Die
deutsche Berichterstattung über Israel, den Nahen Osten
und die Juden, am Beispiel der Süddeutschen
Zeitung.
Von Heinz
Schneier
(...) Mit über 450.000
verkauften Exemplaren wochentags und über 500.000 an
Wochenenden ist die SZ eine der führenden deutschen
Tageszeitungen, sie repräsentiert weitgehend den
Mainstream der deutschen Publizistik. Auch die anderen
deutschen Tageszeitungen - von Extrembeispielen
abgesehen - erachten sich trotz weltanschaulicher
Differenzen als weitgehend fortschrittlich und liberal
und es werden diese Zeitungen es ebenso entschieden von
sich weisen, wenn man ihnen Antisemitismus vorwirft, wie
man dies auch von deutschen Politikern und Literaten
gewohnt ist. (...)
Die inhaltliche Bewertung der
Artikel am Beispiel der SZ hingegen ergibt, dass wohl
bei der Darstellung von Juden und jüdischen Themen der
Tatsache Rechnung getragen wird, dass der Antisemitismus
offiziell als anrüchig und der Holocaust als
verdammenswert gilt, die Nahostberichte und Kommentare
aber einen eindeutig antisemitischen Charakter haben.
Diese Fixierung beschränkt sich nicht nur auf
Printmedien: Laut dem Forschungsbericht vom 15.05.2002
der internationalen Fernsehagentur Medien Tenor beziehen
sich in Deutschland (international
überdurchschnittliche) 61% der internationalen
Konfliktberichte im Fernsehen auf den Nahostkonflikt,
davon haben 81% Israel als Hauptthema. Gemäß der
Untersuchung „Media Perception of Israel in
international TV-news programmes" desselben Instituts,
waren vom 01.10.01 - 31.03.02 von den in diesem Halbjahr
in Deutschland ausgestrahlten Berichten über Israel
45,2% als negativ, 49,5% als neutral und nur 5,3% als
für Israel positiv zu bewerten.
Wie ist
tatsächlich diese Obsession mit einem Ländchen zu
erklären, mit weniger als einem Drittel der Fläche
Bayerns, in mehreren tausend Kilometern Entfernung, das
auch im Nahen Osten nur 0,2% der Fläche belegt und nur
etwa 3% der Bevölkerung der Region hat? Und wie zu den
Juden, einem Völkchen von weltweit nicht mehr als 14
Millionen Menschen? Wieso drängen sich in diesem
winzigen Israel mehr ausländische Korrespondenten (und
mehr christliche Missionare) als auf dem gesamten
afrikanischen Kontinent? Wieso beschäftigt die Europäer
der Nahostkonflikt mehr als die Kriege in Europa, oder
die mit weitaus mehr Menschenopfern verbundenen
Konflikte in Kaschmir, Tschetschenien, Ruanda oder am
Kongo und warum beschäftigen sich in Deutschland die
Nachkommen der Sudetendeutschen, Schlesier oder der
Ostpreußen mehr mit dem Schicksal der palästinensischen
Flüchtlinge als mit dem eigenen, wo doch in beiden
Fällen der Zeitpunkt der Flucht derselbe war?
Zweifellos, für das Christentum - und zunehmend auch für
die islamische Welt - ist das Judentum weder eine
Religion, noch eine Nation, sondern eine paranoide
Manie. (...)
Beispiel 1:
So
personalisiert in unserer exemplarischen Darstellung der
SZ vom 11.09.01 Heiko Flottau die Klischees der Not der
Araber am Beispiel zweier Familien in der Altstadt von
Hebron, sie werden von jüdischen Siedlern drangsaliert,
die „sie vertreiben wollen", sie und ihre Häuser werden
von den „Siedlern" mit Steinen beworfen, der
Familienvater von fünf Kindern war früher Gastarbeiter
bei den Israelis und leide nun bittere Not. Um die 480
jüdischen Siedler zu schützen, habe die Arme viele
Soldaten um sie herum postiert und über die Araber der
Altstadt eine Ausgangssperre verhängt, wodurch sie sich
nicht einmal mit Lebensmittel versorgen könnten und
hungerten.
Genannt werden aber nicht nur fiktive
Persönlichkeiten, sondern auch Lars Tore Kieland, der
norwegische Sprecher der Internationalen
Beobachtergruppe, die das Hebronabkommen zwischen Israel
und der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) zu
beobachten hat. Dieser Herr Kieland habe sich bitter
über die „Siedler" beschwert, die ihn anspuckten und mit
Steinen bewarfen.
Die Siedler seien erst nach der
arabischen Niederlage von 1967 gekommen, weil sie
behaupteten, dies sei altes jüdisches Gebiet. Die Juden
wären 1929 aus Hebron geflüchtet, nachdem Araber 67
Juden umgebracht haben. Dabei verschwiegen sie, dass
arabische Nachbarn etwa 2/3 der Juden versteckten, so
dass nicht einmal alle ermordet wurden. Auch waren Juden
eine kleine Minderheit und die Araber mussten sich vor
der jüdischen Landnahme wehren, so dass ihnen keine
andere Wahl bliebe, als die Juden zu erschlagen. Und da
die SZ ihre Informationspflicht gegenüber ihren Leser
ernst nimmt, unterlässt sie es auch nicht, sie
aufzuklären, warum die „jüdischen Siedler" nach 1967
nach Hebron zurückgekommen sind: Um sich zu rächen!.
Deswegen habe auch ein Herr Baruch Goldstein im Februar
1994 „in der Moschee 29 Araber ermordet", wonach er von
den „betenden Muslimen getötet" wurde.
Bei einer
solchen Berichterstattung und dem ständig vorwurfsvollen
Hervorheben, in Hebron lebten weniger als 500 Juden
unter etwa 120.000 Arabern, deren Schutz nur durch
massive Armeepräsenz gewährleistet werde, ist es nicht
verwunderlich, dass der durchschnittliche deutsche Leser
die Anwesenheit einer jüdischen Minderheit unter einer
arabischen Mehrheit als etwas frevelhaftes empfindet.
Folgerichtig nimmt er es dann auch nicht wahr, dass die
in Israel lebenden Araber selbstverständlich nicht
befürchten müssen, dass ihnen auch nur ein Haar gekrümmt
werde, während das Leben eines jeden Juden in Gebieten
mit islamischer Mehrheit nur durch massive
Militärpräsenz gewährleistet werden kann.
Charakteristisch im Sinne der SZ
Berichterstattung ist, dass anhand fiktiver Beispiele
dargestellt wird, wie 20.000 Araber in der Innenstadt
Hebrons aufgrund der Anwesenheit von den weniger als 500
Juden angeblich drangsaliert werden, aber unerwähnt
bleibt, dass in den vorangegangenen 11 Monaten seit
Beginn der zweiten Intifada, die Juden Hebrons ständig
von arabischen Heckenschützen beschossen wurden. So
wurden beispielsweise im Verlauf des Monats vor der
Veröffentlichung des Artikels ein 11 Jähriger schwer und
sein 21 jähriger Bruder leicht verletzt, als sie vor
ihrem Wohnhaus standen. Nur die Ermordung der 10 Monate
alten Shalhevet Pass in den Armen ihres Vaters im März
2001, lenkte die internationale Aufmerksamkeit auf die
Realität des jüdischen Lebens in Hebron.
Auch die
Darstellung der Auseinandersetzung mit der TIPH - der
Temporary International Presence in Hebron - also der
Internationalen Beobachterkommission für Hebron, ist
gelinde gesagt unvollständig: Diese Kommission wurde
1994, unmittelbar nach dem Anschlag Baruch Goldsteins
unter der Regierung Rabin gegründet, deren Aufgaben
wurden danach im Jahre 1997 in einer Übereinkunft
zwischen Israel und der PA bestätigt. Danach war es die
Aufgabe der TIPH, Auseinandersetzungen zwischen den
Parteien zu überprüfen und möglichst vorbeugend zu
schlichten. Die 85 Mitglieder kamen aus Ländern, die
beide Seiten als neutral akzeptierten, u.zw. Dänemark,
Schweden, Norwegen, die Schweiz, Italien und die Türkei.
Die vielversprechende Initiative erwies sich aber bald
als unergiebig, denn die Araber bezeichneten die
Kommission als ineffektiv, während die Juden ihr
Parteilichkeit zugunsten der Palästinenser vorwarfen
(worin wohl ausnahmsweise beide Seiten Recht behielten).
Im Spätherbst 2000 eskalierten die Auseinandersetzungen
zwischen der TIPH und den Juden in Hebron, die die
Kommissionsmitglieder beschuldigten, der arabischen
Seite Informationen über israelische Truppenbewegungen
zugetragen zu haben, TIPH Mitglieder und deren Fahrzeuge
wurden danach von jüdischen Kindern wiederholt mit
Steinen beworfen und bespuckt.
Auch wenn dieses
Verhalten verwerflich war, so haben
Kommissionsangehörige danach durch eigene Erklärungen
die jüdischen Vorwürfe in einer Weise bestätigt, wie sie
ansonsten durch Dritte kaum beweisbar gewesen wären: In
Schreiben der TIPH Mitglieder an die Außenministerien
ihrer Länder erklärten Sie (unzutreffend), Ziel ihrer
Mission sei es gewesen, ausschließlich die H2 Zone -
also die unter israelischer Kontrolle stehende Zone in
der Innenstadt von Hebron - zu überwachen und da ihnen
dies unmöglich gemacht werde, „sei ihre Mission sinnlos
geworden".
Ferner erklärte Frau Saida Keller, die
Schweizer Sprecherin der TIPH, in einem Interview mit
der Washington Post, es sei das „Mandat der Organisation
gewesen, der palästinensischen Bevölkerung ein Gefühl
der Sicherheit zu vermitteln und dies ist nun unmöglich
geworden". Der im SZ Artikel genannte Lars Tore Kieland
(der in Wirklichkeit Kjerland heißt) bestätigte auf
Anfragen von Journalisten, die Fahrzeuge der Kommission
wären sporadisch auch von Arabern mit Steinen beworfen
worden, aber „dies haben wir bei weitem nicht so ernst
genommen, denn schließlich sei das für sie (die Araber)
schon so etwas wie ein Volkssport geworden".
Da
die Juden ausschließlich von der H1 Zone aus beschossen
wurden (den Teil Hebrons, der unter der Verwaltung der
PA steht) - für die sich die TIPH mandatswidrig als
unzuständig erachtete - und sie sich zugegebenermaßen
nur als Interessenvertretung einer Seite empfand, führte
sie den Israelis erneut vor, was sie von internationalen
Beobachtergruppen zu erwarten haben.
Auch
historisch ist die Darstellung im Zusammenhang mit der
Ermordung eines Drittels der jüdischen
Gemeindemitglieder im Jahre 1929 unzutreffend: Zu diesem
Zeitpunkt hatte Hebron etwa 20.000 Einwohner, darunter
etwa 200 Juden und 120 Samaritaner, deren Gemeinden und
Synagogen kontinuierlich schon seit biblischen Zeiten in
Hebron bestanden, auch lange bevor es in dieser Stadt
Araber gab.
Beispiel 2:
Es ist
offensichtlich, dass die SZ von ihren Korrespondenten
eher einen stilistischen Aufbau erwartet, wie er in
journalistischen Seminaren gelehrt wird, als historisch
korrekte Darstellungen, mit Folgen, die sich etwa in
angelsächsischen Ländern bestenfalls Boulevardzeitungen
leisten dürften und die von grob fahrlässig falschen
Darstellungen bis hin zu volksherhetzenden
Geschichtsklitterungen reichen.
Eine dieser - im
wahrsten Sinne des Wortes augenscheinlichsten -
Peinlichkeiten unterlief der SZ in der Wochenendausgabe
vom 16./17.12.2000. In Heiko Flottaus Bericht „Scheitern
im Schatten britischer Kanonen" berichtet er über ein
„exotisch aussehendes Paar", das bei den Versailler
Friedensverhandlungen von 1919 auftrat: den Emir Feisal,
Sohn des Scheriffen von Mekka und Chaim Weizmann,
Präsident des Zionistischen Weltkongresses und später
erster Präsident Israels. Dreispaltig wurden die beiden
abgebildet: Chaim Weizmann und der spätere König Feisal
von Saudi-Arabien.
Dabei handelte es sich bei
dem Feisal, mit dem Weizmann verhandelte und dem
späteren König von Saudi-Arabien um zwei verschiedene
Personen: der erstere gehörte zum Clan der Haschemiten,
dessen Beduinentruppen mit den Engländern im Ersten
Weltkrieg gegen die Osmanen kämpften. Aus Dank wurde er
später als König des neuen britischen Mandatgebiets Irak
eingesetzt. Erst in den Zwanziger Jahren des 20.
Jahrhunderts begann der Reichsgründer Abdul Azziz ibn
Saud die Eroberung des Hedschas und als sein Sohn Feisal
im Jahre 1962 dritter König Saudi-Arabiens wurde, da war
Chaim Weizmann bereits tot. Die beiden genannten Feisals
gehörten daher auch unterschiedlichen Clans an, die bis
1958 Todfeinde waren.
Auch in diesem Artikel
verabsäumte Heiko Flottau nicht auf die Ermordung der 67
Juden in Hebron im Jahre 1929 hinzuweisen, die er damit
rechtfertigt, „weil sie (die Juden) die wirtschaftliche
Existenz der palästinensischen Bewohner gefährdet
hatten".
Eine aktuellere Geschichtsklitterung
leistete sich die SZ im Artikel vom 20.07.02 „Der kurze
Triumph eines Volkshelden", ebenfalls von Heiko Flottau:
Demzufolge hat „am 23.07.1952 eine Gruppe von „freien
Offizieren" unter ihren damals 34-jährigen Anführer
(Gamal Abdel) Nasser die marode ägyptische
Königsmonarchie" gestürzt. In Wirklichkeit wurden damals
die „Jungen Offiziere" von Mohammed Naguib geleitet, der
nicht die Monarchie stürzte, sondern König Faruk zur
Abdankung zwang und dessen Sohn Fuad als König
einsetzte. Ein Jahr danach setzte Naguib König Fuad ab,
rief die Republik aus und wurde ihr erster Präsident. Im
Jahre 1954 entmachteten die „Jungen Offiziere" im Rahmen
eines internen Putsches Naguib und Nasser wurde der
zweite Präsident Ägyptens.
Erfahren dürfen wir in
diesem Artikel auch die wahren Ursachen des Suez-Krieges
von 1956: Nicht die Verstaatlichung des Suez Kanals und
die Militäraktion Frankreichs und Großbritanniens zur
dessen Wiederbesetzung - der sich Israel anschloss -
waren die Ursachen für den Krieg, (der israelische
Verteidigungsminister Mosche) „Dayan wollte den Krieg".
Auch der Sechstagekrieg von 1967 war ein Krieg den
„niemand wollte" außer eben Mosche Dayan und er entstand
dadurch, dass Dayan gezielt die Syrer provozierte, so
dass Nasser „unter arabischen Druck die Vereinten
Nationen bat, die Beobachter aus Ägypten abzuziehen",
auch sei die Verriegelung der Straße von Tiran - und
damit die Blockade des Meereszugangs Israels nach Afrika
und Fernost - für Israel nicht lebensbedrohend gewesen,
da die Mittelmeerhäfen ja offen standen. Dabei können
heutzutage Zeitungsartikel und Wochenschauen aus
arabischen Ländern noch ohne erheblichen Aufwand
eingesehen werden, in denen Nasser fanatisierten
arabischen Massen aufruft, Israel auszulöschen und auch
der hysterische „Tötet, tötet, tötet" Radioaufruf des
damaligen Königs Hussein von Jordanien, in dem er auch
arabische Zivilisten aufforderte, Juden „auch nur mit
Messern" zu ermorden ist in die Geschichte
eingegangen.
Herr Flottau beruft sich bei seinen
revolutionären Geschichtserkenntnissen auf Avi Shlaim,
einen der jüdischen „New Historians", die eine neue Form
des jüdischen Selbsthasses pflegen und arabische
Presseorgane und sonstige antisemitische Publikationen
mit revisionistischen Geschichtsversionen
beliefern.
Weitergehende markante Ereignisse der
Ära Nasser, insbesondere die Gründung der jeweils nach
kurzer Zeit gescheiterten „Vereinigten Arabischen
Republiken" zwischen Ägypten und Syrien, beziehungsweise
Ägypten und dem damaligen Nordjemen - ebenso wie die
abenteuerlichen militärischen Eskapaden Nassers und den
damit verbundenen Einsatz von Giftgasmunition im
Nordjemen - werden nicht erwähnt, obwohl man bei der
Kreativität des Herrn Flottau auch da hätte erwarten
dürfen, dass Israel daran Schuld gewesen wäre.
Antisemitische Tendenz der
Nahostberichterstattung deutscher Tageszeitungen nun
wissenschaftlich belegt
Dass man über die
Nahostberichterstattung der SZ - und die anderer
führender deutscher Tageszeitungen - behaupten kann, sie
„reproduzierten, so wie sie im Mediendiskurs gedeutet
und bewertet werden, einen in Deutschland vorhandenen
Antisemitismus und verfestigten ihn", ist nun aufgrund
einer Studie des Duisburger Instituts für Sprach- und
Sozialforschung der Universität Duisburg ermöglicht
worden, die im Auftrag des Berliner Büros des American
Jewish Committee eine wissenschaftliche Untersuchung der
Berichterstattung in deutschen Printmedien über die
Zweite Intifada durchführte, über die im Juni 2002 eine
32-seitige Zusammenfassung (wovon allein 3 ½ Seiten den
Literaturhinweisen vorbehalten blieb) veröffentlicht
wurde.
Das Institut überprüfte für die Zeit vom
28.09.2000 (dem Beginn der „zweiten Intifada") bis zum
08.08.2001 sechs Tageszeitungen die der politischen
Mitte zuzurechnen sind (die Frankfurter Allgemeine
Zeitung, die Frankfurter Rundschau, die SZ, der
Tagesspiegel, die Tageszeitung und Die Welt) und eine
Wochenzeitschrift (Der Spiegel). Die Untersuchung
konzentriert sich auf alle publizierten Texte zu vier
Ereignissen, nämlich der s.g. Tempelberg Besuch Ariel
Scharons am 28.09.00, den Tod des palästinensischen
Jungen Mohammed al-Dura am 30.09.2000, die Lynchmorde an
zwei israelische Soldaten in Ramallah am 12.10.00 und
das Selbstmord Attentat vor einer Diskothek in Tel-Aviv
am 01.06.01.
Darin gelangt die Studie zur
Erkenntnis, dass die Nahostberichterstattung deutscher
Printmedien von der Warte einer „rassistischen und
ethnozentristischen Perspektive" und einer
„paternalistischen Überheblichkeit" geführt wird. „Die
Dargestellten werden aus einer vermeintlich
unangreifbaren Position von Fortschrittlichkeit
....dargestellt". Beide Parteien erführen „durch den
Printmedien-Diskurs vornehmlich massive
Negativzuschreibungen, jedoch mit unterschiedlichen
Akzentsetzungen", die „Kritik an beiden Seiten heißt
jedoch nicht Ausgewogenheit" sondern verlaufe eindeutig
zu Lasten Israels.
Auch das Bild von den
Palästinensern sei oft von „Antiislamischen
Zuschreibungen" geprägt, diese bieten „Anschlusspunkte
dafür, die Gewalt als direkt vom Islam hervorgebracht zu
interpretieren". Demgegenüber sei die Israeldarstellung
von „Antisemitischen Diskurselementen" geprägt, „die in
Deutschland offiziell tabuisiert sind". Insbesondere bei
der Beschreibung Ariels Scharons werden Bezeichnungen
genutzt, die „Assoziationen zu bekannten antisemitischen
Karikaturen" hervorrufen. Insgesamt wird
hervorgehoben:
- Scharons s.g. „Tempelbergbesuch"
wird einhellig als Auslöser der „zweiten Intifada"
bezeichnet, „dass dies Teil einer Strategie Arafats
gewesen sein könnte, wird nicht angesprochen".
-
„jüdische Siedler", Ariel Scharon und die israelische
Armee werden durchgehend negativ dargestellt, wie auch
stets mit abwertenden Eigenschaftswörtern bezeichnet:
„radikale", „militante", „extremistische" und
„fanatische jüdische Siedler", „Bulldozer",
„skrupelloser Machttaktiker", „unnachgiebig", „alter
Haudegen", „Schlächter", „Krieger", „gurrender Falke",
„Bulle", „Kriegstreiber", „oberster Brandstifter
Israels" und ähnliche Bezeichnungen für Scharon, über
dem auch berichtet wird, Demonstranten hätten ihn
„lauthals mit Hitler" verglichen, ferner wird behauptet,
er sei für die Massaker in Sabra und Schatilla
verantwortlich. Israelische Soldaten und die
israelischen Armee werden als „hart", „erbarmungslos
zurückschießende Soldaten", „Besatzungstruppe,
„Kolonisten" beschrieben, denen „exzessive
Gewaltanwendung", „brutale Besatzung", „brutale Massaker
am palästinensischen Volk" zugeschrieben werden, auch
werden bewusst religiöse Assoziationen hervorgerufen wie
etwa „ein Trupp Soldaten stürmt wie eine Kohorte
römischer Legionäre die Via Dolorosa".
-
Ereignisse wie der Tod des palästinensischen Jungen
Mohammed-al-Dura werden unisono und ungeprüft der
israelischen Seite angelastet, es wurde in diesem
Zusammenhang auf die Zahl getöteter palästinensischer
Minderjähriger hingewiesen, wobei die Schuld allein dem
„brutalen Vorgehen der israelischen Armee" zugeschrieben
wurde. Hinweise auf ermordete jüdische Kinder werden
relativiert wie „auf beiden Seiten immer mehr Kinder
sterben, noch im Tod werden sie für die politische
Propaganda missbraucht".
- Der Lynchmord an zwei
israelischen Soldaten in Ramallah am 12.10.2000 wurde
als Reaktion der „aufgebrachten palästinensischen
Menge", auf „Scharons Provokation" (den Besuch auf dem
Tempelberg) und dem Tod Mohammed-al-Duras relativiert,
die Berichterstattung wurde mit den
„Vergeltungsmaßnahmen" - also der Bombardierung der
zwischenzeitlich geräumten Polizeistation in Ramallah
durch die israelische Luftwaffe - gekoppelt. Die
Lynchmorde werden in Chroniken eingeordnet durch die
eine Eskalationslogik medial deutlich gemacht wird. „Die
teilweise sehr drastische Visualisierung der Ereignisse
trug ebenfalls mit dazu bei, die Eskalation des
Konfliktes zu unterstreichen: Fotos von Steine werfenden
.... Palästinensern stehen Bilder von israelischen
Panzern und Kampfhubschraubern gegenüber, mit denen
gleichzeitig die israelische Dominanz hervorgehoben
wird".
- Zur Kritik an Israel werden öfter
israelische und palästinensische Kritiker/innen
hinzugezogen, „eine Kritik von Palästinensern an der
palästinensischen Politik ist dagegen nicht oder äußerst
selten aufzufinden". Israel wird öfter zugestanden ein
demokratischer Staat zu sein, in dem auch kontroverse
Meinungen vorherrschen, dabei werden aber nur Ansichten
von Israelis zitiert, die im Widerspruch zur offiziellen
Regierungspolitik stehen.
- Die Diskurselemente
im Zusammenhang mit Israel sind eindeutig durch Begriffe
des traditionellen europäischen Antisemitismus und des
christlichen Antijudaismus geprägt, „insbesondere die
Tatsache, dass die produzierten Texte mit ihren
negativen Zuschreibungen immer Anschluss an deutsche
historische und aktuelle Diskurse findet, ist zu
berücksichtigen. Insofern sind solche Texte oftmals dazu
geeignet, in deutschen Diskursen vorhandene
antisemitische und rassistische Vorurteile zu
reproduzieren oder auch erst herzustellen".
Die Nahostberichterstattung der SZ im
Vergleich zur Duisburger Medienanalyse
Ein
Vergleich der veröffentlichten Kurzfassung dieser
Medienanalyse mit der Nahostberichterstattung der SZ
ergibt, dass die SZ dabei eher glimpflich davonkommt:
1) Während die SZ ebenfalls mit Fotos zum
Nahostkonflikt aufwartet, wonach fast ausschließlich
schwerbewaffnete israelische Soldaten unbewaffneten
palästinensischen Zivilisten gegenüberstehen - ganz zu
schweigen von den Fotos, die einzelne palästinensische
Kinder zeigen, die Panzer mit Steine bewerfen (wohl
wissend, dass sie dadurch keine Risiken eingehen) -
werden die Karikaturen mit Stürmer Charakter, die in der
SZ erschienen sind, im Bericht nicht erwähnt.
Hervorzuheben wäre dabei z.B. die zwischenzeitlich
berüchtigt gewordene Karikatur E.M. Langs vom 02.05.02,
in dem Scharon vor einem Leichenberg, der von einem
Bagger weggekarrt wird, die Mitglieder einer UN
Beobachtermission zurückdrängt. Eine ähnliche Karikatur
vom 16.05.02, zeigt zum Beispiel Scharon auf einem
Brett, unter dem wohl ein Palästinenser dargestellt sein
soll.
Generell sind in der deutschen Presse und
insbesondere in der SZ - im Gegensatz etwa zu
Tageszeitungen aus angelsächsischen Ländern - nur
verunglimpfende Karikaturen über Israelis, aber keine
über Palästinenser, islamische Terroristen oder korrupte
arabische Politiker vorzufinden.
2) Die im
Bericht zitierte Praxis jüdischen und israelischen
Kommentatoren Raum zur Kritik an Israel einzuräumen wird
von der SZ exzessiv genutzt, es werden dabei Autoren
publiziert, die in Israel vollkommen unbekannt sind, wie
etwa Cordelia Edvardson und auch von den renommierteren
Autoren, wie etwa Moshe Zimmermann, kann behauptet
werden, dass sie in Deutschland weitaus bekannter und
häufiger publiziert werden, als in
Israel.
Während Scharon von fast 2/3 der Wähler
Israels zum Ministerpräsidenten gewählt wurde und er
aufgrund repräsentativer Umfragen weiterhin als ebenso
populär gilt, werden in der SZ ausschließlich jüdische
und israelische Kommentatoren veröffentlicht, die die
Regierung Scharon und ihre Politik diffamieren oder ihr
zumindest höchst kritisch gegenüberstehen - womit
dokumentiert wird, dass es der SZ nicht auf einer
wahrheitsgetreuen Darstellung der Stimmung am Ort des
Geschehens ankommt, sondern dass sie sich Methoden
bedient, die bei antisemitischen Publikationen seit mehr
als einem Jahrhundert nachweisbar sind, nämlich dem
Zitieren - oft eigens dafür bezahlter - jüdischer
„Zeugen".
Unerwähnt blieb im Duisburger Bericht
(in der veröffentlichten Kurzfassung) die Bedeutung der
Leserbriefe, denen in der SZ eindeutig dieselbe Rolle
zugedacht wird, wie den israelikritischen Artikeln
jüdischer Autoren: Auch hier gibt die SZ vor, Ansichten
Dritter vorzutragen, die nicht die Meinung der Redaktion
wiederspiegeln, veröffentlicht aber so gut wie
ausschließlich Leserbriefe, die Israel verunglimpfen -
mit dem Unterschied, dass hier auf stilistische
Feinheiten keine Rücksichten genommen werden müssen, da
man sich mit den Ausfällen Dritter nicht identifizieren
müsse.
Selbstverständlich soll hier nicht
behauptet werden, dass diese unter dem Deckmantel der
legitimen Israelkritik veröffentlichten Meinungen nicht
tatsächliche Leserbriefe darstellten oder gar bestellt
wären. Schließlich werden heute deutsche jüdische
Gemeinden mit Briefen überhäuft, in denen es von
unflätigen antisemitischen Pöbeleien nur so wimmelt und
auch die Öffentlichkeitsabteilung der Israelischen
Botschaft erhält an manchen Tagen bis zu 300 solcher
Schreiben, Telefaxe und E-Mails, also bei weitem mehr,
als die diplomatischen Vertretungen irgendeiner der in
Deutschland akkreditierten Großmächte. Aber es gilt
sowohl in Kreisen der jüdischen Gemeinde in München, wie
auch in denen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und
der christlichen Freundeskreise Israels in Bayern, dass
es absolut sinnlos sei, an die SZ einen Israel
freundlichen Leserbrief zu schicken, denn dieser wird
entweder nicht veröffentlicht, oder er wird soweit
verkürzt und entstellt, dass er oft das Gegenteil von
dem wiedergibt, was vom Versender beabsichtigt
war.
Eine besondere Rolle wurde den Leserbriefen
nach den Terrorangriffen in den USA am 11.09.2001
zugedacht: Im Duisburger Bericht gab es einen Hinweis
auf eine vom Institut durchgeführte kursorische Analyse
im Zeitraum vom 12.09.01 bis zum 19.09.01 in fünf
Tageszeitungen, darunter der SZ, in denen auch die
Meinung vertreten wurde, der Terror sei eine legitime
Waffe der Schwachen, ferner werde sich „Scharon nun
legitimiert fühlen, noch härter gegen die Palästinenser
vorzugehen. Solche Spekulationen gingen in einzelnen
Fällen sogar so weit, Israel eine Schuld oder zumindest
eine Mitschuld an den Anschlägen in den USA zu geben".
Die SZ hat bereits am 14.11.01 mit einem Artikel
von Heiko Flottau, dessen ellenlanger Titel allen den
Weg gewiesen hat wer denn immer schuld sei: Übertitel:
„Der Kampf gegen den Terror: Der Fanatismus der
Attentäter hat historische Ursachen", Haupttitel:
„Nahöstliche Verteufelung" und Untertitel: „Terrorismus
in der arabischen Welt wird heute oft religiös
legitimiert - seine Geburtsstunde aber war der Kampf
gegen die Gründung Israels". Von da an übernahmen die
Leserbriefe eine markante Rolle in dieser Diskussion -
exemplarisch für eine größere Anzahl vergleichbarer
Leserbriefe bis heute - etwa der Brief eines
„85-jährigen Nazi-Gegners" Prof.Dr. Halhuber vom
14.10.01, der auch Scharons Erklärungen mit Hitler
Zitaten verglich, Israel Apartheid vorwarf und als
Wurzel des Terrors bezeichnete.
3) Im Juli 2002
berichtete die SZ über den Gesetzesantrag im
israelischen Parlament, Grundstücke des Jüdischen
Nationalfonds, die mit Spenden von Juden aus aller Welt
erworben und erschlossen wurden, nur an Juden zu
überlassen (wobei die Darstellung in der SZ so
verstanden werden konnte, dass arabische Staatsbürger
Israels generell keine Immobilien mehr erwerben
dürften). Darüber gab es in der SZ legitime Kritik, es
wurde berichtet, dass der Gesetzentwurf von
oppositionellen Abgeordneten als rassistisch bezeichnet
wurde und er wurde in einem Feuilletonbericht von Moshe
Zimmermann in der SZ auch entsprechend
kommentiert.
Als im Frühjahr 2001 in Libanon ein
Gesetz beschlossen wurde, wonach Palästinenser keine
Immobilien mehr erwerben können und die Immobilien in
ihrem Eigentum nicht vererben dürfen, so war darüber in
der SZ nie eine Silbe zu lesen. Es kann auch davon
ausgegangen werden, dass es dem durchschnittlichen SZ
Leser unbekannt ist, dass die Palästinenser im Libanon
mehr als 100 Berufsverboten unterliegen, so dass sie
nicht einmal die Straßen ihrer Flüchtlingslager kehren
dürfen und es blieb auch unerwähnt, dass im Frühjahr
2002 als Berufsverbot hinzugekommen ist, dass sie auch
keine Taxichauffeure mehr sein dürfen. Ebenso wenig wird
über den benachteiligten Status der Palästinenser in den
anderen arabischen Bruderstaaten, wie etwa Saudi Arabien
oder Kuwait berichtet.
Kaum einem SZ Leser
dürfte bekannt sein, dass bis zum Friedensvertrag mit
Jordanien es in diesem Land (einschließlich der
annektierten Westbank) Arabern unter Androhung der
Todesstrafe verboten war, Immobilien an Juden zu
verkaufen und dass die PA dieses Gesetz mit übernommen
hat und es auch ausführt.
Die
Nahostberichterstattung der SZ und der deutschen
Tageszeitungen ist daher höchst selektiv, die Leiden der
Palästinenser werden nur im Zusammenhang mit Israel
zitiert. Eindeutig geht es diesen Zeitungen dabei nicht
um das Leiden der Palästinenser, sondern darum, dass die
Israelis Juden sind.
Die
Antisemitismuskritik der SZ im Falle der FDP und
Möllemanns
Als der Antisemitismus zu einem
der Hauptthemen des deutschen Frühlings des Jahres 2002
wurde, hat sich die SZ- und hier insbesondere ihr
Redakteur Heribert Prantl - entschieden dafür
eingesetzt, die Situation schon dadurch klarzustellen,
dass die Dinge beim Namen genannt wurden. Insbesondere
hat Heribert Prantl präzisiert, dass der behauptete
Antisemitismus der FDP Oberen Westerwelle und Möllemann
schon deswegen eine Unterstellung war, weil man dadurch
bei diesen beiden Herren so etwas wie das Vorhandensein
einer Gesinnung unterstellte und dass es nicht
hinnehmbar sei, wenn in Deutschland österreichische
Verhältnisse einkehrten und der Antisemitismus - auch
unter dem Gewand der Israelkritik - zum Wahlkampfthema
werde. Er hat auch in dankenswerter Weise auf die
antisemitischen Ausfälle der Ostermarschierer
hingewiesen, wobei diese Ereignisse ihren eigentlichen
Platz nicht nur in den Kommentaren, sondern vorrangig
auch in den Nachrichten der SZ und der sonstigen
deutschen Tagespresse hätten finden
müssen.
Allerdings gibt es auch da gelinde gesagt
einige Widersprüche bei dem Einsatz gegen den
Antisemitismus in der SZ und auch Herr Prantl
entwickelte offensichtlich schon nach kurzer Zeit Angst
vor der eigenen Courage - möglicherweise aufgrund der
Reaktion, die sich im Zusammenhang mit den „Waschkörben"
an zustimmender Post zugunsten eines Möllemanns
ergaben.
Während Herr Prantl noch am 15.04.02
brandmarkte, „schon lange nicht mehr war Judenhass,
derzeit als Antizionismus verkleidet, in Deutschland so
salonfähig wie heute", so fühlt er sich im selben
Artikel verpflichtet, dies dadurch zu relativieren, dass
er von „berechtigter Kritik an Israel" spricht. Dies
steigert sich danach in den folgenden Artikeln und in
seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Ossietzky
Preises an Uri Avnery am 06.05.2002 bezeichnet er Avnery
als den „guten Israeli", der „einer von denen (sei), die
für ein anderes Israel stehen". Nachdem er also das
Israel, das anders ist als Herr Avnery, als seiner Achse
des Bösen zugeordnet hat, behauptet er auch, Ariel
Scharon sei für die Massaker in Sabra und Schatilla
verantwortlich. Dass Scharon eine diesbezügliche
Verleumdungsklage in den Vereinigten Staaten gegen eine
dortige Zeitung bereits vor mehr als einem Jahrzehnt
gewonnen hat, kann einen guten Deutschen eben nicht
erschüttern.
Nichts versinnbildlicht so sehr die
katastrophale Lage in der sich die Juden und Israel
befinden, wie die Tatsache, dass diejenigen, die sich
gegen den Antisemitismus einsetzen sich verpflichtet
fühlen, dies dadurch zu relativieren, dass sie sich
danach negativ über Israel äußern. Es bleibe
dahingestellt, inwieweit jüdische Repräsentanten dazu
beigetragen haben, indem sie ständig betonten, dass
Kritik an Israel keinesfalls Antisemitismus sei, so dass
man schon gelegentlich den Eindruck gewinnt, manch einer
kritisiere Israel nur um zu beweisen, dass er kein
Antisemit sei. Gerade aber die Nahostberichterstattung
der SZ beweist, wie sehr Israelkritik auch
Antisemitismus sein kann, denn die Maßstäbe, die die SZ
bei der Kritik Israels ansetzt, werden bei der Bewertung
vergleichbarer Situationen nicht
herangezogen.
Wenn Heribert Prantl in „Juden in
Kollektivhaft" vom 17.05.02 erklärt, Möllemann lade alle
Schuld an der Malaise in Nahost allein auf Israel und
Scharon und wenn im SZ Kommentar „der Lonsdale Effekt"
über Möllemann angedeutet wird, er behaupte entschieden
für das Existenzrecht Israels einzustehen, ermutige und
verherrliche aber diejenigen, die Israel vernichten
wollen, so ist beim besten Willen nicht erkennbar, worin
sich dieses Verhalten Möllemanns von der
Nahostberichterstattung der SZ im Allgemeinen und den
Kommentaren eines Heiko Flottau insbesondere
unterscheiden, bei dem ja bei jeder Gelegenheit die
Schuldfrage eindeutig geklärt ist
Allein die in
den letzten Jahren mindestens dreimal explizit
wiederholte Behauptung Flottaus, die Juden Hebrons wären
nicht deswegen getötet worden, weil Sie Juden waren,
sondern weil sie Zionisten waren, ist bei weitem
gravierender, als alles, was Möllemann je gesagt hat:
Flottau rechtfertigt damit den Mord an jenen Juden, die
es wagen, für sich und für das jüdische Volk in Anspruch
zu nehmen, was für alle andere Völker eine
Selbstverständlichkeit ist, nämlich Souveränität, eine
eigene Heimat und das Selbstbestimmungsrecht. Es ist
kein anderer Fall bekannt, in dem die SZ den
Nationalismus als ein todeswürdiges Verbrechen an sich
bezeichnet hat, weder im Fall des baskischen, des
Südtiroler, des arabischen, pakistanischen oder jedweden
anderen Nationalismus. Diese Behauptung Flottaus
unterscheidet sich in nichts von den Behauptungen, die
Juden wären nicht ermordet worden, weil sie Juden waren,
sondern weil sie Christus getötet hätten, an der Pest,
an vergifteten Brunnen, am verhexten Vieh, an blutenden
Hostien oder an Ritualmorden schuld wären, weil sie
Kapitalisten oder Kommunisten waren oder weil sie
minderwertig wären. Vielleicht wäre es daher
angemessener, Herr Prantl bereinigte vorab die Lage im
eigenen Haus, bevor er die Splitter in den Augen anderer
entfernt.
Der Artikel erschien in „Jüdisches
Leben in Bayern“, der Publikation des Landesverbandes
der Israelitischen Kultusgemeinden in
Bayern.
NahostFocus
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