aroma in Tel Aviv. Baraks Leibwächter kommt früh und bitten mich an einen anderen Tisch zu wechseln, damit er Barak nahe am Ausgang unterbringen kann, mit dem Rücken gegen eine solide Steinwand, nach draußen blickend. Als Barak ankommt, bittet er mich die Plätze zu tauschen, damit er sich so setzen kann, dass er sich mit dem Gesicht zur Wand setzen kann. Noch nicht bequem genug, legt er seine Füße auf einen Stuhl. Barak ist ein fließend Erzählender, auch ein klassischer Pianist, begabter Mathematiker und Amateur-Mechaniker, der sich gerne damit entspannt Sachen auseinanderzunehmen und sie wieder zusammenzubauen. Seine wachen, fragenden Augen und aktive Erscheinung sitzen in einem runden Gesicht, das den Ansatz eines Doppelkinns trägt.
Es gibt eine Denkschule, die Arafats persönlichen Hass auf Barak für die Intifada verantwortlich macht. Als ich sie Barak gegenüber ausprobiere, tut er die Idee als irrational ab; aber während wir reden ist nicht schwer zu erkennen, warum ihn so viele Leute beunruhigend finden. Barak hat zwei ausgeprägte und widersprüchliche Persönlichkeiten. Er vereint die hyperaktive, die Sache angehende Art des klügsten 10-Jährigen des Planeten mit einer kalten, analytischen Art Ereignisse zu beschreiben, die an den Computer HAL in Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltall“ denken lässt. Oslo, so glaubt Barak, war ein politisches Abenteuer, auf das Rabin sich einließ, der Arafat misstraute, aber die strategische Notwendigkeit sah eine politische Einigung mit den Palästinensern zu erzielen.
„Was uns die ganze Zeit durch den Kopf ging, war: Wenn man sich weiter auf eine vulkanartige Explosion der Gewalt zu bewegt, als Ergebnis der Unfähigkeit die Herrschaft über die Palästinenser eine weitere Generation lang auszudehnen, könnten das mit einer Tragödie enden“, sagt Barak. Er zieht am Kragen seiner Windjacke. Er erinnert sich an ein Treffen zu Beginn der ersten Intifada, das Rabin leitete und in dem das israelische Verteidigungs-Establishment die Art der Rebellion und die Reichweite zur Verfügung stehender Lösungen diskutierte.
„Wir hatten eine Klausur von vielleicht 30 Leuten – die höchsten Würdenträger des Verteidigungsministeriums – mit Rabin und er brachte einige Akademiker mit, um darüber zu reden, was sie glaubten was sie sahen“, erinnert sich Barak. „Die erste Intifada war damals zwei Wochen alt. Und dann gab es eine brillante Präsentation von Professor Shamir; er sprach über die 50 Präzedenzfälle im letzten Jahrhundert solcher Ereignisse. Er sagte, dass durch die Geschichte hindurch nur drei Strategien nahe daran waren Erfolg zu haben. Keine ist für unseren Fall relevant. Die Strategien waren Ausrottung, Verhungern lasse und Massentransport. Wir waren Ziel von Ausrottung, wie auch die Armenier, aber das funktionierte nicht. Biafra solle ausgehungert werden und funktionierte nicht. Und er analysierte, was passieren würde – das ist eine brillante, kurze Präsentation.“
Als Chef des IDF-Generalstabs und später als Minister in Rabins Kabinett sprach Barak mit dem Premierminister sehr oft über die Probleme mit den Oslo-Vereinbarungen; er sagt: „Viele Male habe ich Rabin gefragt: Warum hast du dies oder das aufgegeben? Und er sagte: ‚Weißt du, Ehud, wir haben noch genug Spielraum. Es wird unweigerlich der Punkt kommen, dass wir unsere Entscheidung treffen müssen.’ Selbst damals lasen wir Arafats reden vor anderem Publikum, in Johannesburg und andernorts, wo er sagte: ‚Erinnert euch an die falsche Hudna’“, sagt Barak mit Bezug auf einen Täuschungs-Vertrag, den der Prophet Mohammed einging. Als er Premierminister wurde, sagt Barak, fand er, dass eine gewalttätige Explosion unmittelbar bevor stand und die strategische Lage war für Israel nicht günstig.
„Ich hatte mein ganzes Erwachsenenleben das Gefühl, dass Israel nach 1947 niemals irgendein operationelles oder militärisches Ziel erreichen konnte, wenn nicht zwei Vorbedingungen erfüllt waren“, erklärt er. „Die eine, dass wir vor der Welt die moralische Überlegenheit hatten, die andere, dass wir unsere innere Einheit beibehielten. Das war 1947 genau deshalb der Fall, weil Ben-Gurion bereit war einen fast unmöglichen internationalen Plan zu nehmen, ihm zuzustimmen und die Palästinenser ihn ablehnten. Nur die Tatsache, dass Ben-Gurion ihn akzeptierte, ermöglichte es Israel die Ergebnisse des Krieges 57 Jahre lang zu halten.“
„Acht Jahre später marschierten wir durch den Sinai“, fährt er fort, „und es dauerte drei Wochen, bis Ben-Gurion hinaus geworfen wurde, nachdem er seine messianische Ankündigung über die Gründung des Dritten Königreichs Israel vor der Knesset macht. 1967 eröffneten wir das Feuer, aber die Welt nahm es so wahr, dass man versuchte uns zu erwürgen und wir hatten damit die moralische Überlegenheit und die innere Einheit. Im Libanon verletzten wir diese Grundsatzregel und wir waren nicht in der Lage zu halten, was wir genommen hatten. Ich hatte das Gefühl, wenn wir nicht ziemlich schnell diesen Augenblick der Wahrheit schaffen würden, bevor Bill Clinton aus dem Amt ging, dann würden wir einen Ausbruch haben und Israel dafür verantwortlich gemacht werden.“
Ich erwähne gegenüber Barak, dass Yigal Carmon, ein ehemaliger israelischer Nationaler Sicherheitsberater und jetzt Leiter von MEMRI, einer führenden Quelle für Übersetzungen der arabischsprachigen Medien ins Englische, mir mehrfach von einem Treffen mit Barak erzählte, bevor er nach Camp David ging um Arafat sein historisches Friedensangebot zu machen. Jedesmal, wenn sie sich trafen, sagt Carmon, drängte Barak ihm die Frage auf, ob Arafat das Angebot akzeptieren würde. Jedesmal sagte Carmon, dass aufgrund der Reden, die Arafat auf Arabisch gab, der Palästinenserführer darauf bestehen würde, dass die Israelis die Altstadt von Jerusalem übergeben, damit diese als palästinensische Hauptstadt diene.
Selbst für säkulare Israelis ist die Vorstellung der Abgabe des historischen Zentrums Jerusalems an arabische Herrschaft einfach undenkbar. Um die strategische Bedrohung zu entschärfen, die der palästinensischen Anspruch auf Jerusalem darstellt, mussten die Israelis ein kontrolliertes Szenario aufbauen, in dem sie als Friedensmacher da stehen würden, während Arafat durch seine Rhetorik der Ablehnung ihre großzügigen Angebot eines Staates gebunden sein würde. Es konnte keinen besseren Zeremonienmeister für eine solche Demonstration geben als Bill Clinton, den amerikanischen Präsidenten, der Arafat und Rabin 1993 auf dem Rasen des Weißen Hauses zusammenbrachte. Mit dieser Darstellung zumindest können Berichte über Baraks unfreundliches Verhalten in Camp David durch den Fakt erklärt werden, dass der israelische Premierminister hoffte sein Friedensvorschlag würde fehl schlagen. [Ich halte diese Interpretation für falsch und einen Versuch die Schuldfrage ausschließlich zum Nachteil Israels zu beantworten. Wenn Barak ein kontrolliertes Szenario schaffen wollte, dann um Arafat und den palästinensischen Staat zu verpflichten und dafür zu sorgen, dass der palästinensische Staat sich an Verträge halten statt wie in der Oslozeit zu agieren: keinerlei Abmachungen einzuhalten. Die folgenden Schlussfolgerungen empfinde ich schon als üble Nachrede.]
Viele Israelis tun die Vorstellung ab, das Baraks Angebot an Arafat in Camp David Teil eines großen Plans war. Dennoch sollte man über die Folgen nachdenken: Der Premierminister Israels benutzte einen amerikanischen Präsidenten, um wissentlich einen riesigen diplomatischen Fehlschlag zu schaffen, der das internationale Prestige der USA beschädigte, um sein Land aus den Folgen von Oslo zu ziehen.
„Lassen Sie mich einen Punkt vervollständigen“, sagt Barak. „Stellen Sie sich zwei Feuerwehrmänner vor, die beide losrennen um ein Zweifamilienhaus vor einem Feuer zu retten. Der andere Feuerwehrmann ist bereits hoch ausgezeichnet mit einem Friedensnobelpreis. Und die ganze Zeit weißt du nicht, ob er Feuerwehrmann oder Pyromane ist. Und du musst beide Möglichkeiten einplanen.“ Er legt eine Hand auf die andere und dann beide flach auf den Tisch.
„Also ja, ich empfand die strategische Notwendigkeit diesen Augenblick der Wahrheit zu schaffen, vor dem Ausbruch und bevor Clinten aus dem Amt ging.“
Arafats Kinder
In einem schwarzen Kleid und einer modischen weißen Jacke stand Arafats dunkelhaarige, neunjährige Tochter Zahwa bei ihrer Mutter Suha und sah zu, wie der Sarg ihres Vaters in ein Flugzeug geladen wurde. „Weine nicht, Zahwa“, intonierte der ägyptische Fernsehsprecher, als die Szene in Kairo am Tag von Yassir Arafats Beerdigung ausgestrahlt wurde. „Dein Vater weinte nie. Er war ein Mann der Geduld und der Ausdauer.“ Die Presse war natürlich erpicht darauf einen Blick des kleinen Mädchens zu erhaschen, die das Vermögen des Palästinenserführers erben könnte. Aber Zahwa war nicht Arafats einziges Kind. Seit den frühen 1970-ern hatte Arafat eine Reihe Waisenkinder adoptiert, zahlte für ihre Schulen und übergab sie bei ihren Hochzeiten. Aus Arafats weit verstreute Nachkommenschaft war diejenige, der er vermutlich am nächsten stand, Raeda Taha, die er adoptierte, als sie acht Jahre alt war, nach dem Tod ihres Vaters, des PFLP- und Schwarzer-September-Terroristen Ali Taha.
Raeda ist eine lebhafte Frau Anfang vierzig mit einer tiefen Raucher-Stimme, hat scharfe Gesichtszüge, die hübsch oder hässlich sein könnte, ein leicht zurückgezogenes Kinn und große, schöne Augen, die sich sehr vorteilhaft von ihrem weißen Pelzmantel und den Diamant-Ohrrigen abheben. Während er Operation Schutzschild im Jahr 2002, als sie in Ramallah lebte, entschied sie sich ein Buch über ihren Vater zu schreiben, der am 8. Mai 1972 mit drei Komplizen Sabena-Flug 517 von Brüssel nach Tel Aviv entführte und von einem Sturmtrupp unter dem Kommando von Ehud Barak erschossen wurde.
„Mir ist egal, ob er für Palästina oder irgendetwas anderes starb“, sagt Raeda, als ich sie an einem regnerischen Abend in einem Restaurant in Ramallah treffe. „Er sah wie ein Filmstar aus“, erinnert sie sich. „Weiße, perfekte Zähne und strahlende Augen. Er war sehr jung.“ Als Kind wusste Raeda, dass die Männer, die unauffällig in die Wohnung ihrer Eltern in Westbeirut kamen um Tee zu trinken, wichtige Gäste waren, die zu einer Geheimwelt gehörten.
„Ich erinnere mich, das meine Mutter die Tür öffnete und ich heimlich ein wenig raus lugte um zu sehen, wer sie waren“, sagt sie und nennt einige bekannte internationale Terroristen der 1970-er Jahre. „Ich erinnere mich an Carlos“, sagt sie – den Terroristen, der als „Schakal“ bekannt war und jetzt in einem französischen Gefängnis residiert. „Er spielte ein wenig mit uns. Wadi Hadad kam oft.“ Wadi Hadad war der Erfinder der Flugzeugentführungen als politischem Mittel; sein Bruder Isad war der Eigentümer der exklusiven Mädchenschule, in die Raeda in Beirut ging.
An dem Tag, an dem Ali Taha zu seiner letzten Reise aufbrach, umarmte er seine Töchter zum Abschied und versprach seiner Frau, dass dies seine letzte Reise ins Ausland sein würde. Als ihre Mutter die Nachricht hörte, dass ein Flugzeug auf dem Weg nach Tel Aviv entführt worden war, rief sie den Führungsoffizier bei der PFLP an und bekannte ihre Befürchtungen: „Und er sagte ihr: ‚Nicht in deinen schlimmsten Träumen. Geh einfach wieder schlafen.’“ Am nächsten Morgen sah Raeda das Bild ihres Vaters auf der Titelseite der Zeitung und brachte es dem Aufseher ihrer Schule.
„Ich klopfte an die Tür und ging hinein und hatte die Zeitung hinter meinem Rücken und sagte ihm: ‚Herr Hassan, guten Morgen. Ich möchte Sie etwas fragen. Was bedeutet Schahid?’ Und er sagte: ‚Warum fragst du mich das?’ Ich sagte ihm: ‚Sagen Sie mir einfach, was das bedeutet.’ Er sagte: ‚Jemand, der für sein Land stirbt.’“ Raeda ging nach Hause, wo sie feststellte, dass ihrer Mutter Beruhigungsmittel verabreicht worden waren. Die Wohnung war voller Leute, die ihr sagten, dass ihr Vater ein Held war, der für Palästina gestorben war.
„Ich kannte die Geschichte auswendig“, sagt sie. „Er tat etwas sehr heldenhaftes, das niemand tun konnte. Ein Flugzeug von einem Ort zum anderen zu bringen war für mich etwas Großes.“ Raeda erinnert sich auch an den Mann, der verkleidet zu ihr nach Hause gekommen war, bevor ihr Vater zu seiner letzten Reise aufbrach.
„Ich fragte meine Mutter als ich etwa 10 Jahre alt war oder neun. Ich sagte ihr: ‚Mutter, ich kenne diesen Mann durch seinen Mund. Er hat diesen großen Mund mit seinen Lippen – du weißt. Sie sagte: ‚Du hast recht.’“ Am dritten Tag nach dem Tod ihres Vaters tauchte der mysteriöse Mann wieder bei ihr Zuhause auf.
„Er rief nach meiner Mutter und er rief nach uns allen und er sagte: ‚Hört mir genau zu, was ich euch jetzt sage. Ich bin jetzt euer Vater und ich werde auf euch aufpassen und ihr müsst euch um nichts sorgen’“, erinnert sich Raeda und nimmt eine weitere Zigarette aus der Schachtel auf dem Tisch. „Er sagte: ‚Diese Kinder sind ab jetzt meine Kinder und ihr Vater ist mein Bruder und was immer ihr in der Nacht träumt bin ich bereit wahr werden zu lassen.’“
Dem Alten Mann nahe zu stehen, war für ein Kind angenehm. Er war klein von Statur und hatte kleine, weiche Hände. Er liebte es Raeda und ihre drei Schwestern zu küssen und mit ihrem Haar zu spielen.
„Euer Vater war ein sehr mutiger Mann“, sagte der Alte Mann. „Er tat etwas für Palästina sehr Gutes. Eure Mutti liebt euch sehr und ich liebe euch sehr und wann immer ihr mich sehen wollte und wann immer ihr etwas braucht, könnte ihr kommen und es mir sagen.“ Er fragte die Mädchen, was sie werden wollten, wenn sie groß sind.
„Ich sagte ihm: ‚Ich will Astronautin werden’“, erinnert sich Raeda. „Er sah mich an; er sagte: ‚Gut, vielleicht.’ Ich sagte ihm: ‚Wie Valentina Tereschkowa.’ Er sagte: ‚Ja. Wenn wir nach Palästina zurückgehen, wirst du vielleicht die erste palästinensische Astronautin.’“
Während ihrer gesamten Kindheit begleiteten Raeda und ihre Schwestern ihre Mutter alle paar Monate und an Geburtstagen in ein schmuddeliges Büro, wo ihr neuer Vater hinter einem Schreibtisch saß, umgeben von seinen Leibwächtern. Als er die Mädchen sah, stand er auf und schnappte aufgeregt nach Luft und kam hinter seinem Schreibtisch hervor. Er griff die vier Mädchen und setzte sich neben sie, küsste sie und fragte, wie sie in der Schule waren. In einem Jahr, am Geburtstag von Raedas Schwester, kam ein Klavier. Als Raeda zum College in die USA ging, zahlte Arafat ihre Studiengebühren. Als sie ihn in Tunis besuchte, fütterte er sie mit Eiskrem und prahlt mit ihren Noten.
Nachdem sie das College abgeschlossen hatte, wurde sie seine Pressesprecherin. Sie aßen oft gemeinsam.
Ihn freute ein wenig Klatsch, gerade so viel um dich wissen zu lassen, dass er so normal ist wie du selbst. Er fragte mich von Zeit zu Zeit: ‚Wie sieht es mit deinem Liebesleben aus?’ Ich sage ihm: ‚Keine Liebe.’ ‚Warum? Das Leben ist nicht schön ohne Liebe, mein Schatz.’ Ich sagte ihm: ‚Das solltest du dir selbst zu Herzen nehmen’“, sagt Raeda und lacht. Sie tippt die Asche von der Zigarette ab. „Er merkte, wenn ich etwas Neues trug.’ Das ist eine neue Tasche. Das ist ein neues Kleid – Ich habe dich das bisher nicht tragen sehen.’ Er mag es sich mit Details zu beschäftigen, dich wissen zu lassen, dass er normal ist. Und er mag es dir Dinge über sich selbst zu erzählen. So wie: ‚Als ich jung war, aß ich nie gerne reheyeh oder okra. Ich mochte diese beiden Gerichte nie. Meine große Schwester, meine älteste Schwester, machte mir immer roheye und okra und ich wurde Freiheitskämpfer, nur um von ihr weg zu kommen.’“ Raeda lacht.
Sie bietet mir eine Zigarette an, die ich in der Hoffnung akzeptiere, dass sie meine Bronchitis beruhigt.
„Ich erzähle Ihnen von den letzten Augenblicken, die ich ihn sah“, sagt sie schließlich. „Er lag so da, wissen Sie, und in seinem Trainingsanzug hatte dieses große Lächeln auf dem Gesicht und als er mich sah, sagte er: ‚“Ah.’“ Raeda seufzt. „Er sagte: ‚Da bist du also. Wie geht es dir, meine Liebe? Ich vermisse dich.’ Seine Hand war weiß. Ich streichelte seine Hand und dann küsste ich sie. Und dann griff er meine Hand mit seine ganzen Kraft und er brachte sie nahe an seinen Mund und küsste sie. Er sagte: ‚Mach dir keine Sorgen. Mir wird es gut gehen. Gestern fühlte ich mich gar nicht gut, aber heute fühle ich mich viel besser.’“
Ich frage sie, wie viele Leute Arafat am Ende seines Lebens besuchen kamen.
„Es kamen und gingen sehr wenige Leute“, erinnert sich sie an den Tag, bevor Arafat Ramallah verließ. „Ich blieb bis 12 Uhr dort und dann sagte ich ihm: ‚Ich wünsche dir eine sichere Reise und ich werde auf dich warten.’ Er sagte: ‚Warte auf mich. Ich werde wieder kommen.’ Ich sagte Auf Wiedersehen und ging und er kam nie zurück.“
Übersetzung aus dem Englischen: H.Eiteneier
Weder Autor noch Magazin haben sich nach Monaten der versuchten Kontaktaufnahme gemeldet. Daher ist dieser Artikel ohne ausdrückliche Erlaubnis hier eingestellt.