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Die tiefen Wurzeln des Antisemitismus in der europäischen Gesellschaft*1 Manfred Gerstenfeld Jewish Political Studies Review 17:1-2, Frühjahr 2005 |
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Original: The Deep Roots of Anti-Semitism in European Society
Das Wiederaufkommen des europäischen Antisemitismus nach dem Holocaust legt nahe, dass er tiefer Wurzeln in der Gesellschaft hat. Er ist auf vielfältige Weise von so vielen über eine so lange Zeit in allen europäischen Staaten genährt worden, dass man diese Form des Hasses und der Diskriminierung als der europäischen Kultur inhärent und Teil der europäischen „Werte“ ansehen könnte. Der neue europäische Antisemitismus entsteht oft in jungem Alter, was darauf hin deutet, dass er eher ein Antisemitismus der Zukunft ist als einer der Vergangenheit.
Die Haltung der Europäischen Union zum Antisemitismus hat zwei Seiten. Durch ihre diskriminierenden Stellungnahmen und Abstimmungsverhalten in internationalen Körperschaften betätigt die EU sich als Brandstifter, der die Flammen des Antisemitismus in seiner antiisraelischen Verkleidung schürt. Gleichzeitig spielt sie den Feuerwehrmann und versucht die Flammen des klassischen religiösen und ethnischen Antisemitismus zu ersticken. Frankreich ist beispielhaft für diese Vorgehensweise. Obwohl der europäische Antisemitismus nicht ausgemerzt werden kann, könnte gewisse Schritte unternommen werden ihn zu mäßigen. Dazu bedarf es einer wichtigen Veränderungen der diskriminierenden EU-Politik gegenüber Israel. Inzwischen gibt es zunehmende Hinweise darauf, dass der europäische Kampf gegen den Antisemitismus für das Gegenteil genutzt werden könnte: um Angriffe auf Israel zu erleichtern.
Bestandteil der europäischen Kultur
Eine beträchtliche Anzahl Europäer hat antisemitische Ansichten. Das Wiederaufkommen des europäischen Antisemitismus nach dem Holocaust legt nahe, dass er tiefer Wurzeln in der Gesellschaft hat. Das heißt nicht, dass alle oder die meisten Europäer Antisemiten sind. Auf ähnliche Weise liebt eine beträchtliche Anzahl Europäer Ballet, das andere langweilig, dekadent oder abstoßend finden. Und doch ist der Tanz Teil der europäischen Kultur und wird seit langer Zeit als eine der darstellenden Künste gepflegt. Er entstand in Europa, entwickelte sich über viele Jahre und wird weithin gelehrt sowie regelmäßig von der kulturellen Elite diskutiert und in den großen Medien gezeigt.
Man kann sagen, dass der europäische Antisemitismus ähnliche Charakteristika hat. Dass viele Europäer Antisemitismus verurteilen, ihn nicht mögen oder ihm gleichgültig gegenüber stehen widerspricht nicht seiner Rolle in der europäischen Kultur, wie Aussagen europäischer Politiker, der Mainstream-Medien und führender Intellektuellen beweisen. Außerdem werden verschiedene Arten antisemitischer Gefühle in Umfragen geäußert. Die Statistiken würden vermutlich enthüllen, dass die Zahl europäischer Antisemiten diejenigen bei weitem übertrifft, die Ballett lieben.
Ein Phänomen, das sich auf einem ganzen Kontinent über die Zeitspanne mehrerer Jahrhunderte intensiv entwickelt, bettet sich tief in das gesellschaftliche Denken und Verhalten ein. Die antisemitische Welle der letzten paar Jahre scheint zu beweisen, dass es unmöglich ist eine solch tief sitzende, irrationale Einstellung auszumerzen.
Europäischer Antisemitismus: am Leben, aktiv und ansteckend
Mit den Worten des britischen Oberrabbiners Jonathan Sacks:
Lassen Sie mich das so einfach sagen, wie ich kann: Der Antisemitismus lebt im Jahr 2002, ist aktiv und ansteckend, nach mehr als einem halben Jahrhundert Holocaust-Erziehung, interreligiösem Dialog, UNO-Deklarationen, Dutzenden von Museen und Denkmälern, Hunderten Filmen, Tausenden Kursen und Zehntausenden von Büchern, die der Ausstellung seiner Bösartigkeiten gewidmet sind; nach der Konferenz von Stockholm, nach der Schaffung eines Nationalen Holocaust-Gedenktages, nachdem 2.000 religiöse Leiter im August 2000 bei den Vereinten Nationen zusammentrafen, um sich dem Kampf gegen Hass und dem Hervorbringen von gegenseitigem Respekt zu verpflichten ... Was hätte noch getan werden können? Was mehr könnten und können wir tun, um den Antisemitismus zu bekämpfen?2
Zwei Jahre später haben sich Sacks Vorstellungen weiter entwickelt. Er sagt, dass, wenn Zivilisationen miteinander kollidieren, Juden sterben. Nach seiner Ansicht wird in gewissen europäischen Kreisen Rache an den Juden genommen, weil „niemand jemals den Juden den Holocaust vergeben wird“. Sacks richtete die Aufmerksamkeit auf die Manipulation von Worten wie Völkermord und ethnische Säuberung, die durch Israels Gegner erfolgte. Er fügte hinzu, dass, was aus dem Holocaust hätte gelernt werden sollen, dies ist: „erstens, dass Schlechtem eine Dämonisierung voraus geht – und gerade jetzt werden die Israelis dämonisiert – und zweitens, die Frühwarnung in einer Kultur darin besteht, dass Worte ihre Bedeutung verlieren.“3
Das oft gehörte Argument, das der Antisemitismus des Nachkriegs-Europa Parallelen zum Nahost-Konflikt hat, ist unwahr. Er tritt in Wellen auf, die vielleicht, aber nicht notwendigerweise, mit Entwicklungen im israelisch-arabischen Konflikt korrespondieren, wobei jede Welle höher als die vorige ist.4 In der arabischen Welt ging die antijüdische Hetze parallel mit dem Oslo-Prozess weiter.
Ein Jahrtausend der Gewalt
Der Beginn des gewalttätigen europäischen Antisemitismus wird oft auf die Kreuzzüge am Ende des elften Jahrhunderts zurückgeführt. Andere behaupten er begann 1010 mit organisierten Massenmorden an Juden in Frankreich, gefolgt von Massakern in Gegenden, die heute Teil von Deutschland sind.5 Fast ein Jahrtausend lang wurden die vielen Formen des religiösen Antisemitismus von anderen Ausformungen des Judenhasses im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich begleitet.
Die ethnische oder „rassistische“ Variante des politischen Judenhasses begann im späten 19. Jahrhundert in Deutschland. Zu dieser Zeit tauchte der Begriff Antisemitismus erstmals auf. Von religiösen Sorte mit genährt, kulminierte er im Völkermord des Holocaust.
Diskriminierung nach dem Holocaust
Nach dem Holocaust verschwand der europäische Antisemitismus nicht. In der Zeit unmittelbar nach dem Krieg wurden Juden in demokratischen Gesellschaften wie Norwegen, den Niederlanden und anderen auf verschiedenste Weise in vielen Bereichen diskriminiert.6 Oft waren die zurückkehrenden Juden nicht willkommen.
Der norwegische Historiker Bjarte Bruland, der bei den nationalen Wiedergutmachungs-Verhandlungen Mitte der 90-er Jahre eine Schlüsselrolle spielte, sagte, dass es unter den Überlebenden der kleinen jüdischen Vorkriegsgemeinde viele „staatenlose Juden gab, die nach Schweden fliehen mussten, von denen einige vor dem schon 50 Jahre in Norwegen lebten. Die norwegische Regierung lehnte es anfangs ab ihnen die Rückkehr ins Land zu erlauben, eine Haltung, die sich erst später änderte.“7
Die Nachkriegs-Gesetzgebung vieler Länder und ihre Umsetzung bevorzugten regelmäßig diejenigen, die im Besitz des gestohlenen jüdischen Eigentums waren, während die befreiten Länder gleichzeitig ihre Kriegsgeschichte beschönigten. Die Niederlande sind eines von vielen Beispielen, auch in Bezug auf die Erinnerung an Anne Frank.
Das Europa des 20. Jahrhunderts war ein Kontinent, auf dem ein Kriegsverbrecher oder Massenmörder eine bessere Chance hatte zu überleben als ein jüdisches Kind. Der Grund dafür ist zweitteilig: der mörderische Charakter des Holocaust und die folgende Nachsichtigkeit der europäischen demokratischen Gesellschaften denen gegenüber, die die Juden ermordet hatten.8
Im 21. Jahrhundert könnte man hinzufügen, dass, wenn alle gegenwärtigen Hardcore-Antisemiten Westeuropas sterben würden, ihre Zahl die der Toten des Zweiten Weltkriegs bei Weitem übertreffen würde.
Viele klassische antisemitische Vorurteile sind in der europäischen Gesellschaft derzeit weit verbreitet, während neue sich rapide entwickeln. Es gibt vielfältige Formen des Judenhasses bei Politikern, den Medien, der kulturellen Elite, christlichen Klerikern, Schulkindern, den wenig Gebildeten, bei Rechtsextremen und liberalen Linken und besonders in europäisch-arabischen und islamischen Kreisen.
Moderne Medien wie das Fernsehen und das Internet verbreiten antisemitische Schriften und Karikaturen mit großer Geschwindigkeit und tragen zur Globalisierung des Judenhasses bei. Weltweit gibt es mehr als 3.000 antisemitische Internetseiten.9 Dies gibt dem Phänomen eine Intensität und Unmittelbarkeit, die es nicht hatte, als die Nazis ihre Propaganda zu verbreiten begannen. Millionen Menschen sahen einen in Syrien produzierten Fernsehfilm, der u.a. zeigte, wie einem Kind die Kehle durchgeschnitten wurde. Das war so gemacht, dass es aussah, als ob es von einem Juden getan wurde; durch die Nutzung von Kinotechniken zeigte das Bild, wie Blut in eine Matze strömte.10
Christlicher Antisemitismus
Vielfältige Überbleibsel des christlichen Antisemitismus verbleiben und ihm werden neue Elemente hinzugefügt. Griechenland ist eines der EU-Mitglieder, wo das Phänomen sich in besonderer Weise entwickelt hat. Im April 2004 schrieb das Simon Wiesenthal Center (SWC) aus Los Angeles an den neu gewählten Premierminister Kostas Karamanlis von der Neuen Demokratischen Partei, dass die griechische nationale Touristenorganisation mit dem Osterritual des „Judas verbrennen“ (Verbrennen einer Darstellung des Judes) als Touristenattraktion warb. Hunderte örtlicher Zeremonien beinhalten dieses Ritual, das manchmal als „Verbrennung des Juden“ beschrieben wird.11 Dies ist nur eine von vielen Ausdrucksformen des christlichen Antisemitismus in Griechenland.
Rabbi Mordechai Frisis aus Saloniki sagt, dass „Griechenland eine sehr traditionelle Gesellschaft ist und sie machen die Juden für die Tötung Jesu verantwortlich. Es gibt immer noch Menschen die glauben, dass Juden an Passah das von Christen trinken.“ Als er Schüler an einem griechischen Gymnasium war, sagte er, „gab es Leute, die mir das offen ins Gesicht sagten“.12
Obwohl die griechisch-orthodoxe Kirche in der Vergangenheit das Ritual des „Verbrennen des Juden“ offiziell verurteilte, hat das wenig Einfluss. Der Erzbischof von Athen, Christodoulos, macht gelegentlich negative Bemerkungen über die Juden. Im August 2003 besuchte er das Vernichtungslager Majdanek in Polen. In seiner Rede gab es jedoch keinen Bezug zum Holocaust, obwohl die große Mehrzahl der Opfer jüdisch waren. Er erwähnte nicht die dort ermordeten 1.500 griechischen Juden, nicht einmal als griechische Staatsbürger.13
2001 machte Christodoulos die Juden dafür verantwortlich hinter der Entscheidung der griechischen Regierung zu stecken, dass den EU-Richtlinien gefolgt wird, die dagegen sind die Religion in den staatlichen Personalausweisen auszuweisen.14 2004 gratulierte er George Karatzaferis, dem Führer der fremdenfeindlichen, antisemitischen, rechtsradikalen Partei Laos zu seiner „verdienten Wahl“ ins Europaparlament und fügte hinzu: „Sie werden der erweiterten europäischen Familie die anderen intellektuellen Werte bringen, die unserer christlichen und griechischen Seele entspringen.“15
Der neue Antisemitismus
Die jüngste wichtige Version des Antisemitismus, die sich in den letzten Jahrzehnten radikal intensiviert hat, zielt gegen Israel, den jüdischen Staat. Diese Variante des Judenhasses wird jetzt gemeinhin als „neuer Antisemitismus“ bezeichnet. Seine Täter nennen sich oft selbst Antizionisten. Sie wollen Israel isolieren und stellen es – mit den Worten des Zentrums für Antisemitismus-Forschung der Technischen Universität Berlin – „als einen Staat dar, der sich fundamental negativ von allen anderen unterscheidet, der daher kein Existenzrecht hat“.16
Der kanadische Justizminister Irwin Cotler merkte an: „Traditioneller Antisemitismus verweigert den Juden das Recht als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft zu leben, aber das neue Anti-Judentum verweigert dem jüdischen Volk das Recht als gleichberechtigtes Mitglied in der Familie der Nationen zu leben.“17
Der schwedische stellvertretende Premierminister Per Ahlmark stellte heraus:
Der heutige Antizionismus ist dem Antisemitismus sehr ähnlich geworden. Der Antizionismus akzeptiert das Recht anderer Völker nationale Gefühle und einen verteidigungsfähigen Staat zu haben. Aber sie verweigern dem jüdischen Volk das Recht sein Nationalbewusstsein zu haben, das sich im Staat Israel ausdrückt und diesen Staat sicher zu machen. Daher beurteilen sie Israel nicht mit den Werten, die zur Beurteilung anderer Staaten benutzt werden. Eine solche Diskriminierung von Juden wird Antisemitismus genannt.18
Die Quelle allen Übels
Antisemitismus ist eine extreme Form irrationalen Hasses, der nicht mit heftiger Kritik verwechselt werden sollte.19 Juden sind seit Jahrtausenden dämonisiert und als Quelle allen Übels definiert worden.
Eine zeitgenössische Variante dieses alt hergebrachten Motivs wurde vom rassistischen, griechischen Komponisten und ehemaligen Minister Mikis Theororakis eingeführt, der auf einer Pressekonferenz im November 2003 erklärte: „Wir sind zwei Nationen ohne Brüder in der Welt, wir [die Griechen] und die Juden. Aber sie sind fanatisch und mächtig... Heute können wir sagen, dass diese kleine Nation die Wurzel allen Übels ist, nicht des Guten, was bedeutet, dass zu viel Selbstüberhebung und zu viel Sturheit böse ist... Sie hatten nur Abraham und Jakob, Schatten... wir hatten den großen Perikles...“ Unter den Zuhörern waren sozialistische Regierungsmitglieder, Kulturminister Evangelos Venizelos und Bildungsminister Petros Efthymiou, die nicht reagierten.20
Andere Quellen antiker Geschichte werden in Europa oft gebraucht, um „einen unveränderlich negativen jüdischen Charakter aufzuzeigen“.21 Juden werden ebenfalls in vielen anderen Gesellschaften diskriminiert, während gleichzeitig unterschiedliche Maßstäbe an sie angelegt werden.
In den 30-er Jahren wie in der entfernteren Vergangenheit haben europäische Gesellschaften regelmäßig diskriminierende Gesetze gegen Juden eingeführt. Wenn diese Gesetzgebung später aufgehoben wurde, blieb die Diskriminierung de facto oft erhalten. Über eine lange Zeitspanne sind Juden als unmenschlich dargestellt worden und dies hat die ideologische Basis für ihre Ermordung gelegt, die im Holocaust ihren Höhepunkt erfuhr. Ein ähnlich diffamierender Ansatz wird nun gegenüber Israel angewendet; er zielt auf seine Eliminierung als jüdischer Staat.
Der radikale, linke Antisemitismus ist oft mit dem arabischen und rechtsextremen Antisemitismus verbunden. Diese agieren typischerweise unabhängig von einander, während sie an ähnlichen Zielen arbeiten. Z.B. beinhaltete ein Artikel, der in der progressiven französischen Wochenzeitung „Le Nouvel Observateur“ im November 2001 erschien, die Behauptung, dass israelische Soldaten palästinensische Frauen an Kontrollpunkten vergewaltigten, so dass die Frauen später „Ehrenmorden“ durch ihre Familien unterworfen werden. Die Autorin, Tochter des jüdischen Herausgebers Jean Daniel, wiederholte damit palästinensische Hass-Propaganda. Nach Protesten wurde die Zeitung gezwungen zuzugeben, dass die Behauptung unwahr war, versuchte aber seine Bedeutung zu verharmlosen.22
Ein weiteres Beispiel ist der Besuch des in Qatar lebenden, muslimischen ägytischen Geistlichen Yussuf al-Qaradawi in London im Juli 204. Er lobte die palästinensischen Selbstmord-Bombenanschläge und erhielt einen herzlichen Empfang durch den Bürgermeister von London, Ken Livingstone, der mit ihm gemeinsam auftrat. Vor seiner Ankunft gab der Vorstand der britischen Juden der Polizei ein Dossier mit den Texten von Interviews mit dem Geistlichen. Die britischen Behörden entschieden, dass es „unzureichende Beweise“ für eine Straftat gab, die seinen Besuch verhindern könnte.23
Staatseigene Medien
Verschiedene regierungseigene Medien Europas diskriminieren Israel und die Juden. Manchmal heizen sie explizit Hass gegen sie auf. Ihnen zu erlauben das zu tun ist ein indirekter Ausdruck von Regierungs-Antisemitismus. Diese Angriffe kommen regelmäßig von linksgerichteten Journalisten.
Es gibt auf der linken Seite des politischen Spektrums viele diskriminierende Abstufungen. Der britische Prozessanwalt Trevor Asserson hat systematische, antiisraelische Einseitigkeit in der Berichterstattung der BBC zum Nahen Osten offen gelegt. Obwohl man argumentieren kann, bis zu welchem Grad diese Diffamierung antisemitische Elemente beinhaltet, ist Assersons Schlussfolgerung überzeugend, dass die verzerrte Berichterstattung eine Atmosphäre schafft, in der Antisemitismus gedeihen kann.24
Im Dezember 2003 erschien der französische Komiker Dieudonné im staatseigenen Fernsehkanal France 3, verkleidet als ultra-orthodoxer Jude, machte den Hitler-Gruß und schrie „Heil Israel“.25 Dieser Rassist gründete später eine Partei, die erfolglos in der Europawahl kandidierte. Sie erhielt ihre Stimmen hauptsächlich in Gebieten mit einer erheblichen nordafrikanischen Einwanderergemeinschaft.
Malcolm Hoenlein, Executive Vice-Chairman der Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations, erwähnt eine weitere Obsession der europäischen Medien: die der jüdischen Macht. „In jedem Interview mit der BBC und anderen europäischen und japanischen Medien lässt sich die Hauptfrage unvermeidlich auf den Einfluss der ‚jüdischen Lobby’ verkürzen. Sie begreifen nicht, was mit der amerikanischen Demokratie vereinbar ist, die Minderheiten ein Mitspracherecht anbieten, wenn diese sich entscheiden sich zu beteiligen und schreiben ihr daher negative Bedeutungen zu.“26
Die Unterschiede zwischen Antisemitismus und Kritik
Es ist oft schwer die Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus zu ziehen. Cotler hat einige Richtlinien empfohlen. Er meint, dass Kritiker Israels dann zu Antisemiten werden, wenn
Auf der internationalen Bühne suchen sie Israel für diskriminierende Behandlung durch Leugnung der Gleichheit vor dem Gesetz aus.
Religiöse antiisraelische Motive
Eine wachsende Liste antisemitischer Ereignisse und Schriften in Europa illustriert die Entwicklung dieser Kategorien des neuen Antisemitismus. Karikaturen sind effektive Werkzeuge, um schnell Schlüsselelemente der Kultur einer Gesellschaft zu erklären, einschließlich ihres Antisemitismus. Ihre Ikonographie ist begrenzt; sie spricht nur einige wenige Grundbilder und –ideen an, mit denen die Öffentlichkeit weit gehend vertraut ist. Wenn man einige Karikaturen aus europäischen Mainstream-Medien neben die fanatischer arabischer, antisemitischer Zeitungen legt, kann man oft nicht sagen, welche aus welcher Quelle stammt.
Ein religiös-antisemitisches Motiv wurde benutzt, um Israel in der qualitativ hoch stehenden italienischen Tageszeitung „La Stampa“ zu kritisieren. Sie veröffentlichte eine Karikatur – eine von Europas Klassikern des neuen Antisemitismus – der Belagerung der Geburtskriche in Bethlehem durch die IDF, die einen israelischen Panzer zeigte, der sein Rohr auf das Jesuskind richtete; dieses fragt: „Sie wollen mich doch sicher nicht noch einmal umbringen?“28 Diese Darstellung belebt das klassische religiöse, antisemitische Motiv des Gottesmordes wieder, ein mörderisches Hass-Motiv, das die katholische Kirche in der europäischen Bevölkerung über viele Jahrhunderte einimpfte und Teil des kulturellen Erbes Europas ist.
Die Karikatur liegen zwei gedankliche Verbindungen zu Grunde. Zum einen handelt es sich um den klassischen Vorwurf des Gottesmordes: „Jesus, Gottes Sohn, Geburtskirche, Opfer der Tötung durch Juden.“ Zum zweiten: „Palästinenser, Geburtskirche, potenzielle Opfer der Tötung durch Israelis.“ Ein näherer Blick auf die Karikatur offenbart, dass ihre unterschwellige, verdrehte Metapher auf viele Weisen gegen die Absicht des Zeichners benutzt werden. Man kann sie auch so lesen, dass sie nahe legt, die palästinensischen Mörder, die in die Kirche flohen – und die die Israelis verhaften wollten, nicht sie umbringen – die zeitgenössischen Söhne Gottes sind. Einige alternative Interpretationen sind noch provokativer.
Diese antisemitische Karikatur sagt mehr über den Karikaturisten und den „La Stampa“-Redakteur aus, der sie prüfte, aus als über das Subjekt des Hasses. Die palästinensischen Mörder, die in die Kirche gingen, wurden zu den Opfern gemacht, ein Konzept, das in der europäischen Gesellschaft zunehmend akzeptabel wird.
Das Kreuzigungsmotiv stand auch im Zentrum einer Karikatur der belgisch-flämischen Zeitung „Nieuwsblad“, nachdem der palästinensische Kleriker und Mordhetzer Scheik Ahmed Yassin getötet wurde. Sie zeigte den Hamas-Führer in einem Rollstuhl auf einem Kreuz, das zum Teil eine Rakete war; die Bildunterschrift: „Israel tötet spirituellen Führer“.29
Die britische Tageszeitung „The Independent“ veröffentlichte eine zweiten europäischen Klassiker des neuen Antisemitismus – eine Karikatur von Dave Brown, die Premierminister Sharon als Kinderfresser zeigte. Die Verleumdung, dass Juden das Blut von nichtjüdischen Kindern für religiöse Zwecke brauchen, stammt aus dem England des Mittelalters. Als sie darauf angesprochen wurde, wusch die UK Press Complaints Commission die Karikatur rein. In der Folge gewann sie den britischen Preis „Politische Karikatur des Jahres 2003“ der Political Cartoon Society. Der Wettbewerb wurde am 25. November 2003 in den Räumen der Wochenzeitung „The Economist“ abgehalten; der Preis wurde Brown von der Labour-Abgeordneten und ehemaligen Ministerin für Übersee-Hilfen, Claire Short, überreicht.30
Darstellung der Juden als Nazis
Vergleiche zwischen Juden und Nazis konzentrieren sich auf Sharon und Hitler sowie auf das Hakenkreuz und den Davidstern. Eine Karikatur der griechischen Zeitung „Ethnos“ aus dem Jahr 2002, die der damals regierenden sozialistischen Pasok-Partei nahe steht, zeigte zwei jüdische Soldaten als Nazis gekleidet mit Davidsternen auf ihren Helmen, die Messer in Araber stießen. Der Text dazu: „Fühl dich nicht schuldig, Bruder. Wir waren nicht in Auschwitz und Dachau um zu leiden, sondern um zu lernen.“31 Das komplettiert das ausgesuchte Trio von Europas Karikaturen des klassischen neuen Antisemitismus.
Im Juli 2004 veröffentlichte die führende progressive spanische Zeitung „El País“, die als qualitativ beste Zeitung des Landes angesehen wird, eine Karikatur, in der zwei Personen Kommentare zu Israels Sicherheitszaun austauschen. Die Frau sagt: „Sharons Mauer ist identisch mit der des Warschauer Ghettos.“ Der Mann antwortet: „Sie sind nicht vergleichbar. Sharons Mauer ist weitaus effektiver.“32
Zusammengenommen beinhalten diese gut bekannten europäischen Karikaturen der wenigen letzten Jahre die meisten der wichtigen klassischen und neuen antisemitischen Motive. Gottesmord, Blutdurst, Kindermord und Holocaust-Umkehrung treten wieder auf. Dieselben Themen erscheinen in Hass-Karikaturen, die in der arabischen Welt veröffentlicht werden. Sie liefert beträchtliche Einsicht in die Gesellschaften, in denen sie publiziert werden. Der Autor dieses Artikels zeigt sie regelmäßig in öffentlichen Präsentationen um das Wesen des derzeitigen Antisemitismus des europäischen Mainstream zu illustrieren.
Es gibt ebenfalls eine weit reichende Sammlung antisemitischer Bemerkungen in den Mainstream-Zeitungen. Der britische Dichter und Oxford-Akademiker Tom Paulin sagte einer ägyptischen Zeitung, jüdische Siedler in der Westbank seien „Nazis und Rassisten, die erschossen gehören“.33 Der portugiesische Literaturnobelpreis-Träger Jose Saramago, ein Kommunist, verglich die blockierte palästinensische Stadt Ramallah mit Auschwitz.34 Als er Brasilien besuchte, erklärte er, dass das jüdische Volk nicht länger die Sympathie wegen des im Holocaust erlittenen Leides verdiene.35
Einige antisemitische Autoren zitieren Juden, um sich selbst akzeptabler zu machen. Paulin macht das so im „Observer“, als er einem seiner Gedichte einen Text des Linguisten Victor Klemperer von 1934 voran stellt: „Für mich sind die Zionisten, die zum jüdischen Staat von 70 n.Chr. zurück wollen... genauso ärgerlich wie die Nazis. Mit ihrer Suche nach Blut, ihren alten ‚kulturellen Wurzeln’, ihrem teils frömmelnden, teils dumpfen Zurückdrehen der Welt stehen sie alle zusammen den Nationalsozialisten in Nichts nach.“
Klemperer, der in seiner Jugend zum Protestantismus konvertierte, überlebte den Zweiten Weltkrieg in Dresden unter der Naziherrschaft Dank einer Mischehe. Dort und später auch unter den kommunistischen Regierungen hatte er reichlich Gelegenheit über seinen Vergleich der Nazis und Zionisten nachzudenken. Paulins Gedicht, das nach dem Klemperer-Zitat kam, sprach von „einem weiteren kleinen palästinensisch Jungen in Trainingshose und weißem T-Shirt, der von der zionistischen SS niedergeschossen wird“.36
Das Anlegen von zweierlei Maß
Cotler zeigt auf die UNO als Musterbeispiel des zweierlei Maß, das gegen Israel angewendet wird: „Trotz der Killing Fields in der gesamten Welt saß der UNO-Sicherheitsrat vom März bis Mai 2002 in fast kontinuierlicher Sitzung zusammen und diskutierte ein nicht existentes Massaker in Jenin.“37
Er erwähnt ebenfalls das Treffen der UN-Menschenrechtskommission im Frühjahr 2002:
Vierzig Prozent der verabschiedeten Resolutionen richteten sich gegen einen Mitgliedsstaat der internationalen Gemeinschaft, Israel, während die großen Menschenrechtsverletzer der Welt wie China und der Iran sich rein waschender Immunität ohne gegen sie verabschiedete Resolutionen erfreuten. Diese moralische Asymmetrie ist nicht nur voreingenommen gegen Israel, sondern untergräbt die Integrität der UNO weiter, unter deren Schutzherrschaft diese statt findet, sowie die Autorität der internationalen Menschenrechts-Gesetze, in deren Namen diese Anklagen verabschiedet werden.“38
Die kanadische Politikwissenschaftlerin Anne Bayefsky schriebt über die UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban (Südafrika) im September 2001: „Sie wurde zu einem Forum für Rassismus... Eine große Staatengruppe wollte die Bezugnahme zum Holocaust minimieren oder ausschließen, Antisemitismus umdefinieren oder ignorieren und den Staat Israel von der globalen Gemeinschaft als rassistischen Apartheid-Praktizierer und Menschenrechtsverbrecher zu isolieren.“39
Cotler merkte weiterhin unter Bezugnahme auf die Genfer Konvention an:
Während mehr als 50 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Gräuel weiter. Unter den bekanntesten sind die ethnischen Säuberungen und der Völkermord in Kambodscha, Ruanda, Bosnien, dem Sudan und Sierra Leone. Trotz dieser furchtbaren Brüche der 1949 verabschiedeten Genfer Konvention traten die Vertragsparteien nie zusammen um diese Fälle zu diskutieren. Das geschah nur einmal, im Dezember 2001, als die Vertragsparteien der Konvention sich in Genf versammelten, um Israel der Menschenrechtsverletzungen und Bruch der Genfer Konvention zu beschuldigen.“40
Viele weitere Beispiele antiisraelischer Diskriminierung in internationalen Körperschaften können angeführt werden, so dass Israels Magen David Adom (Roter Davidstern) aus der Internationalen Föderation de Rotkreuz- und Roter Halbmond-Gesellschaften ausgeschlossen wird.
Alan Dershowitz bemerkte zu diesen unterschiedlichen Maßstäben: „Das Recht des jüdischen Volks auf Selbstbestimmung wird verweigert und Israel als Staat wird delegitimiert. Unter den westlichen Eliten findet man scheinbar respektable Akademiker, die Beseitigung Israels und seine Ersetzung durch einen säkularen binationalen Staat fordern. Diese Autoren wissen, dass dieses Modell z.B. im Libanon und Jugoslawien ein Rezept für Massenmord und Bürgerkrieg war.“41
Die kriminellen Neigungen des demokratischen Europa
Die Debatte über das Vermischen der zeitgenössischen europäischen Werte und des Antisemitismus wird sich wahrscheinlich in den kommenden Jahren entwickeln. In einem Interview sagte der französische Philosoph Jean-Claude Milner, Autor von „The Criminal Inclinations of Democratic Europe“ (Die kriminellen Neigungen des demokratischen Europa): „Ich denke, es gibt in Europa einen bodenständigen Antisemitismus, der nicht aus der Vergangenheit kommt, sondern aus der Zukunft... Heute sehen wir einen Antisemitismus, der nicht von den alten Menschen her kommt, sondern von der Jugend; daher ist es wenig wahrscheinlich, dass er verschwindet, sonder er wird eher stärker werden... Dies ist ein tatsächliches Problem. Wir müssen mit einem modernen Antisemitismus fertig werden.“42
Milner fügte hinzu, dass der europäische Antijudaismus mit der Bestätigung Europas selbst verbunden ist. Einerseits will es sich gegenüber den USA behaupten. Andererseits, nach der Realisierung seiner Einheit, will es sich als Modell der Menschlichkeit darstellen. In dieser Sicht fanden Europa und die islamische Welt sich auf der Antirassismus-Konferenz in Durban gemeinsam auf einer antijüdischen Plattform wieder.43
Die Bedeutung der Worte Milners kommt nicht nur aus seinem Ruf, sondern auch aus der Tatsache, dass er kein Jude ist. Die fortgesetzte Delegitimisierung der Juden in Europa hat eine Lage geschaffen, in der Juden, die ähnliche Bemerkungen machen, regelmäßig der Einseitigkeit für ihre Ethnik beschuldigt werden, ungeachtet der Qualität ihrer Argumente. Um ihre Glaubwürdigkeit zu stärken müssen jüdische Autoren heute oft nicht jüdische Meinungen zitieren.
Ein ausgesprochenes Beispiel dieser diskriminierenden Haltung trat auf, als der Herausgeber des „Observer“, einer fortschrittlichen britischen Wochenzeitung, dem Kolumnisten Richard Ingrams zu schreiben erlaubte: „Ich habe eine Gewohnheit entwickelt, wenn ich Leserbriefe erhalte, die die israelische Regierung unterstützen: Ich sehe mir die Unterschrift an, um zu sehen, ob der Schreiber einen jüdischen Namen hat. Wenn ja, dann tendiere ich dazu, ihn nicht zu lesen.“44
Vorbereitung des europäischen Antisemitismus der Zukunft
Die beständige, mit vielen Gesichtern versehene Hetze gegen Israel und die Juden hat viele Ebenen der europäischen Gesellschaft durchdrungen und liefert weitere Belege für Vorhersagen zu Europas zukünftigen Antisemitismus. Ein Beispiel ist die Zeugenaussage einer amerikanischen Schülerin, Emma Goldman, die einige Zeit an einer exklusiven britischen Institution verbrachte, der Oxford High School.
Sie wurde dort mit Stereotypen konfrontiert wie: „Ich finde nicht, dass du sehr jüdisch aussiehst. Die meisten jüdischen Mädchen haben große Nasen und Afro-Frisuren.“ Als die Lehrerin die Schüler aufforderte eine Liste großer Tragödien der Geschichte vorzuschlagen, erwähnte niemand den Holocaust. Emma schlug ihn dann vor, aber die Lehrerin fügte ihn nicht einmal der Liste hinzu, die sie an die Tafel schrieb. Emma schloss daraus: „Offenbar qualifiziert sich der Tod von 6 Millionen Menschen meiner weiteren Familie nicht als Tragödie.“
Als Scheik Yassin getötet wurde, sagte eine Schülerin zu einer anderen: „Israel hat einen palästinensischen spirituellen Führer getötet, einen armen, heiligen Mann in einem Rollstuhl.“ Die andere war betroffen und das erste Mädchen fügte hinzu: „Wie können die Israelis es wagen so etwas zu tun.“
Emma merkt an, dass sie während vieler früherer Äußerungen der Sympathie für „die Verzweiflung der palästinensischen Selbstmord-Bomber“ geschwiegen hatte. Diesmal verteidigte sie Israel, aber ihre Klassenkameradin tat ihre Sichtweise ab. „Sie glaubte, dass Israel ein böses Reich sei, das ausradiert werden müsste. Die palästinensischen Mörder seien Freiheitskämpfer. Und Hamas war keine Terror-Organisation, sondern eine religiöse Organisation, die nun ihres ‚spiritueller Führers’ beraubt war.“45
In einigen Teilen Westeuropas kann das als relativ milde Erfahrung angesehen werden. Ein ganzes Buch auf Französisch, „Die Verlorenen Territorien der Republik“,46 ist der wiederholten Gewalt gegen jüdische Schulkinder in Frankreich über einen Zeitraum, der einige Jahre zurück geht, gewidmet – hauptsächlich durch Kinder maghrebinischer Herkunft. Dieses Phänomen hat viel Ähnlichkeit mit einem Eisberg: die meisten der Probleme werden nicht gesehen und nicht berichtet, also werden sie unterschätzt.
Antisemitismus und Antiamerikanismus
Das klassische antisemitische Motiv einer jüdischen Verschwörung um die Welt zu dominieren steht in neuen Formen wieder auf. Josef Joffe, Herausgeber der deutschen Wochenzeitung „DIE ZEIT“, kommentiert, dass gewisse Kreise in Europa und der arabischen Welt den Hass auf Amerika mit dem Hass auf die Juden verbindet. Sie behaupten, dass der jüdische Wunsch die Welt zu beherrschen heute hauptsächlich durch die „amerikanische Eroberung“ umgesetzt wird.47
Es gibt wichtige Ähnlichkeiten, wie auch Unterschiede zwischen dem europäischen Antisemitismus und Antiamerikanismus. Alvin Rosenfeld fasst die Ähnlichkeiten so zusammen: „Antiamerikanismus funktioniert weit gehend auf die gleiche Weise, wie es der Antisemitismus über Jahrhunderte tat – als eine bequeme Konzentration für Unzufriedenheiten vieler Art und als vorgefertigte Erklärung für interne Schwächen, Enttäuschungen und Fehlschläge. Er ist, kurz gesagt, arglistig und kontraproduktiv.“ Als Beispiel erwähnt Rosenfeld den führenden deutschen Philosophen Peter Sloterdijk, der 2002 in einem Interview im österreichischen Journal „Profil“ Amerika und Israel als die beiden einzigen Staaten nannte, die ihm als „Schurkenstaaten“ zu sein schienen.48
Die These, dass Europa seine Identität auf der Opposition zu den USA aufbaut, ist indirekt durch zwei der führenden Denker Europas bestätigt worden, den Franzosen Jacques Derrida und den Deutschen Jürgen Habermas, die gemeinsam schrieben, dass die großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg am 15. Februar 2003 in London, Rom, Madrid, Barcelona, Berlin und Paris als der Anfang eines pan-europäischen öffentlichen Bewusstseins in die Geschichtsbücher eingehen könnten.49
Der amerikanische Politikwissenschaftler Andrei Markovits analysierte die Unterschiede zwischen europäischem Antiamerikanismus und Antisemitismus:
Die zwei europäischen Vorurteile überlappen sich zwar, aber es gibt auch große Unterschiede. Der Antisemitismus hat Millionen Menschen getötet, während der europäische Antiamerikanismus nur einige wenige ermordete. Es gab nie irgendwelche Pogrome gegen Amerikaner. Gewalt, als Regel, ging nicht weiter als die Zerstörung von Eigentum und das Verbrennen vieler amerikanischer Flaggen. Es hat nie einen Ritualmord-Vorwurf gegen Amerikaner gegeben.50
Markovits betrachtet den Antisemitismus als ein seit Langem bestehendes Instrument zur Schaffung von Identität und sagt, dass der Antiamerikanismus heute eine ähnliche Rolle spielt: „Niemand weiß, was es bedeutet ein Europäer zu sein. Es ist nicht klar, was Griechen und Schweden gemeinsam haben... Antiamerikanismus ermöglicht es den Europäern daher eine bisher fehlende europäische Identität zu schaffen, die aufkommen muss, wenn das europäische Projekt Erfolg haben soll.“ Er stellt heraus, dass der Antiamerikanismus und der Antisemitismus die einzigen wichtigen Ikonen sind, die von der europäischen extremen Linken und extremen Rechten, einschließlich der Neonazis, geteilt werden.51
Die Arten der Dämonisierung
In den drei Hauptformen des Antisemitismus wird der Jude als Repräsentant allen Übels dämonisiert. Im „religiösen“ Antisemitismus wurden die Juden – als der Teufel oder sein Gefährte dargestellt – für den Tod Jesu verantwortlich gemacht, der als Gottes Sohn dargestellt wurde. Im „rassistischen“ Antisemitismus wurden die Juden beschuldigt die Welt mit ihrem Verhalten und ihren Ideen zu vergiften. Heute stellt der „neue“ Antisemitismus Israel als eine üblen Staat dar.
Sind die Entscheidungsträger erst einmal überzeugt, dass eine Person oder ein Staat das Böse verkörpert, ist der nächste Schritt der, dass das „Böse“ ausgesondert, unterworfen oder sogar eliminiert werden muss. Im Mittelalter wurden die Juden ins Exil getrieben oder in europäische Ghettos gesperrt und ihnen viele Rechte verweigert, deren sich die Christen erfreuten. Der Nationalsozialismus wollte die Juden eliminieren, was zum Holocaust führte. Sein sozialer Antisemitismus und seine Delegitimierung der Juden bereiteten ihre physische Vernichtung vor.
Die Hauptquellen des Antisemitismus
Der zeitgenössische europäische Antisemitismus blüht in drei wichtigen Sektoren der europäischen Gesellschaft. Der erste besteht aus den arabischen und islamischen Gemeinden, von denen große Teile aus der arabischen Welt den giftigsten Strang des Antisemitismus importieren. Diese unterscheiden nicht zwischen Israelis und Juden. Zu ihrer Hass-Literatur gehört die Fälschung aus dem 19. Jahrhundert, „Die Protokolle der Weisen von Zion“, die behauptet, dass alle Juden sich verschworen haben die Welt zu beherrschen. Andere wichtige Quellen des von Arabern – einschließlich Regierungen – verbreiteten Hasses verbreiten die Verleumdung, dass Juden das Blut nicht jüdischer Kinder zur Herstellung von Matzen benutzen.52
Der zweite Sektor, in dem Antisemitismus weit verbreitet ist, besteht aus den Rechtsextremen und Neonazis. Sie wiederholen hauptsächlich die von Hitlerdeutschland propagierten Motive, denen sie auch einige neue Varianten hinzufügen.
Der dritte gesellschaftliche Bereich, der von stark antisemitischen Ausdrucksweisen gekennzeichnet ist, ist die extreme Linke. Ihre Argumentation ist hauptsächlich von der Sowjetunion in den Jahren nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 entwickelt worden. Dieser Antisemitismus – verhüllt als Antizionismus – beschuldigt Israel allen Übels, das vom kolonialistischen Europa begangen wurde. Diese Propaganda ist mehr als bösartig, wie der französische Linguist Georges-Elia Sarfati anmerkt; sie verknüpft „die vier großen Negativ-Charakteristika der westlichen Geschichte des letzten Jahrhunderts – Nationalsozialismus, Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus – mit dem Staat Israel.“53
Wenige sind sich bewusst, dass die sowjetische Propaganda am Anfang der Holocaust-Umkehrung und ihrer systematischen Promotion für antisemitische Zwecke stand. Simcha Epstein von der Hebräischen Universität vermittelt, wie 1953 französische kommunistische Intellektuelle eine Solidaritätskundgebung in Paris organisierten, die die offizielle sowjetische Haltung unterstützte, dass hauptsächlich jüdische Ärzte kommunistische Führer ermordet hätten. Er fügt hinzu, dass auf dem Treffen viele Redner, einschließlich Juden, „erklärten, dass es normal war Ärzte zu verdächtigen sie vergifteten Menschen: man müsse nur Mengeles Rolle in Auschwitz betrachten. Wenn er in der Lage war zu tun, was er tat, warum sollten andere Ärzte kein Gift benutzen?“54
Oft holen sich die europäischen Kritiker Israels ihre Stichworte von israelischen. Und doch gibt es einen fundamentalen Unterschied. Obwohl es Antisemiten und jüdische Selbsthasse in der israelischen Linken gibt, erfolgt die innenpolitische Debatte in Israel im Kontext der kulturellen und politischen Realität einer Nation. In Europa ist sie erfüllt mit einem lange eingebetteten antisemitischen Erbe; daher kann er physische Gewalt generieren und tut das auch.
Der Antisemitismus der Mainstream-Politiker
Seit den 1980-er Jahren haben mehrere hochrangige europäische Politiker radikal antisemitische Äußerungen getätigt. In einem öffentlichen Statement verglich der sozialistische griechische Premierminister Andreas Papandreu 1982 Israel mit den Nazis.55 Genauso machte es der sozialdemokratische schwedische Führer Olaf Palme kurz bevor er Premierminister wurde und wieder einige Monate später.56
Kein europäischer Mainstream-Politiker in den 80-er Jahren ging so weit wie der Christdemokrat Giulio Andreotti, der mehrere italienische Kabinette führte. Auf einer interparlamentarischen Konferenz in Genf am 7. April 1984 unterstützte er als Italiens Außenminister einen Antrag, der von Saddam Husseins Irak eingebracht wurde. Er setzte den Zionismus mit Rassismus gleich, ermutigte zum Boykott Israels und verteidigte das Recht auf „bewaffneten Kampf zur Befreiung Palästinas“ (d.h. Terror). Italien war das einzige westeuropäische Land, das mit dem Sowjetblock für diesen Antrag stimmte.57
In den letzten Jahren sind solche Vorfälle weiter verbreitet geworden. Im April 2002 sprach Franco Cavalli auf einer Demonstration der Schweizerisch-Palästinensischen Gesellschaft in Bern. Er war damals der parlamentarische Führer der Sozialdemokratischen Partei (SP), die Teil der schweizer Regierungskoalition ist. Er behauptete, dass Israel „sehr gezielt ein ganzes Volk massakriert“ und „die systematische Auslöschung der Palästinenser“ betreibt. Auf dem Treffen wurden israelische Flaggen verbrannt.58
Hochrangige Mitglieder der sozialistischen Partei Griechenlands benutzen oft Holocaust-Rhetorik, um israelische Militäraktionen zu beschreiben.59 Im März 2002 redete Parlamentsprecher Apostolos Kaklamanis vom „Völkermord“ an den Palästinensern. Er wurde vom Regierungssprecher Christos Protopapas gestärkt, der sagte, das Kaklamanis „mit Sensibilität und Verantwortung sprach ... und die Gefühle des Parlaments und des griechischen Volks ausdrückte“.60
Im Juli 2004 wurde ein weiterer bekannter Israel-Hasser, Giorgos Katsanevakis, Präfekt der Region Hania auf Kreta, wieder zu hören. Dieses Mitglied der links gerichteten Synaspismos-Partei sagte dem israelischen Botschafter Ram Aviram, dass Sharon der Antichrist sei. Der Diplomat drehte sich um und ging.61
Jenny Tonge, ein liberaldemokratisches Member of Parliament (Großbritannien), sagte bei einem Treffen der Solidaritätskampagne für die Palästinenser im Januar 2004, dass, wenn sie in den Palästinensergebieten lebte, sie sich überlegen würde eine Selbstmord-Bomberin zu werden. Im Gegensatz zu den oben genannten Fällen distanzierte sich ihre Partei von ihrer Haltung und erklärte: „Jenny Tonge äußerte ihre persönlichen Ansichten. Die Liberaldemokraten vergeben keinen Terror.“62
Nazibegriffe im deutschen Mainstream
Norbert Blüm, ehemaliger christdemokratischer Arbeitsminister, schrieb dem israelischen Botschafter Shimon Stein und bezog sich auf Israels „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser. Vernichtungskrieg ist ein von den Nazis verwendeter Begriff. Er wiederholte dies in einem Interview mit der Wochenzeitschrift Stern.63
Die Reaktion im Internet auf Blüms Stellungnahme zeigt, dass es beträchtliche Sympathie dafür gibt. Nazi-Propagandisten lehrten die sowjetischen Hetzer die Dämonisierung der Juden, die die Sowjets in die Dämonisierung des Zionismus entwickelten. Aus der Sowjetunion drangen diese Methoden in die europäische Linke. Mit Blüm hat sich der Kreis geschlossen. Der abgrundtiefe Hass, der in Nazideutschland begann, ist nun in den Mainstream des demokratischen Deutschland zurückgekehrt.
Aber nicht alle antisemitischen Angriffe wenden sich auf Israel oder Israelis. Im Februar 2004 griff Ian McCartney, Vorsitzender der britischen Labour Party, den konservativen wirtschaftlichen Sprecher im Parlament, Oliver Letwin an, einen Juden. Er bezeichnete ihn als einen „Fagin des 21. Jahrhunderts“, eine jüdische Figur, die in extrem antisemitischen Begriffen in Charles Dickens Roman Oliver Twist beschrieben wrid.64
Im Frühjahr 2003 behauptete der alt gediente Labour-Abgeordnete Tam Dalyell, dass ein „jüdischer Kabbalist“ in den USA und Großbritannien agiere und die Regierungen beider Länder in einen Krieg gegen Syrien treibe. Er erwähnte Lord Levy, Peter Mandelson und Jack Straw als zionistische Ratgeber, die Premierminister Blair beeinflussten. Abgesehen vom rassistischen Charakter dieser Äußerungen besteht die Wirklichkeit darin, dass nur Lord Levy ein praktizierender Jude ist. Mandelson hat einen jüdischen Vater und reagierte so: „Ich bin nicht wirklich jüdisch, aber ich trage Herkunft väterlicherseits mit Stolz.“ Straw hat anscheinend einen jüdischen Großvater.65
Umfragen
Die Kampagne zur Dämonisierung Israels in Europa ist von vielfältigen Erscheinungsformen von Gewalt begleitet. Dies wurde in verschiedenen Studien zum europäischen Antisemitismus dokumentiert. Eine große Studie, die die erste Hälfte des Jahres 2002 abdeckte, wurde vom Center for Research on Antisemitism for the European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC) durchgeführt. Sie schloss: „Frankreich, Belgien, die Niederlande und Großbritannien erlebten recht ernste antisemitische Vorfälle, so zahlreiche gegen Juden gerichtete physische Angriffe und Beleidigungen und Vandalismus gegen jüdische Institutionen (Synagogen, Geschäfte, Friedhöfe). Weniger antisemitische Angriffe wurden aus Dänemark und Schweden berichtet.“66
Viele Umfragen zeigen auch, wie weit verbreitet europäische antisemitische Vorurteile sind. Eine 2002 durchgeführte Meinungsumfrage für die Anti-Defamation League in fünf Ländern (in Österreich, Schweiz, Spanien, Italien und den Niederlanden) zeigte, dass einer von fünf Antwortenden als „höchst antisemitisch“ eingestuft werden kann.67 29 Prozent glauben, die Juden interessierten sich ausschließlich für sich selbst und niemanden sonst. 40 Prozent haben das Gefühl, die Juden hätten zu viel Macht in der Geschäftswelt und den internationalen Finanzmärkten. Die Mehrheit empfindet die Juden als Israel loyaler gegenüber als dem Land in dem sie leben.68 Eine frühere Studie beschäftigte sich mit Frankreich, Dänemark, Deutschland, Belgien und Großbritannien und brachte weit gehend ähnliche Ergebnisse.69 Die Einstellung variierte allerdings in beiden Untersuchungen innerhalb der zehn untersuchten Länder beträchtlich.
Eine italienische Umfrage von Paola Merulla aus dem Herbst 2003 zeigte, dass nur 43 Prozent der Italiener Sympathien für Israel haben. 17 Prozent der Bevölkerung denkt es wäre besser, wenn Israel nicht existierte. 51 Prozent denken, dass die Juden innerhalb Italiens „außer einer anderen Religion gemeinsame soziale, kulturelle und politische Charakteristika haben, die sich von den übrigen Italienern unterscheiden“. Zwanzig Prozent der italienischen Bevölkerung glaubt, dass Juden keine wirklichen Italiener sind; zehn Prozent denken, dass Juden lügen, wenn sie dabei bleiben, dass der Nationalsozialismus Millionen von Juden ermordete.70
Einige Monate vorher zeigte eine Umfrage unter 2000 jungen Italienern (im Alter von 14-18), gesponsert von der Dachorganisation des italienischen Judentums unter der Schirmherrschaft des italienischen Präsidenten Carol Azeglio Ciampi beträchtliche antisemitische Stereotype: „Fast 35 Prozent der Befragten stimmte damit überein, dass ‚sich die Finanzmacht der Welt zum größten Teil in der Hand von Juden befindet’. Mehr als 17 Prozent glauben, dass Berichte über die Vernichtung der Juden im Holocaust ‚übertrieben’ sind und 17,5 Prozent glauben, dass italienische Juden nach Israel ‚zurückkehren’ sollten.“71
Israel – Bedrohung des Weltfriedens
Am Ende des Jahres 2003 stellte eine Euro-Barometer-Studie fest, die im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt wurde, dass mehr Europäer Israel als Bedrohung des Weltfriedens betrachten als jedes andere Land,72 selbst noch mehr als die Staaten, die Terroristen im Ausland unterstützen, um europäische Zivilisten zu töten, mörderische Organisationen finanzieren oder Führer haben, die zum Völkermord aufrufen.
Vor dem Holocausttag am 27. Januar 2004 wurde eine weitere Umfrage veröffentlicht. Sie wurde vom Ipso-Forschungsinstitut für die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ in Italien, Frankreich, Belgien, Österreich, Spanien, den Niederlanden, Luxemburg, Deutschland und Großbritannien durchgeführt. Von den Befragten sagten 46 Prozent, dass Juden eine Mentalität und einen Lebensstil haben, der sich von denen anderer Bürger unterscheidet; 40 Prozent hatten das Gefühl, dass Juden in ihrem Land eine besondere Beziehung zu Geld haben; und 35 Prozent glaubten, dass Juden aufhören sollten bezüglich des Holocaust und der Verfolgung vor 60 Jahren „das Opfer zu spielen“. In allen Ländern gingen antisemitische Gefühle mit antiisraelischen Gefühlen einher.73
Eine weitere Umfrage, vor dem Holocaust-Tag 2004 von ICM für den „Jewish Chronicle“ durchgeführt, zeigte, dass fast 20 Prozent der Briten einen jüdischen Premierminister als weniger akzeptabel ansehen als einen nicht jüdischen. Das ist bedeutend angesichts der Tatsache, dass Michael Howard, Führer der konservativen Partei, der erste Jude ist, der in letzter Zeit eine wichtige politische Partei anführt. Fünfzehn Prozent meinten, das Ausmaß des Holocaust sei übertrieben. Trotz der heutigen Holocaust-Bildung glauben das auch 19 Prozent der Schulabgänger.74
Es ist ein Irrtum zu glauben, das Phänomen sei erst in den letzten Jahren aufgekommen und spezifisch mit dem palästinensischen Aufstand verbunden. Der deutsche Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz zitiert eine frühere Stellungnahme des ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Zürich, Sigi Feigel, dass viele Schweizer die Juden nur unter Vorbehalt aus der Begriffswelt des „bösen Juden“ entlassen. Sobald irgendetwas passiert, kehren diese Leute zu ihren alten Vorstellungen zurück. Feigel sagte, dass Juden immer noch „Schweizer unter Vorbehalt“ sind und dass dahinter die Annahme steckt, dass sie zu allererst Juden und dann erst Schweizer sind.75
Einsichten
Bei der europäischen Linken sind nur gelegentlich ausgleichende Stimmen zu hören. Ein Editorial in „Le Monde“ kommentierte die Eurobarometer-Umfrage: „Die Ergebnisse deckten auf jeden Fall etwas extrem Gefährliches über den alten Kontinent auf.“76
Im November 2003 verabschiedete sich die Kolumnistin Julie Burchill von den Lesern des „Guardian“, als sie zur „Times“ wechselte. Sie sagte, dass sie die Zeitung zwar mochte, es aber einen Faktor gab, der sie im vergangenen Jahr weniger loyal hatte fühlen lassen: als Nichtjüdin spürte sie eine heftige Einseitigkeit gegen Israel.
In Kommentierung der Eurobarometer-Umfrage schrieb Burchill:
Wenn man die Theorie mit einbezieht, dass Juden für alles Miese der Weltgeschichte verantwortlich sind, dazu die kürzlich erfolgte Umfrage, die feststellte, dass 60 Prozent der Europäer glauben, dass Israel heute die größte Gefahr für den Weltfrieden ist (hm, ich muss all die Rabbis verpasst haben, die ihren Schäfchen sagen, sie sollten mit am Körper befestigten Bomben losziehen und die nächste Moschee in die Luft jagen), dann ist es ein kleiner Schritt dazu zu meinen, dass verdammt gut war, dass die Nazis 6 Millionen der Scheißkerle los geworden sind. Vielleicht steigen deshalb die Verkäufe von „Mein Kampf“ so an, von Nahost-Bazaren in die Edgeware Road, und warum es die „Protokolle der Weisen von Zion“ auf dem kürzlich statt findenden Kongress in Durban zu kaufen gab.77
Wenige linke europäische Politiker sind sich bewusst, wie Kritik an Israel sich in Antisemitismus gewandelt hat und wo die Grenzen sind. Einer davon ist der deutsche Außenminister Joschka Fischer. Auf einer Konferenz mit dem Titel „Antisemitismus heute: Vergleich der europäischen Diskussionen“, organisiert von der Heinrich Böll-Stiftung, sagte er in er Eröffnungsveranstaltung: „Die Regierung von Israel kann für ihre Politik kritisiert werden... aber Israels Recht als nationale Heimstatt des jüdischen Volkes kann nicht geleugnet werden.“78 Diese Einschätzung bewahrt Fischer nicht davor die diskriminierende antiisraelischen Abstimmungsmuster der Europäischen zu unterstützen.
Ilka Schröder, die aus Fischers Grüner Partei austrat und bis zu den Wahlen 2004 unabhängiges Mitglied des Europaparlaments war, schrieb:
Es ist eine bekannte Tatsache, dass Teile der EU-Gelder an die Palästinensische Autonomie (945 Millionen Eurodollar von 2000 bis 2003) in ein geheim gehaltenes Budget geleitet wurde und dass die PA einen Terrorkrieg gegen Israel finanziert hat... Statt die Verwendung des Geldes der EU zum Töten von israelischen Bürgern zu verhindern, träumt die Mehrheit des politischen Establishments von einer „internationalen Friedenserzwingung“ gegen Israel, von der EU in der UNO angeführt oder mit gemeinsam mit ihr.79
Ähnlich wie die 30-er Jahre?
Es gibt eine Neigung die Angriffe auf die Juden in Europa marginalen Kräften zuzuschreiben. Dies mag für die physische Gewalt und einige der extremsten Äußerungen stimmen. Doch radikaler verbaler Antisemitismus ist auch in das Herz des europäischen Mainstreams gekrochen.
In einer Rede bei einem Dinner, das das American Jewish Committee in Brüssel gab, sagte der US-Botschafter bei der Europäischen Union, Rockwell Schnabel, dass der Antisemitismus in Europa inzwischen fast so schlimm ist, wie er in den 30-er Jahren war, dem Jahrzehnt, in dem der Nationalsozialismus an die Macht kam.80 Um die Auswirkungen zu mildern sagte später ein Sprecher der US-Botschaft, dass die Äußerungen „weder die persönliche Meinung von Botschafter Schnabel noch die Ansicht der US-Regierung“ sei.81
Solche Meinungen können jedoch nicht unterdrückt werden. Im Mai 2004 schrieb der französische Parlamentarier Pierre Lelouche über Frankreich:
Selbst in den 30-er Jahren, als die antisemitische Presse besonders grausam war, wurden die Juden nicht in den Schulen der französischen Republik angegriffen und geschlagen; die Studenten wurden nicht mit Messern gestochen, die Schulbusse wurden nicht angegriffen, die Synagogen wurden nicht angezündet. Kurz gesagt: man hatte nicht diese Art von Pogromen, die eine gewisse Elite und eine gewisse Presse „versteht“, wenn sie sie nicht rechtfertigt, nicht länger im Namen eines Anti-Dreyfusismus oder Faschismus, sondern diesmal im Namen der Rechte des palästinensischen Volkes und der „Erniedrigung“ der Araber.
Lelouche fügte hinzu: „Kurz gesagt kann man friedlich sein wie ein Antisemit im Frankreich des Jahres 2004.“ Diese Haltung, in dieser Sichtweise, schuf das Klima für Angriffe auf Juden. Er erwähnte ebenfalls, dass er ein Gesetz initiiert hatte, um rassistische Verbrechen schwer zu bestrafen, das einstimmig vom französischen Parlament angenommen wurde. Hinterher wurde das Gesetz allerdings kaum angewendet.82
Phyllis Chesler, eine amerikanische Psychologin, die ein Buch über Antisemitismus veröffentlichte,83 glaubt, die Gefahr für die Juden ist heute „weitaus gravierender und komplexer als sie es in der heidnischen oder mittelalterlich-christlichen Welt oder während des Zweiten Weltkriegs war“. Sie behauptet, dass die Lage tatsächlich ernster als in den 30-er Jahren ist: „Judenhasser schaffen eine Lage, in der – darf ich das sagen? Ja, ich muss es sagen – ein weiterer Massenmord – vielleicht sogar ein holocaustartiger Massenmord an Juden möglich ist. Tatsächlich hat er aus meiner Sicht bereits angefangen, sicher nicht in Amerika und noch nicht in Europa – aber in Israel.“84
Eine Zeit der Bezugnahmen
Die Frage, was ähnlich und was anders ist als im Europa der 30-er Jahre und dem heutigen Europa verdient eine fortgesetzte, detaillierte Analyse. Eine Standard-Antwort ist, dass der europäische Antisemitismus nicht weiter gehen kann, weil es starke Gegenkräfte in demokratischen Gesellschaften gibt. Die dies behaupten, sagen, dass Dank der Holocaust-Bildung europäische Regierungen nie erlauben werden, dass etwas Ähnliches noch einmal passiert. Weiterhin sind Juden, die sich nicht wohl fühlen, frei nach Israel oder woandershin auszuwandern.
Der radikalste Unterschied zu den 30-er Jahren ist der, dass Israel seine Stimme in der Staatengemeinschaft zu Gehör bringen kann. Darüber hinaus ermöglicht es die Globalisierung der internationalen jüdischen Organisationen, Druck auf die europäischen Regierungen auszuüben, um die jüdischen Gemeinden besser zu schützen. Die europäischen Regierungen geben auch heute zu, dass in Europa ein beträchtlicher Antisemitismus existiert und erklären, dass er bekämpft werden muss.
Die Araber als Dämonisierer
Gleichzeitig jedoch gibt es bedeutende Ähnlichkeiten zwischen heute und den 30-er Jahren, als Deutschland der Hauptanstifter des systematischen Judenhasses. Heutigentags sind wieder einflussreiche Kräfte am Werk, die die Juden dämonisieren, hauptsächlich außerhalb Europas. In der postmodernen Welt ist diese Rolle verteilt auf viele Regierungen, religiöse Körperschaften und Medien in der arabischen Welt. Sie unterscheiden in ihrem tödlichen Hass nicht zwischen Israelis und Juden der Diaspora.
In den 30-er Jahren behaupteten die Nazis, dass die Juden die Quelle allen Übels der Welt seien, eine Rolle, die viele Araber nun Israel wie den Juden anhängen. Vor dem Weltkrieg hatten die, die die Dämonisation verursachten, viele Helfer, Verteiler und sympathisierenden Zuschauer. Die Satelliten der deutschen Nationalsozialisten und faschistischen Verbündeten verbreiten den Hass vor Ort. Während des Krieges selbst schlossen sich viele Opportunisten diesen Aktionen an. Heute haben arabische Dämonisierer viele loyale Helfer unter den in der westlichen Welt lebenden Muslimen, wie auch unter den Neonazis.
Andere wichtige Verbündete in der Verteufelung Israels kann auf der europäischen Linken gefunden werden, zu einem gewissen Maße auch unter den Parteien der Mitte. In den 30-er Jahren war das organisatorische Rahmenwerk der Hass-Verbreitung rigide. In der postmodernen Welt kann jeder mit diesem Hass nach eigenem Plan marschieren, in Richtung eines Satzes von Zielen, einschließlich der Vernichtung Israels.
Durch das Zusammensuchen von Experten-Einsicht kann man auch weniger offensichtliche Ähnlichkeiten zwischen den beiden Zeiträumen finden. Der Holocaust-Psychologe Nathan Durst schließt, dass die Shoah-Massenmörder nicht nur die Wünsche der Nazis erfüllten, sondern auch die vieler anderer Europäer, die Hitler in verschiedener Weise eifrig halfen. Er fügt hinzu, dass Reaktionen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg belegen, dass der Völkermord ihre alt hergebrachten Wünsche erfüllt hat, die Juden aus ihrem Leben zu entfernen.
Der französische Philosoph Alan Finkielkraut sagte in einem Interview, dass viele zeitgenössische Eruopäer den Wunsch der arabischen Hetzer nach Israels Verschwinden, da sie sich vorstellen, dass, wenn Israel aufhört zu existieren, es keinen Terror mehr geben wird.85
Antisemitismus: eine europäische Krankheit
Wenige Tage, nachdem Schnabel seine Bemerkung machte, nannte Elie Wiesel auf einer EU-Konferenz zu Antisemitismus in Brüssel den Antisemitismus eine europäische Krankheit und erwähnte, dass europäische Juden ihn nicht gefragt hatten: „Sollen wir gehen?“, sondern: „Wann sollen wir gehen?“86 Fischer, der einzige anwesende Minister einer europäischen Regierung, sprach ebenfalls von jüdischen Freunden, die ihm zu seiner Bestürzung sagten, dass sie darüber nachdenken Europa bald zu verlassen.87
Der israelische Minister Natan Sharansky sagte auf der Konferenz, dass eine Menge der Kritik an Israel in den letzten Jahren mit der „Dämonisierung Israels vermischt wird, Israel mit doppelten Maßstäben angegriffen wird und die Legitimität des jüdischen Staates geleugnet wird.“88
Shimon Samuels, Direktor für internationale Beziehungen des Simon-Wiesenthal-Zentrums, sagte, dass „Kalaschnikow-Kugel, Sprengstoffgürtel und Qassam-Raketen, die mit Mitteln aus den jährlichen Subventionen [der Palästinensischen Autonomie] gekauft wurden, haben mehr als 900 Israelis und Tausende verstümmeln – das ist Antisemitismus. Von der EU finanzierte palästinensische Medieneinrichtungen – über Satellitenfernsehen und Hass-Seiten im Internet – haben Einfluss auf die muslimischen Gemeinden in Europa, um ihre jüdischen Nachbarn anzugreifen. Das ist Antisemitismus.“89
Mitte 2004 sagte der französische Nazijäger Serge Klarsfeld bei einem Besuch in Israel, dass es für die französischen Juden am besten wäre, sie würden das Land verlassen. Er fügte hinzu, dass eine Lektion des Holocaust sei, dass es besser ist einen Ort zu verlassen, wo es eine Welle des Antisemitismus gibt, als dort zu bleiben und ihn zu bekämpfen. Er erwähnte, dass der Vater eines französischen Juden, der von einem muslimischen Angreifer in Paris mit einem Messer verletzt wurde, dem Premierminister gesagt hatte, dass er die amerikanische Botschaft um „politisches Asyl“ für seine Familie ersuchen werde.90
Ein Indikator für das Versagen der europäischen Regierungen Antisemitismus angemessen zu bekämpfen, ist, dass Juden oft ihre Identität verstecken müssen, wenn sie in der Öffentlichkeit sind. In einem Radiointerview erzählte der französische Oberrabbiner Joseph Sitruk im November 2003, dass französische Juden Kappen tragen statt Kippas, um auf der Straße zu vermeiden angegriffen zu werden.91
Das Problem ist zu einem europäischen geworden. In Saloniki trägt Rabbi Frisis auf der Straße eine Kappe. 2003 wurde er an einer S-Bahn-Station angegriffen und zusammengeschlagen. „Jemand kam herüber und ohne etwas zu sagen begann er auf mich einzuschlagen. Ich fing an zurückzuschlagen, um mich zu verteidigen; dann kamen andere Leute dazu und trennten uns zwei.“92
Ruben Vis, Sekretär der NIK, der Dachorganisation der holländischen aschkenasischen Gemeinde, sagte, er werde regelmäßig beleidigt, wenn er in der Öffentlichkeit eine Kippa trägt und manchmal in der Straßenbahn auch gestoßen. Er trägt seine Kippa nie in den westlichen und östlichen Stadtvierteln von Amsterdam und nur selten im Stadtzentrum – Orte, an denen es viele Holländer gibt, deren Eltern aus Nordafrika, hauptsächlich Marokko, einwanderten.93
Diejenigen, die ihre Identität nicht durch Abnehmen der Kippa verbergen wollen, werden zunehmend bedroht und/oder müssen ihre Gewohnheiten ändern. Jugendrabbi Menachem Sebbag berichtet, wie ein holländischer Jugendlicher marokkanischer Herkunft sich seiner Frau mit einem Schraubendreher näherte und sagte: „Ich werde dir das Herz herausschneiden.“ Sebbag, der einen marokkanischen Vater hat, versteht die arabischen Worte, wenn er beleidigt wird, z.B.: „Ich werde dich schlachten wie ein Schwein.“ Manchmal schreien sie ihm zu: „Sharon-Helfer, Mörder.“ Jetzt geht er so wenig außer Haus wie möglich und sagt: „Seit ich aufgehört habe raus zu gehen, habe ich weniger Probleme.“ Einmal wurde ihm eine Coca Cola-Dose an den Kopf geworfen.94
Gideon van der Sluis, der junge Kanotor einer Synagoge im Amsterdamer Pijp-Viertel, sagte einem Interviewer, dass er am Sabbat jedes Mal, wenn er mit seiner weißen Kippa an einer Pizzeria vorbei kommt, in der sich gewöhnlich marokkanische Jugendliche versammeln, die Gruppe ihn verflucht und ihm sagt: „Yahud, yahud [Jude auf Arabisch], dreckiger Krebs Yahud.“ Er fügt hinzu, dass dies ein großes Problem ist, das schlimmer wird. „Vor fünf Jahren war es viel, wenn man einmal im Jahr eine solche Bemerkung hörte. Jetzt passiert das jede Woche.“95
Vielfältige Einschüchterung
Die gewalttätigen Drohungen durch Einwanderer aus muslimischen Ländern sind nicht die einzige Art, in der Juden in Europa eingeschüchtert werden. Sie werden von ihren Mitbürgern oft für Israels Taten verantwortlich gemacht. Diese Leute währen sehr überrascht, wenn jemand sie für die Taten ihrer eigenen Regierungen verantwortlich machen würde, erst recht für die ihrer Glaubensbrüder oder Mit-Atheisten. In der antiisraelischen Atmosphäre halten einige Juden den Mund bezüglich ihrer Identifikation mit Israel und vermeiden ihre eigenen Regierungen zu kritisieren.
Der französische Soziologe Shmuel Trigano stellt fest, dass bewusste Juden in Frankreich sich als Ergebnis der antiisraelischen Atmosphäre zunehmend in jüdische soziale Kreise zurückziehen, die im Land vorherrscht. Er sagt, dass er regelmäßig Juden Dinge sagen hört wie: „Wir gehen nicht mehr mit unseren nicht jüdischen Freunden aus essen, wir treffen sie auch nicht mehr.“ Er erklärt, dass bei vielen Essen in der Stadt die Menschen aggressiv über Israel reden und damit über Juden. „Juden meinen dann, sie müssten Israel vor der übertriebenen Kritik verteidigen. Sie werden dann beschuldigt, die Helfer Sharons und der Gewalt zu sein. In diesem Licht entscheiden sich Juden solche Diskussionen und Treffen zu vermeiden.“96
Das gehört zu den vielen Zeichen der zunehmenden Einschüchterung der Juden in Europas demokratischen Gesellschaften, die viele andere Konsequenzen haben. Der amerikanische Akademiker Ari Goldman schreibt über seinen Besuch im Jüdischen Museum von Saloniki: „Am Museumseingang sind eine bewaffnete Wache, ein Stahltor und ein Summersystem. Der Museumsdirektor sagte, das Museum habe heutigentags wenig Besucher, besonders nach den Bombenanschlägen auf zwei Synagogen in Istanbul 2003, bei denen 20 Menschen getötet wurden.“ Einige Monate später erzählte der Museumsdirektor dem Autor dieses Artikels, nicht jüdische Schulen hätten zwar vor den Bomben von Istanbul das Museum besucht, würden aber seitdem nicht mehr kommen.97
Goldmann notiert, dass im Holocaust 50.000 der Juden Salonikis getötet wurden, was 97 Prozent der jüdischen Bevölkerung entspricht und kommentiert: „Nach all dem Hass [gegen amerikanische Juden], den ich von europäischen Akademikern zu hören bekam, würde ich gerne einige von ihnen hierher nach Saloniki bringen, um ihnen zu zeigen, wie Juden ohne politische Macht aussehen.“98
Der zweihändige Antisemitismus der EU
Kürzlich hat die Europäische Union einige Bemühungen unternommen, dem Antisemitismus entgegenzutreten. Doch sind ihre regelmäßige einseitige Verurteilung Israels über die Jahre ein integraler Teil der aufhetzenden Bemühungen gegen Israel gewesen, die die Ausbrüche des europäischen Antisemitismus voran trieben. Dies genauer zu beweisen würde eine systematische Analyse der Äußerungen der EU-Außenminister aus den letzten Jahren erfordern. In vielen Verurteilungen der israelischen Politik hat Frankreich eine führende Rolle gespielt, wie es insbesondere bei Abstimmungen in der UNO offensichtlich geworden ist.
Der Antisemitismus der Europäischen Union kann als zweiseitig beschrieben werden. Mit ihren aufhetzenden antiisraelischen Erklärungen spielt sie die Rolle des Brandstifters. Die EU dient aber auch als „Feuerwehrmann“, indem sie gleichzeitig versucht die Flammen des klassischen Antisemitismus zu ersticken. Das wird zunehmend klarer, so wie sich die Ereignisse entwickeln.
Ein Beispiel dafür, wie EU-Mitglieder Hetze verbreiten, fand am 15. April 2002 statt, als Schweden, Österreich, Frankreich, Belgien, Spanien und Portugal eine Resolution der UN-Menschenrechtskommission unterstützten, die – mit den Worten des SWC – „den palästinensischen Terrorismus gut hieß und Israel beschuldigte, es betreibe ‚Massentötungen’ in den umstrittenen Gebieten.“99
Solche Stellungnahmen sollten im weiteren Rahmen der insgesamt verzerrten europäischen Haltung gegenüber Israel gesehen werden. In einem Interview sagte der israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein: „Die Israelis hoffen ihre Beziehung zu Europa zu normalisieren. Bisher ist diese Beziehung nicht normal gewesen. Die Beziehungen sind von den Europäern immer als Waffe genutzt worden. Wenn Israel tut, was Europa will, dann werden wir belohnt. Wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, wird Israel mit Sanktionen gedroht. Auf diese Art und Weise behandelt man keinen Staat, der ein Interesse daran hat, dass Europa sich im Nahen Osten engagiert...“ Er fügte aber an, dass die deutsche Regierung sich anders verhält.100
Die Brandstifter/Feuerwehrmann-Zwiespältigkeit der EU und vieler ihrer Mitglieder wurde anlässlich des Todes von Yassir Arafat gut illustriert. Ein extremes Beispiel war die außergewöhnliche Ehre, die der französische Präsident Jacques Chirac der Erinnerung eines Mannes erwies, der ein Pionier des zeitgenössischen weltweiten Terrors war und auch für die Tötung französischer Staatsbürger in Israel zahlte. Während die Holländer nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh durch den muslimischen Extremisten Mohammed Boyeri ihre Entschiedenheit verkündeten den Terrorismus zu bekämpfen, sandten Königin Beatrix und Premierminister Balkenende Kondolenztelegramme an Suha Arafat. Als der britische Außenminister Jack Straw kürzlich den Nahen Osten besuchte, legte er eine Girlande roter und goldener Chrysanthemen auf Arafats Grab in Ramallah und unterschrieb das Kondolenzbuch. Ein hochrangiger israelischer Diplomat wird anonym mit den Worten zitiert: „Wenn du einen Kranz an jemandes Grab ablegst, identifizierst du dich mit dem, woran die Person glaubte.“101 Gleichzeitig verkünden die europäischen Führer ständig die Notwendigkeit eines effektiveren Kampfes gegen den Terrorismus.
Schwedens Heuchelei
Ein typisches Beispiel der europäischen Heuchelei ist die sozialdemokratische Regierung Schwedens unter Goran Persson. Er war die treibende Kraft hinter dem Projekt zu Holocaust-Bildung, die aus dem Internationalen Forum zum Holocaust in Stockholm im Januar 2000 entstand. Zur gleichen Zeit haben Persson und besonders einige Mitglieder seiner Regierung Israel weit schärfer kritisiert als Terrorstaaten.
Die Heuchelei dieser Kritik sollte auch vor dem Hintergrund von Schwedens nicht existierender Geschichte der Verfolgung von Kriegsverbrechern nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet werden. Gegen schwedische Täter ist nicht einmal ermittelt worden, obwohl hunderte Schweden SS-Freiwillige waren, von denen einer im Vernichtungslager Treblinka diente. Nach 1944 fanden führende baltische Kriegsverbrecher bereitwillige Aufnahme in Schweden – mit Wissen der schwedischen Regierung. Sie lebten dort viele Jahrzehnte lang. Die schwedischen Archive zu diesen Fragen bleiben geschlossen.102
Eine kürzlich erfolgte Studie zum arabischen und muslimischen Antisemitismus in Schweder schloss, dass diese Vielfältigkeit „anders als der Antisemitismus, der traditionell seinen Ausdruck in Nazi-Kreisen findet, in der öffentlichen Diskussion weder erwähnt noch in irgendeiner Weise hervorgehoben wird. Im Gegenteil, sie wird in den Medien und durch das politische, akademische und intellektuelle Establishment aktiv vertuscht, entschuldigt oder sogar geleugnet.“103
Freivalds Besuch in Israel
Eine weitere Demonstration der schwedischen Heuchelei fand statt, als Außenministerin Laila Freivalds im Juni 2004 nach Israel kam. Zuerst besuchte sie Yad Vashem, dann kritisierte sie Israel bei einem Treffen im Außenministerium heftig. Sie schwieg zum derzeitigem schwedischen Antisemitismus. Diese Technik, toten Juden die Ehre zu erweisen, Israel zu kritisieren und die wichtigen Vergehen des eigenen Landes gegenüber den Juden zu ignorieren oder verharmlosen, ist ein übliches europäisches Phänomen.
Angelegentlich dieses Besuchs schickten vier ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Stockholms einen Brief an den Herausgeber von „Ha’aretz“, in dem sie den zeitgenössischen schwedischen Antisemitismus zusammenfassten. Der Brief lobte Schweden erst einmal, weil es Juden aufnahm, die im Zweiten Weltkrieg vor dem Holocaust flohen und dann Premierminister Persson dafür, dass er das Living History Project initiierte.
Dann fuhren sie fort:
Die Zahl der verbalen und physischen Angriffe auf Juden hat in Schweden zugenommen. Jugendliche in Schulen bezeugen, wie sie die Tatsache verbergen, dass sie Juden sind, da sie sowohl verbal als auch körperlich angegriffen wurden. Lehrer bezeugen, dass Schüler sich weigern am Unterricht teilzunehmen, wenn das Judentum gelehrt wird. Überlebende berichten von Angstgefühlen. Die Polizei steht passiv daneben, wenn Extremisten pro-israelische und antirassistische Demonstrationen angreifen.
Sie fügten hinzu: „Über die letzten Jahrzehnte ist Schweden ein Zentrum rassistischer und antisemitischer White Power-Musik geworden und einige antisemitische Gruppen haben schwedische Internetseiten eingerichtet, die antisemitische Propaganda verbreiten. Die schwedische Kirche hat erst kürzlich eine Boykott-Kampagne [gegen Israel] initiiert, was an den wirtschaftlichen Boykott von Juden in verschiedenen Gesellschaften der Vergangenheit erinnert.“104
Schulbücher und geneigte Köpfe
Der Politikwissenschaftler Yohanan Manor hat viele nahöstliche Schulbücher studiert. Er sagt: „Die Europäische Union hat eine enorme Verantwortung für die Verwandlung des palästinensischen Bildungssystems in eine Kriegsmaschine gegen den Oslo-Prozess. Und das trotz der Tatsache, dass sie exzellente Mittel hatte um sicherzustellen, dass die palästinensische Bildung dem Prozess des Friedens dienen sollten und zur Dauerhaftigkeit des historischen Kompromisses beiträgt, der erzielt worden war.“
Manor schließt, dass die Europäische Union, trotz der finanziellen Hilfe, die sie und ihre Mitgliedsländer der Palästinensischen Autonomie gaben, es ihre Aufsichtsrolle zu den Schulbüchern vernachlässigte.105
Etwas weniger weit zurückliegend, als klar wurde, dass der Antisemitismus in Europa weit verbreitet war und zunehmend gesagt wurde, dass europäische Führer dazu beigetragen hatten, gaben sich einige europäische Führer alle Mühe eine positivere Haltung den Juden und – gelegentlich – den Israelis gegenüber zu zeigen. In österreichischen Zeitungen wurden ein Foto des aschkenasischen Oberrabbiners Yonah Metzger veröffentlicht, wie er seine Hände zum Segen auf den geneigten Kopf des österreichischen Präsidenten Thomas Klestil legte. Das fand auf einem Rabbiner-Treffen statt, das von der Chabad-Bewegung organisiert wurde. Für dieses Ereignis flog der Vorsitzende der Europakommission, Romano Prodi, extra von Brüssel ein, um in der Einweihung der ersten jüdischen Lehrer-Ausbildungsanstalt in Wien seit dem Holocaust teilzunehmen.106
Chriac: Ein Musterbeispiel der Ambivalenz
Der französische Präsident Chirac ist ein Musterbeispiel der europäischen Ambivalenz gegenüber den Juden. Her leugnete das Vorhandensein des Antisemitismus in Frankreich bis Ende 2003. Diese Missachtung der Tatsachen, wie sie regelmäßig von europäischen Persönlichkeiten geäußert wurde – ein weiteres Phänomen, das den europäischen Antisemitismus begleitet – verdient eine detaillierte Untersuchung.
In Frankreich – dem Land mit der höchsten Anzahl gewalttätiger Vorfälle – haben Top-Poplitiker diese Haltung eine lange Zeit beibehalten und versucht die Vorfälle als Rowdytum darzustellen. Erst im November 2003, nach einem weiteren Brandanschlag auf eine jüdische Einrichtung (eine Privatschule) machte Chirac plötzlich kehrt und sagte, dass Frankreich den Antisemitismus bekämpfen müsse.
Eine weitere Perspektive auf Chirac wurde von Israel Singer aufgedeckt, dem Vorsitzenden des Exekutivrats des Jüdischen Weltkongresses. Er erinnert sich, dass Chirac ihm vor ein paar Jahren sagte, die Juden seien die Ursache des Antisemitismus in Frankreich und überall stons.107
Marvin Hier, Gründer und Dekan des SWC, erzählt von einem Treffen mit Chirac im Mai 2003:
Wer waren damals in Paris auf einer Konferenz zu Antisemitismus und dem Kampf für Toleranz, die im internationalen Hauptquartier der UNESCO zusammentrat und von dieser UNO-Einrichtung und dem SWC mit gesponsert wurde. Der französische Präsident sagte uns, es gäbe keinen Antisemitismus in Frankreich; es seien einige junge Hooligans, die die Juden angegriffen hätten. Wir erwiderten, dass viele französische Juden – insbesondere in den Pariser Vororten und den Provinzen – uns anderes erzählt hätten und dass der Antisemitismus in Frankreich wuchere.
Chirac lädt zukünftigen Massenmörder ein
Hier fuhr fort:
Chirac erwähnte dann einen Stopp während seines Wahlkampfs um die Präsidentschaft im Frühjahr 2002. Er schüttelte einem jungen Mann die Hand, der ihm sagte, er habe gerade sein Studium in Frankreich abgeschlossen. Chirac fragte ihn: „Werden Sie weiter studieren?“ Er antwortete: „Nein, ich gehe zurück in mein Land, Palästina“, und fügte hinzu: „Ich werde Juden töten, so bald ich aus dem Flugzeug steige.“
Der Präsident sagte, er könnte die Unterhaltung nicht fortsetzen, da so viele weitere Leute ihm die Hand schütteln wollten. Er bat einen Helfer, diesen zukünftigen Massenmörder zum Mittagessen in seine Residenz im Elysee-Palast einzuladen. Als der junge Man zum Essen kann, erzählte er dem Präsidenten, dass er Mitglied einer fundamentalistischen islamischen Gruppe war. Chirac fragte ihn: „Warum wollen Sie Juden töten?“ Er sagte: „Ich bin kein isalmischer Fundamentalist, aber die Juden haben uns gedemütigt.“ Dann sagte Chirac unserer Delegation: „Sie sehen, es ist nicht nur der Fundamentalismus. Die Leute berücksichtigen die Demütigung der Palästinenser nicht.“
Ich antwortete: „Herr Präsident, mit dem größten Respekt: ich bin sicher, Sie würden nicht den kleinsten Schritt von der Politik Ariel Sharons abweichen, wenn es französische Cafés, Busse oder Hotels wären, in denen die Bomben hoch gehen. Wie Israel würden Sie Ihrer Armee befehlen die Terroristen zu jagen und Hubschrauber zu benutzen. Natürlich hätten Sie das Recht das zu tun, da Ihre erste Verpflichtung die Sicherheit der Bürger Ihres Landes ist. Ich denke, die Palästinenser werden vor allem von ihren despotischen Führern gedemütigt, die es unterließen die Gelegenheit zu akzeptieren, als Barak ihnen ein großzügiges Friedensangebot machte. Sie nahmen es nicht an, weil sie Israel vernichten wollten.“
Wir diskutierten auch Frankreichs Rolle in Europas Ablehnung die Hamas als Terrororganisation zu bezeichnen, was sie damals immer noch verweigerten. Wir sagten ihm, dass wir dachten ihr Verhalten sei empörend. Es war eine harte Unterhaltung und am Ende stimmten wir darin überein, dass wir in allen wichtigen Punkten nicht überein stimmten. Er sagte, er würde mit ganzem Herzen dafür kämpfen den Antisemitismus in Frankreich zu verhindern, aber dass es keine gäbe.
Nachdem wir den Elysee-Palast verließen, gingen wir auf einen Empfang im Haus des Baron David de Rothschild. Zwei unserer Gruppe verpassten den Bus und nahmen ein Taxi. Sie trugen Kippot und waren gerade vor dem Haus von Baron de Rothschild, als einige Leute begannen sie zu beleidigen; sie sagten Dinge wie: „Raus aus Frankreich, ihr Juden.“ Das eine „eloquente“ Antwort auf Chiracs eingebildete Behauptung es gäbe keinen Antisemitismus in Frankreich.108
Es gibt einen weiteren wichtigen Aspekt zu dieser Geschichte: Welcher Führer eines demokratischen Staates lädt einen erklärten zukünftigen Mörder in seine Residenz ein? Man könnte dies noch hinzufügen: Welcher Präsident einer Demokratie nimmt an der Beerdigung eines Massenmörders teil? Als der syrische Präsident Hafez el-Assad – dessen Regime 20.000 Einwohner, hauptsächlich Zivilisten, nach einem Aufstand in der syrischen Stadt Hama ermordete – im Juni 2000 starb, war Chirac das einzige westliche Staatsoberhaupt, das nach Damaskus flog.109
Französische Sympathien
Die derzeitige weltweiter Welle des Antisemitismus zeigt, dass derartige Äußerungen, die in der Vergangenheit auf Extremisten beschränkt sein gewesen sein mögen, inzwischen in die europäische Mainstream-Gesellschaft durchdrungen hat. In Frankreich mag das stärker zum Ausdruck kommen als andernorts in Europa, wo es aber nicht weniger gefährlich ist.
Trigano sagt, dass französische Mulime zwar eine wichtige Kraft in den gewalttätigen antijüdischen Angriffen sind, „aber in Frankreich ein Antisemitismus besteht, der nichts mit den Islamisten zu tun hat. Der neue Antisemitismus, verkleidet als Antizionismus, ist in der extremen Rechten wie Linken sehr präsent; beide bekamen in der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen von 2002 jeweils 20 Prozent der Stimmen.“110
Der französische Antisemitismus findet in der negativen Sichtweise der meisten Franzosen zu Israel eine fruchtbare Infrastruktur vor. In einer im April 2004 in Frankreich durchgeführten Umfrage für das L’Institut Français de Tel Aviv äußerten die Befragten ihre größte Sympathie unter den zehn Ländern, zu denen sie befragt wurden, für zwei nicht demokratische Länder: 68% hatten Sympathie für Ägypten, 16% keine; für Marokko betrugen die Zahlen jeweils 69% und 20%.
Nächster in der Rangfolge war Russland mit 53% Sympathie und 33% nicht. Dann kam der Libanon mit 47% und 33%, gefolgt von Palästina – der Fragebogen stellte es als Land dar – mit 45% und 38%, gefolgt von Jordanien mit 40% und 37%. Die verbleibenden Länder wurden negativ bewertet: 43% betrachten die USA mit Sympathie, während 49% das nicht tun; für Israel betrugen die Werte 38% und 48%; die letzten beiden Stellen belegten Syrien mit 32% und 44% und der Iran als Letzter mit 25% und 61%.111
Französische Sprecher beanspruchen für ihr Land eine Führungsrolle bei Europas Kampf gegen den Antisemitismus. Z.B. sagte Nicole Guedj, französische stellvertretende Ministerin für Opferrechte, bei einer internationalen Konferenz zum Antisemitismus in Jerusalem: „Ich hoffe, dass unser Beispiel, unser konsequentes Handeln, andere Staaten inspirieren wird.“112 Als sie wegen der aufrührerischen Rolle Frankreichs gegen Israel in der Vergangenheit heftig kritisiert wurde, antwortete sie, dass Juden auf die Zukunft richten sollten. Einige Wochen später ehrte Frankreich Arafat außerordentlich, vor wie nach seinem Tod.
Leugnung und Kehrtwendung
Es hat von europäischen Führern beträchtliches Leugnen des Vorhandenseins von Antisemitismus gegeben. Im Juni 2003 wurde der Chef der EU-Außenpolitik, Javier Solana, von Mitgliedern des US-Kongresses kritisiert, weil er den Antisemitismus leugnete.113 Selbst noch im Dezember 2003 spielte der EU-Botschafter in Israel, Giancarlo Chevallard, den europäischen Antisemitismus herunter.114 Bis zu März 2004 machte er endlich eine Kehrtwende und sagte: „Sorge über antisemitische Entwicklungen in Europa ist absolut legitim.“115
Ende Februar 2004 leugneten zwei französische Elder Statesmen, ex-Premierminister Raymond Barre und der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jacques Delors, im Fernsehen, dass es Antisemitismus in Frankreich gebe, wobei sie insbesondere Muslime und französische Schulen in ihre Stellungnahme einschlossen.116
Im November 2003 verkündete Präsident Chirac zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen an Orten der Anbetung, schwere Bestrafung von antisemitischen Tätern und verstärkte Kurse in Staatsbürgerkunde an französischen Schulen.117 Er hat diese Erklärung seitdem einige Male wiederholt. Chirac lud auch den israelischen Präsidenten Katzav zum Staatsbesuch nach Frankreich ein; der Besuch, der im Februar 2004 statt fand, wurde umfangreich publiziert.
Der damalige französische Innenminister Nicolas Sarkozy, der den Ernst des Antisemitismus in Frankreich zugab, als Chirac ihn immer noch leugnete, hat beträchtliche Bemühungen unternommen die Sicherheitslage in Frankreich zu verbessern, seit er im Juni 2002 ernannt worden war. Er sagte Katzav, dass niemand seine jüdische Identität in Frankreich zu verbergen haben müsste.118
Obwohl Katzav während seines Besuchs das französische Engagement zur Bekämpfung des Antisemitismus lobte,119 äußerte er sich nicht darüber, wie ernst die Lage war. Israelische Politiker, die derart einseitige Erklärungen abgeben, fügen dem Kampf gegen den Antisemitismus Schaden zu; in erster Linie schädigen sie ihre eigene Glaubwürdigkeit.
Robert Wistrich stellte fest:
Antisemitismus kann nicht bekämpft werden, wo es hartnäckiges Leugnen gibt, dass das Phänomen überhaupt existiert, wie es in Frankreich bis vor etwa einem Jahr geschah. Ich erinnere mich immer noch an das unglaubliche Spektakel, wie der Präsident der französischen Republik erklärte, das es „keinen Antisemitismus in Frankreich“ gäbe, wobei Herr Shimon Peres (damals Außenminister von Israel) neben ihm stand und zustimmend nickte. Das war vor den letzten französischen Präsidentschaftswahlen (im Frühjahr 2002), zu einer Zeit, als Synagogen und Gemeinschaftszentren in Flammen aufgingen, Schulen und jüdische Studenten angegriffen wurden und einzelne Juden in einem seit 1945 nicht da gewesenen Maße belästigt wurden.120
Der französische Antisemitismus steigt weiter an
Einige Wochen nach Katzavs Besuch wurde dies wieder klar, als fünf prominente französische Intellektuelle, darunter drei Nobelpreis-Gewinner, in der Tageszeitung „Libération“ einen Aufruf an die Lehrer und Schulleiter der französischen Schulen veröffentlichten, keinen Antisemitismus zu erlauben.121 Seitdem hat es viele weitere antisemitische Vorfälle in Frankreich gegeben und die offiziellen Zahlen deuten an, dass trotz all der verspäteten Bemühungen der Antisemitismus in Frankreich 2004 weiter im Steigen begriffen ist.
Die israelische Haltung zum Antisemitismus in Frankreich – oder sollte man sagen: zum französischen Antisemitismus – bleibt verwirrend. Gegen Ende August 2004 wurden ein weiteres Gebäude in Paris angezündet, das jüdische Sozialzentrum in der Rue Popincourt. Später stellte sich heraus, dass der Brandstifter ein obdachloser Jude war. Der israelische Außenminister Silvan Shalom kam extra nach Paris, um sich mit Innenminister Dominique de Villepin und Außenminister Michel Barnier zu treffen. Diese zwei Offiziellen kündigten einmal mehr die Absicht der französischen Regierung an den Antisemitismus zu bekämpfen.
Shalom gab dem Wunsch Ausdruck, dass diese Worte in die Tat umgesetzt werden würden. Während seines Aufenthalts in Paris schwieg er jedoch darüber, dass Frankreich eine führende Rolle bei der europäischen Unterstützung der diskriminierenden UN-Resolutionen spielte, mit denen Israels Sicherheitszaun verurteilt wurde. Es ist nicht schwer zu sehen, welche Signale Frankreichs Rolle bei der UNO den Antisemitismus im Land gibt.122
In der Zwischenzeit steigt die Zahl antisemitischer Taten in Frankreich weiter an. Nach dem Feuer im jüdischen Sozialzentrum traf sich Oberrabbiner Sitruk mit Justizminister Dominique Perben, um das allgemeine Problem zu diskutieren. Es stellte sich heraus, dass das Ministerium vom 1. Januar bis zum 20. August 2004 298 antisemitische Taten registriert hatte, ein Anstieg in der Größenordnung von 100 Prozent, verglichen mit demselben Zeitraum des Vorjahres. Von diesen Taten richteten sich 162 Anschläge gegen Immobilien, 69 betrafen antisemitische Publikationen und 67 betrafen Aggressionen oder Beleidigung von Personen. In 80 Prozent dieser Fälle waren die Täter noch nicht identifiziert.123
Griechenland – in Westeuropa am schlimmsten?
Unter den schon vor 2004 zur EU gehörenden Mitgliedsstaaten ist es in Griechenland, wo der derzeitige verbale Antisemitismus – und allgemeine Fremdenfeindlichkeit – vermutlich am schlimmsten ist. Das politische und das Medienklima im Land ist förderlich für eine weite Bandbreite antisemitischer Aktivitäten. Während in vielen europäischen Ländern ein Großteil des gewalttätigsten Antisemitismus aus arabischen und muslimischen Gemeinden kommt, ist das in Griechenland nicht der Fall. Es ist ein homogenes Land, das zu mehr als 98% der Bevölkerung ethnischen Griechen besteht.
Moses Altsech, in Griechenland geboren und jetzt Akademiker in den USA, hat lange den Antisemitismus in seinem Geburtsland untersucht. Er erklärt: „Antisemitismus geschieht in Griechenland nicht nur unter extrem Rechten und Linken, sondern ist in der normalen griechischen Gesellschaft eingebettet. Er äußert sich auf viele Weisen: in einem religiösen Zusammenhang, in der Bildung, in der Anwendung der Gesetze, in den Medien wie auch durch politisch motivierten Antisemitismus in den großen Parteien.“124
Er fügt hinzu:
In Griechenland muss man keine Zeitungen kaufen, um ihre antisemitischen Bemerkungen zu lesen. Viele Kioske hängen solche Zeitungen den ganzen Tag mit Klammern an einem Draht auf, Wochenblätter hängen dort die ganze Woche. Man kann auf diese Weise die Titelseite lesen, egal, ob man das Blatt tatsächlich kaufen will oder nicht. Manchmal ist diese Seite eklatant antisemitisch. „Stochos“ brachte sogar die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Serie. Daher muss man nicht länger das Buch kaufen, das ohnehin in griechischen Buchläden zu finden nicht sonderlich schwer ist.125
Ein weiterer Beobachter der griechischen Szene, Andrew Apostolou, erwähnte, dass es nach dem 11. September 2001 viele antisemitische Äußerungen in Griechenland gab, die von Journalisten weit gehend nicht berichtet wurden. Er stellte fest, dass es kein anderes Land gibt, wo die israelische Botschaft zweimal offizielle Gegendarstellungen arabischer Vorwürfe ausgeben musste, dass Juden gewarnt worden wären, an diesem Tag nicht ins World Trade Center zu gehen.126
Antisemitische Graffiti
Es gibt in Griechenland zahlreiche antisemitische Graffiti. Holocaust-Denkmäler und jüdische Friedhöfe werden regelmäßig verwüstet. Hakenkreuze tauchen periodisch auf. Antisemitische Karikaturen sind auch in den Mainstream-Median üblich. Ein Beispiel von vielen war die in der Pasok-Tageszeitung „Eleftherotypia“, in der eine Frau einen Mann nach der Tötung von Scheik Yassin fragt: „Warum haben die Juden einen religiösen Führer getötet?“ Der Mann antwortet: „Sie üben für Ostern.“127
Dieselbe Zeitung brachte im April 2002 eine Karikatur mit dem Titel „Holocaust II“. Sie zeigte einen fetten israelischen Soldaten, der sein Gewehr auf eine dürre arabische Frau mit erhobenen Händen richtet und darunter das berühmte Bild des Kindes aus dem Warschauer Ghetto mit erhobenen Händen. Der Text dazu: „Sharons Kriegsmaschinerie versucht einen neuen Holocaust zu verüben, einen neuen Völkermord.“128
Während das Wort Jude in vielen Ländern Europas ein Comeback als abschätziges Wort gefeiert, aber in Griechenland ist es nie fort gewesen. Pasok-Kreise wie auch die derzeit regierende rechts der politischen Mitte liegenden Neuen Demokratischen Partei haben diese Ausdrücke gebraucht. Im März 2004 beschuldigte die der Pasok nahe stehende Tageszeitung „Avriani“ den abgehenden Premierminister Costas Simitis, er habe die Parteiführung seinem Nachfolger, George Papandreou nicht übergeben hatte, um die Wahlniederlage zu vermeiden. Die Zeitung bezeichnete ihn als „den Juden Simitis“.129 So weit bekannt ist, hat er keine jüdischen Vorfahren.
Im Jahr 2000 bezeichnete ein Abgeordneter der Neuen Demokratischen Partei, Gerassimos Yakoumatos, im Parlament den damaligen Premierminister Simitis als „den ersten Hohepriester des Judentums“. Lange hatte die Neue Demokratische Partei einen Abgeordneten namens Geroge Karatzaferis, der regelmäßig antisemitische Bemerkungen machte. Die Partei schloss ihn erste aus, weil er eine homosexuelle Beziehung zwischen ihrem Vorsitzenden und heutigen Premierminister Kostas Karamanlis und seinem Pressesekretär andeutete.130
2002 griff Karatzaferis Simitis an, weil der unfähig war Griechenlands Interessen zu verteidigen – wegen seiner (angeblichen) jüdischen Herkunft. Er sagte auch, dass die Juden hinter den Anschlägen vom 11.9. stünden.131 Karatzaferis betreibt auch einen antisemitischen Fernsehsender und ist heute der Kopf einer kleinen rechts gerichteten Partei, LAOS, die den Wahlen zum Europaparlament vom Juni 2004 einen Sitz gewann.
Seit einiger Zeit hat das SWC „erkennbare Juden“ angesichts der zahlreichen antisemitischen Vorfälle in dem Land vor Reisen nach Griecheland gewarnt. Es wiederholte seine Warnung nach den Parlamentswahlen vom März 2004, als die Neue Demokratische Partei an die Macht kam.132
Internationale Konferenzen
Nach ein paar Jahren intensivierter antisemitischer Ausbrüche in Europa – aber nicht nur dort – schafften es die jüdischen Organisationen einige internationale Organisationen zu überzeugen eine Konferenz zum Thema abzuhalten. Die erste was die im Juni 2003 durch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die in Wien statt fand. Diese Körperschaft hat 55 Mitgliedsstaaten, darunter – zusätzlich zu den europäischen Ländern – die USA, Kanada und Russland.
Die Amerikaner und die jüdischen Organisationen bestanden darauf, dass der Antisemitismus als besonderes Thema behandelt wird. Wistrich, der vor der Konferenz sprach, schrieb hinterher:
Den Europäern widerstrebte es deutlich den Antisemitismus als eigenständiges Thema zu behandeln und wollten ihn lieber unter der allgemeinen Überschrift des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung ansprechen. Man konnte anhand er Äußerungen des holländischen Vorsitzenden den kaum verborgenen Wunsch fühlen, die Sache mit den Juden hinter sich zu bringen, damit die „politisch korrekteren“ Fragen des Kampfes gegen Rassendiskriminierung und Islamphobie behandelt werden konnten. Das war, denke ich, die Haltung viele Staaten West- und Zentraleuropas (einschließlich Großbritanniens und Frankreichs), die, hätte man sie ihre eigenen Pläne verfolgen lassen, vermutlich ohnehin niemals eine solche Veranstaltung initiiert hätten. Die bemerkenswerteste Ausnahme waren die Deutschen, die zur Freude von Herrn Giuliani und der amerikanischen Delegation eine Folgekonferenz in Berlin im nächsten Jahr versprachen.133
Die OSZE hat seitdem weitere Konferenzen zum Thema veranstaltet. Die größte fand in Berlin am 28./29. April 2004 statt und schloss mit einer gemeinsamen Erklärung der teilnehmenden Länder. Diese „Berliner Erklärung“ verurteilte alle Erscheinungsformen des Antisemitismus und die Staaten verpflichteten sich „danach zu streben sicherzustellen, dass ihre Rechtssysteme eine sicherer Umwelt, frei von antisemitischer Belästigung, Gewalt oder Diskriminierung in allen Bereichen des Lebens zu fördern.“134
Im Mai 2003 trat eine Konferenz zu Antisemitismus und dem Kampf für Toleranz im UNESCO-Hauptquartier in Paris zusammen, die von dieser und dem SWC mit gesponsert wurde. Im Februar 2004 fand unter der Schirmherrschaft der Europäischen Kommission, des Europäischen Jüdischen Kongresses und der Konferenz Europäischer Rabbiner ein Seminar zu Antisemitismus in Brüssel statt.
Im Juni 2004 fand in Paris eine weitere OSZE-Konferenz statt, die sich damit beschäftigte, wie die Ausbreitung von rassistischer, antisemitisch und fremdenfeindlicher Propaganda im Internet zu bekämpfen ist. Noch eine weitere Konferenz zu Rassismus fand im September 2004 in Brüssel statt.
Zusätzlich hielt die UNO eine Konferenz zum Thema im Juni 2004 ab, auf der ihre Generalsekretär Kofi Annan sprach. Das kam drei Jahre nach der UN-Antirassismus-Konferenz in Durban mit der Explosion des Antisemitismus.
Welchen Zweck haben diese Konferenzen? Die ADL pries die Berliner Erklärung als „das Ende der europäischen Leugnung.“135 Ob es mehr als das sein wird, wird sich mit der Zeit ergeben. Was jedoch klar ist: diese europäische Leugnung fand Jahre lang statt, während die Zahl der antisemitischen Vorfälle anstieg. Daher gibt es im Kampf der europäischen Regierungen gegen Antisemitismus einen großen Nachholbedarf. Wahrscheinlich ist das Beste, was man sich für die unmittelbare Zukunft erhoffen kann, dass die Lücke zwischen den antisemitischen Entwicklungen und dem, was in Europa zu ihrer Bekämpfung getan wird, sich nicht weiter vergrößert.
Einige jüdische Führer glauben, dass die Berliner Erklärung es ihnen ermöglicht Staaten zur Rechenschaft zu ziehen, wenn die nicht tun, zu was sie sich bereit erklärt haben. Solch ein Prozess ist jedoch von Natur aus ein langsamer. Andererseits besteht das Risiko, dass diese Konferenzen die europäischen Führer in die Lage versetzt den Eindruck zu erwecken, dass sie den Antisemitismus bekämpfen, während sie in Wirklichkeit wenig tun.
Was ist zu tun?
Die o.g. Studie für die EUMC empfiehlt eine Vielzahl von kombinierten Aktivitäten zur Bekämpfung des Antisemitismus. Dazu gehört die Entwicklung zuverlässiger Daten und Informationen zu antisemitischen Phänomenen, die dadurch erreicht werden kann, dass staatliche Institutionen Antisemitismus in den einzelnen EU-Ländern beobachten. Das ist ein vorrangiges Ziel, denn so lange antisemitische Anschläge in den allgemeinen Verbrechenszahlen vernebelt werden, kann man nicht einmal das grundlegendste Verständnis dafür bekommen, wie ernst das Problem ist.
Der EUMC-Bericht schlägt auch vor, dass die Zivilgesellschaft Dialoge unternimmt, während die Medien „angesprochen werden müssen über ethnische und kulturelle Gruppen in verantwortlicher Weise zu berichten“. Zusätzlich empfiehlt der Bericht eine Vielzahl von Aktionen auf der politischen Ebene vor, darunter Schritte in der Gesetzgebung und der Bildung.136
Viele andere Aspekte könnten noch angeführt werden. Hass-Verbrechen sollten schwer bestraft und Maßnahmen sollten gegen Schüler ergriffen werden, die es unmöglich machen, in den Holocaust in der Schule zu lehren.
So wichtig solche Aktionen auch sein mögen, das Hauptproblem ist das politische und Medien-Klima in Europa. Der erste wichtige Schritt wäre, dass die europäischen Regierungen ihre diskriminierenden Statements gegen Israel einstellen. Man sollte jedoch nicht zu hoffnungsvoll sein, denn es wird schwierig werden ungeschehen zu machen, was so lange indirekt voran getrieben wurde. Dies um so mehr, da das den lange bestehenden Elementen des Antisemitismus in der europäischen Kultur hinzugefügt werden muss.
Verschiedene optimistische Beobachter sagen, dass sich alles wieder beruhigt, wenn ein „gerechter Frieden mit den Palästinensern“ erreicht wird; wobei sie die völkermörderischen Absichten beträchtlicher Teile der palästinensischen Bevölkerung und Führung ignorieren. Wenn ein Frieden oder ein zeitweiser Waffenstillstand erreicht wird, mag das insofern helfen, als der linksextreme Antisemitismus ein wenig abgelenkt wird, um andere Aspekte der westlichen Gesellschaft zu untergraben. Diese Haltung ignoriert jedoch die Tatsache, dass die arabischen Hass-Kampagnen gegen den Westen, einschließlich der Juden, einen ideologischen Hintergrund haben, der weit über die Palästinenserfrage hinaus geht.
Eine pessimistischer Sicht dazu, dass die westliche Wahrnehmung sich der Realität annähert, wird vom amerikanischen Islam-Experten Daniel Pipes geäußert, der sagte: „Die Abneigung der Europäischen Union die Muster der antijüdischen Feindseligkeit entgegenzutreten, die von muslimischen Gruppen, Medien und Bildungsinstitutionen ausgeht, ist Jahrzehnte alt. Alle Indikatoren deuten darauf hin, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Europäer den Mut haben, diesem Problem angemessen entgegenzutreten. Man könnte einen größeren jüdischen Exodus aus Europa erwarten, vielleicht wie der von vor 50 Jahren aus muslimischen Ländern.“
Pipes sagt voraus, dass in dem Maß, wie die Angriffe der Islamisten weiter gehen, die Menschen wach gerüttelt werden. „Diese Anschläge werden die Leute wecken. Ich erwarte, dass es ein Einbahnstraßen-Prozess dessen sein wird, was ich ‚Erziehung durch Mord’ nenne.“ Sorgen über den radikalen Islam, so prophezeit er, werden sich verstärken: ich erwarte nicht, dass viele sagen werden: ‚Nun, ich haben mich immer wegen die Bedrohung durch den militanten Islam gesorgt, aber das ist vorbei.’ Im Lauf der Zeit und mit weiteren Vorfällen wird ihre Bewertung realistischer werden.“ Obwohl Pipes sich ausdrücklich auf Amerikaner bezog, könnte ein ähnlicher Prozess, wenn auch langsamer, in Europa statt finden.137
Die derzeitige Realität ist etwas anders. Es gibt Hinweise, besonders in Frankreich, dass eine bedeutende Anzahl Juden in Betracht zieht das Land angesichts der vielen antisemitischen Vorfälle und der Unfähigkeit der Behörden die Täter zu identifizieren, sie vor Gericht zu stellen und zu verurteilen. Andererseits geht der Zuzug russischer Juden nach Deutschland weiter.
Was sollten die Juden tun?
Der europäische Antisemitismus ist so stark und drückt sich auf so viele Arten aus, dass jüdische Organisationen sich nicht länger darauf beschränken sollten gegen Einzelfälle solchen Rassismus zu protestieren. Ein systematischer „Europa-Watch“ zur Beobachtung extremer Politiker, Institutionen, Medien und Intellektuellen sollte initiiert werden.
Obwohl jüdische Bemühungen den europäischen Antisemitismus nicht auslöschen können, können sie ihn zu einem gewissen Maß mäßigen, indem die Methoden und Vorgehensweisen der Judenhasser aufgedeckt werden. Weiterhin können jüdische Organisationen mögliche Verbündete mobilisieren, die sonst schweigen, aber, wenn sie Teil einer Gruppe sind, einigen der antisemitischen Wellen gegensteuern können.
Der europäische Antisemitismus muss genau beobachtet werden, wie sich die Dinge entwickeln werden. Das ist nicht nur im Interesse der Juden, sondern von denen der europäischen Demokratie im Allgemeinen. Den Europäern das bewusst zu machen ist ein weiterer Schritt im Kampf gegen den Antisemitismus.
Schlussfolgerung
Die Haltung gegenüber den Juden ist oft ein Indikator der Gesundheit einer Gesellschaft gewesen. Der derzeitige Antisemitismus in Europa ist so mannigfaltig und so weit verbreitet, dass es, um ihn zu verstehen, eines beträchtlichen Wissens zu den vielen komplexen Charakteristika und Entwicklungen der europäischen Gesellschaft bedarf.
Der Antisemitismus illustriert, dass Europa nicht ist, was es beansprucht und was es sein will. Er zeigt, dass viele der Wahrheit suchenden, humanitären und demokratischen Ansprüche Europas zum großen Teil Fassade sind. Dass viele Juden derart eingeschüchtert sind, dass sie versuchen ihre in der Öffentlichkeit ihre Identität zu verbergen, ist ein wichtiger neuer Vorwurf auf der langen Liste der Klagen gegen die europäischen Demokratien.
Die ursprünglich laufende Leugnung des Ausbruchs des Antisemitismus durch europäische Regierungen spiegelt den Zustand des die Wahrheit suchenden Europa wider. Dass die meisten Täter antisemitischer Vorfälle nie gefunden wurden, ist ein weiterer Indikator des schwachen Schutzes der bürgerlichen Freiheiten in diesen arroganten Demokratien. Dass so wenige der identifizierten Täter vor Gericht gestellt und noch weniger verurteilt werden, liefert einen Litmus-Test für den wirklichen europäischen Geisteszustand zum Rassismus, wie auch eine Anklage der europäischen Justiz.
Die Haltung der europäischen Regierungen gegenüber Israel, wie sie sich durch ihre einseitigen und diskriminierenden Erklärungen ausdrückt, passt zu mehreren der Kriterien des neuen Antisemitismus, wie er von Cotler definiert wird. Sie zeigt ebenfalls, wie Antisemitismus und Politik Hand in Hand gehen. Die zunehmende Zahl von Konferenzen, Erklärungen und sogar Aktionen gegen den Antisemitismus zielen darauf, die eine Seite des doppelten europäischen Gesichts zu stärken. So lange aber die wichtigen dunklen Aspekte des anderen Gesichts nicht reduziert und ausgelöscht werden, können die positiven Akte nicht rückgängig machen, was Europa aufhetzt. Europas doppelgesichtige Haltung ist ein Hinweis auf die enge Verbindung zwischen Eruopas Antisemitismus und seiner Politik.
Es wird zunehmend deutlich, dass der Ausbruch des Antisemitismus der letzten Jahre in Europa ein Zeichen des rapiden moralischen Niedergang des Kontinents ist. Es könnte viel länger dauern zu beweisen, dass das Gleiche für die europäische Haltung gegenüber Israel der Fall ist.
Weitere Vorfälle werden es eindeutig verdeutlichen, dass es beträchtliche Brutstätten des extremen Rassismus unter den islamischen Minderheiten in Europa gibt. Es besteht kein Zweifel daran, dass Europa die Bildung und Ausbreitung des Hasses durch die Palästinensische Autonomie finanziert hat. Weitere Beweise dürften nötig sein, um die Behauptungen zu untermauern, dass die Europäische Union de facto mit ihren Geldern auch den palästinensischen Terror gegen israelische Zivilisten unterstützte.
Inzwischen müssen die europäischen Juden wie auch Israel extrem aufpassen, dass sie nicht den vielen Mächten zum Opfer fallen, die sie angreifen. Diese müssen strategisch bekämpft werden.
Anmerkungen:
* Die Recherche für diesen Artikel wurde zum Teil vom World Jewish Congress unterstützt.
Die in dem Artikel geäußerten Meinungen entsprechen nicht notwendigerweise denen des Vorstands des Jerusalem Center for Public Affairs.
Übersetzung aus dem Englischen: H.Eiteneier