Antizionismus und Antisemitismus
Robert Wistrich
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Jewish Political Studies Review 16:3-4 (Herbst 2004)

Original: Anti-Zionism and Anti-Semitism

Der Antizionismus ist die gefährlichste und effektivste Form des Antisemitismus unserer Zeit geworden – durch seine systematische Delegitimisierung, Verunglimpfung und Dämonsierung Israels. Obwohl nicht a priori antisemitisch, verlassen sich Forderungen den jüdischen Staat aufzulösen, ob sie nun von Muslimen kommt, der Linken oder der radikalen Rechten, zunehmend auf antisemitische Stereotypisierung klassischer Themen wie der manipulativen „Jüdischen Lobby“, der jüdischen/zionistischen „Weltverschwörung“ und jüdischen/israelischen „Kriegstreibern“. Ein Hauptantrieb dieses Antizionismus/Antisemitismus ist die Verwandlung der palästinensischen Sache in einen „Heiligen Krieg“; ein weiterer ist Antiamerikanismus, verbunden mit fundamentalistischem Islamismus. Im gegenwärtigen Zusammenhang erfreuen sich klassische Verschwörungstheorien wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ einer spektakulären Wiederbelebung. Der gemeinsame Nenner des neuen Antisemitismus ist der systematische Versuch gewesen israelisches und jüdisches Verhalten zu kriminalisieren, um es jenseits des zivilisierten und akzeptablen Betragens zu stellen


Die Frage, ob Antizionismus mit Antisemitismus gleich gestellt werden kann oder sollte, ist eine der Kardinalfragen, die einfach nicht verschwinden wollen. Sie ist von besonderer Bedeutung bei jedem Versuch die Natur des „neuen Judenhasses“ und Strategien für den Umgang damit zu definieren. Als ich vor Kurzem vor Britischen Abgeordneten im House of Commons sprach, war dies der erste Punkt auf der Tagesordnung. Sicher müssen, wollten sie wissen, Zweifel am Zionismus oder Alarmierung wegen Israels Politik von Abneigung gegen Juden unterschieden werden? Stimmte es nicht, dass Antisemitismus regelmäßig mit „Anti-Sharonismus“ durcheinander gebracht wird, wie der „Guardian“ gerne behauptet? Betrieben nicht Juden selbst oft härteste Opposition an israelischer Regierungspolitik, ohne dass ihnen Antisemitismus vorgeworfen wird? Und schließlich könnte die übertriebene Verwendung des Vorwurfs der Judenfeindlichkeit, so wurde angedeutet, den Verdacht wecken, dass Israels Führer versuchen gerechtfertigte Kritik abzulenken oder sogar zum Schweigen zu bringen.

Eine Antwort auf solche Einwände ist, dass Antizionismus und Antisemitismus zwei verschiedene Ideologien sind, die im Laufe der Zeit (besonders seit 1948) dazu tendieren zusammenzulaufen, im Allgemeinen ohne eine volle Vereinigung. Es hat immer Bundisten, jüdische Kommunisten, Reform-Juden und ultraorthodoxe Juden gegeben, die vehement gegen den Zionismus opponierten, ohne judenfeindlich zu sein. Auch gibt es heute im Westen Konservative, Liberale und Linke, die propalästinensisch sind, antagonistisch gegen Israel und dem Zionismus zutiefst misstrauen, ohne die Grenze zum Antisemitismus zu überschreiten. Dann sind da noch die israelischen „Postzionisten“, die der Definition Israels als exklusiv oder auch nur vornehmlich „jüdischem“ Staat widersprechen, ohne feindselige Gefühle gegenüber Juden an sich zu hegen. Und es gibt weitere, die in Frage stellen, ob die Juden wirklich eine Nation sind; oder die den Zionismus ablehnen, weil sie glauben, dass seine Erfolge unvermeidlich in der Vertreibung vieler Palästinenser resultierten. Keine dieser Positionen ist an sich antisemitisch in dem Sinne, dass Opposition oder Hass gegen Juden als Juden ausgedrückt wird.

Nichtsdestotrotz glaube ich, dass die radikaleren Formen des Antizionismus, die in den letzen Jahren mit erneuerter Kraft aufgetaucht sind, unmissverständliche Analogien zum europäischen Antisemitismus unmittelbar vor dem Holocaust aufzeigen. Eines der auffälligsten Symptome ist die Forderung nach wissenschaftlichem, kulturellem und wirtschaftlichem Boykott Israels, die unter Juden grausige Verbindungen und Erinnerungen an den Nazi-Boykott weckt, der 1933 begann. (Tatsächlich reichen solche Aktionen mindestens noch weitere fünfzig Jahre zurück, als antisemitische Organisationen erstmals wirtschaftliche Boykotte als Waffe gegen jüdische Wettbewerber benutzten.) Es gibt weitere höchst sichtbare Erscheinungsformen. Ein Beispiel ist die systematische Art, in der Israel bei internationalen Foren schikaniert wird, so bei der UNO, wo die arabischen Staaten seit Jahrzehnten eine Politik verfolgen den jüdischen Staat zu isolieren und ihn zu einem Paria zu machen. Ein Ableger dieser Kampagne war das Hass-Fest auf der von der UNO gesponserten Konferenz gegen Rassismus von Durban im September 2001, die den Zionismus als „Völkermord“-Bewegung verunglimpfte, der „ethnische Säuberungen“ von Palästinenser durchführe. In diesen und ähnlichen öffentlichen Foren, wie auch in vielen der westlichen Mainstream-Medien, sind der Zionismus und das jüdische Volk auf Arten dämonisiert worden, die praktisch identisch zu den Methoden, Argumenten und Techniken des rassistischen Antisemitismus sind. Obwohl das derzeitige Banner der „Antirassismus“ sein mag und die Verunglimpfung heute im Namen der Menschenrechte ausgeführt wird, sind alle Grenzen deutlich überschritten worden. Z.B. scheinen „Antizionisten“, die darauf bestehen Zionismus und die Juden mit Hitler und dem Dritten Reich zu vergleichen, unmissverständlich de facto Antisemiten zu sein, selbst wenn sie die Tatsache vehement verneinen! Das ist größtenteils so, weil sie wissentlich die Realität ausnutzen, dass der Nationalsozialismus in der Nachkriegswelt die definierende Metapher für das absolut Böse geworden ist. Denn wenn Zionisten „Nazis“ sind und Sharon Hitler ist, dann wird es zur moralischen Pflicht Krieg gegen Israel zu führen. Das ist unterm Strich der Großteil des zeitgenössischen Antizionismus. In der Praxis ist das die einflussreichste Form des heutigen Antisemitismus.

Tatsächlich ist Israel heute der einzige Staat auf der Oberfläche dieses Planeten, von dem eine solch große Anzahl grundverschiedener Menschen sich wünscht, dass er verschwindet – was selbst schon ein fröstelnde Erinnerung an die Nazi-Propaganda der 30-er Jahre ist. Die bösartigsten Ausdrucksformen dieses „exterminatorischen“ oder völkermörderischen Antizionismus sind aus der arabischen-muslimischen Welt gekommen, die der historische Erbe der früheren Formen des totalitären Antisemitismus des 20. Jahrhunderts in Hitlers Deutschland und der UdSSR ist. Selbst „moderate“ muslimische Staatsmänner wie Mahathri Mohammed haben öffentlich den klassischen antisemitischen Glauben wiederholt, dass „die Juden die Welt regieren“, während praktisch keine Einwände in der islamischen Welt auslöst. Die radikaleren Islamisten von der Al-Qaida bis zur palästinensischen Hamas gehen viel weiter, da sie mit der Ideologie des Jihad unterschiedslosen Terror, Selbstmord-Bombenanschläge und einen Antisemitismus der Art der „Protokolle der Weisen von Zion“ auslösen. In diesem Fall begrüßt der so genannte „Krieg gegen den Zionismus“ unmissverständlich die totale Dämonisierung des „jüdischen anderen“: als den „Feind der Menschheit“, als tödlich giftige Schlangen, als barbarische „Nazis“ und „Holocaust-Manipulateure“ , die die internationalen Finanzen kontrollieren, ganz zu schweigen von Amerika oder den westlichen Massenmedien, während sie geschäftig Kriege und Religionen anstiften, um die Weltherrschaft zu erreichen. Solche Verschwörungstheorien, die unter den Farben des „Antizionismus“ segeln, stellen eine hoch giftige, sogar mörderische Weltsicht dar, die heute mit religiösem Fanatismus und einer weltweiten Revolutionsagenda verbunden ist. Dieselben dämonisierenden Stereotypen können im moderaten, prowestlichen Ägypten (Heimat der auf den „Protokollen“ basierenden antisemitischen Seifenober „Reiter ohne Pferd“), dem säkular-baathistischen Syrien, dem konservativ-wahhabitischen Saudi-Arabien und dem schiitisch-fundamentalistischen Iran der Ayatollahs gefunden werden. Das ist ein ideologischer Antizionismus, der die Vernichtung Israels wie auch einer „von den Juden befreiten Welt“ anstrebt – mit anderen Worten: Er ist eine totalitäre Form des Antisemitismus.

Die Gefahr ist besonders bedenklich geworden, weil dieser „vernichtende“ Antizionismus sich unter dem Deckmantel des Antiisraelismus und Sharon-Hasses in Westeuropa, Amerika und Teilen der Dritten Welt verbreitet. Er hat an der Basis in der muslimischen Diaspora bei radikalisierten Jugendlichen und ein Echo unter Globalisierungsgegnern, Trotzkisten und rechtsextremen Gruppen, wie auch in Teilen der Medien Unterstützung gefunden. Es gibt eine lose und sich verschiebenden Koalition rot-braun-grüner Engstirnigkeit, die sich gegen Amerika wie Israel konzentriert. Osama bin Laden ist nicht nur für die ein Held, die die globale Hegemonie des Isalm wieder errichten wollen, sondern auch für einige von denen, die immer noch an die „Weltrevolution“ der proletarischen Massen oder den Untergang der „jüdisch-amerikanischen“ Vorherrschaft glauben.

Ein großer Teil der Mobilisationskraft des „Antizionismus“ entstammt seiner Verbindung mit der palästinensischen Sache. Seit den 1960-er Jahren hat die PLO hart daran gearbeitet den Zionismus total zu delegitimieren und diese Politik ist weit gehend erfolgreich gewesen: Dieser Antizionismus bringt eine totale Verneinung der jüdischen nationalen Selbstständigkeit und die legitimer jüdischer Souveränität in Eretz Israel mit sich, eine Leugnung der Verbindung zwischen dem Judentum und dem Land oder der Existenz der beiden jüdischen Tempel in Jerusalem. Kein Wunder, dass Israel während des gesamten Oslo-„Friedensprozesses“ auf keiner palästinensischen Landkarte existierte. Auch sollte nicht vergessen werden, dass die Palästinensische Autonomiebehörde regelmäßig antisemitische Motive – einschließlich Holocaust-Leugnung, erneuerte Ritualmord-Vorwürfe und jüdische Verschwörungen – mit ihrer allgemeinen Aufhetzung zur Gewalt kombinierte. Darüber hinaus haben einige palästinensische Christen eine „Befreiungstheologie“ entwickelt, die sich ältere antisemitische Versuche zunutze macht die christliche Tradition zu entjudaisieren und im Westen ein wohlwollendes Echo findet. Was die islamischen Gruppen unter den Palästinensern angeht, so betrachten sie sich offen als in „einem Krieg gegen die Juden“ befindlich. Die Hamas z.B. hat eine vollständig islamisierte Vision der „jüdischen Gefahr“ übernommen, die von den „Protokollen der Weisen von Zion“ abgeleitet ist.

Palästinensisches Leiden und arabischer „Antizionismus“ haben geholfen Europa mit einer alt-neuen Version des Antisemitismus zu infizieren, in der Juden habgierige, blutrünstige Kolonialisten sind. Leitmotiv ist, dass imperialistische Juden Invasoren ohne Wurzeln waren, die nach Palästina kamen, um das Land durch brutale Gewalt zu erobern und seine Eingeborenen zu vertreiben oder das Land von ihnen zu „säubern“. Sie sind die modernen „Kreuzfahrer“ ohne legitime Rechte am Land – ein fremdes Transplantat, das der Region absolut fremd ist. Sie hatten nur Erfolg wegen einer gigantischen, okkulten Verschwörung, in der die Zionisten (d.h. die Juden) Großbritannien und danach Amerika manipulierten. Das ist eine typisch antisemitische Sichtweise, der Hitler zugestimmt haben würde – weit gehend in der ganzen Welt geglaubt, selbst von Millionen gebildeter Menschen im Westen wird dem Glauben geschenkt.

Die heutige Popularität der „Protokolle“ ist ein aufschlussreiches Symptom der zunehmenden Verschmelzung von Antisemitismus und Antizionismus. Der Zionismus wird in einigen der Mainstream-Medien zunehmend als „kriminell“ in seinem Kern wie auch seinem Verhalten dargestellt wird. Die entspringt dem linken Mantra, das den Zionismus als rassistische, Apartheids-, kolonialistische und imperialistische Bewegung brandmarkt, womit ein Stigma wiederbelebt wird, das antisemitischen Widerhall auf einem europäischen Kontinent hat, der immer noch mit der Schuld seiner genozidalen und kolonialistischen Vergangenheit ringt. Israel scheint in beiden Fällen zu verlieren. Seine Militäraktionen bieten den Europäern die verlockende Aussicht zu sagen „die Opfer von gestern sind zu den [Nazi-]Tätern von heute geworden“, dazu die Gelegenheit den Zionismus als Erbe der dunkelsten Seiten der westlichen Geschichte darzustellen, wie Algerien, Vietnam oder Südafrika. Solche Bestrebungen sind nicht a priori antisemitisch, aber durch endlose Wiederholung werden sie zur ideologischen Rechtfertigung für die Beseitigung Israels. Das ist das Ziel des „progressiven“ Antizionismus, der, anders als die klassischen Formen des rassistischen Antisemitismus nicht ethnisch-nationalistisch oder völkisch ist. Aber er ist durch die Negierung der Möglichkeit eines legitimen jüdischen Nationalbewusstseins hochgradig diskriminierend. Entweder ignorieren oder rechtfertigen die Globalisierungsgegner den Terror, den Jihadismus und antijüdische Stereotype, die im PLO-Nationalismus/Fundamentalismus zu finden sind. Für große Teile der westlichen Linken können die Palästinenser nur Opfer sein, nie Täter.

Für die Linksextremen wie die Rechtsextremen nutzt der Antizionismus eine Art der Diskussion und Stereotype bezüglich der „jüdisch-zionistischen Lobby“, israelisch-jüdischen „Kriminalität“ und sharonistischer „Kriegstreiberei“, die fundamental manipulativ und antisemitisch ist. Das ist in die Debatte im Mainstream eingesickert, bis hin zu dem Punkt, wo 60 Prozent aller Europäer das winzige Israel als die größte Bedrohung des Weltfriedens ansehen; wo mehr als ein Drittel der Befragten in Europa und Amerika regelmäßig den Juden übermäßige Macht und Einfluss zuschreiben; wo Juden von einer immer größeren Zahl der Nichtjuden zweierlei Loyalitäten verdächtigt werden; und wo „antizionistische“ Angriffe auf jüdische Institutionen und Ziele zeigt, dass wir über eine Unterscheidung ohne Unterschied reden. Der Antizionismus ist nicht nur der historische Erbe früherer Formen des Antisemitismus. Heute ist er auch der kleinste gemeinsame Nenner und die Brücke zwischen der Linken, der Rechten und den militanten Muslimen; zwischen den Eliten (einschließlich der Medien) und den Massen; zwischen den Kirchen und den Moscheen; zwischen einem zunehmend antiamerikanischen Europa und einem endemischen antiwestlichen, arabisch-muslimischen Nahen Osten; ein Treffpunkt zwischen Konservativen und Radikalen und ein Verbindungspunkt zwischen Vätern und Söhnen. Antizionismus ist viel mehr als eine exotische Sammlung radikal-schicken Schlachtrufen, die das Debakel der Gegenkultur der späten 1960-er Jahre überlebten. Er ist eine „exterminatiolistische“, pseudoerlösende Ideologie geworden, die im Nahen Osten wieder erbaut wurde und mit katastrophalen Folgen nach Europa zurück exportiert wurde.


Anmerkung:
1. Dieser Artikel wurde ursprünglich als schriftliche Stellungnahme vor der UN-Menschenrechtskommission in Genf vorgelegt und in deren offiziellem Bericht am 10. Februar 2004 veröffentlicht.

Übersetzung aus dem Englischen: H.Eiteneier