National Review online, 18. März 2002 |
Palästinensische Arglist und israelische Wirklichkeit Victor David Hanson |
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http://www.nationalreview.com/hanson/hanson031802.shtml
Ein generelles Thema klassischer Literatur ist die Rolle von Vorwänden (prophasis) in Gegenüberstellung zur tatsächlichen Klage (aitia) – der große Graben zwischen dem, was Benachteiligte öffentlich sagen und dem, was sie privat empfinden. Nationen, so erinnert uns der Historiker Thucydides, übernehmen ebenfalls solche strategischen Haltungen. Ihre Sprecher äußern oft Beschwerden, die entweder ohne Grund erfolgen oder – selbst, wenn sie teilweise gerechtfertigt sind – zumindest nicht die „realen“ oder „wahren“ Ursachen ihrer Unzufriedenheit sind.
Wir kennen die prophasis der arabischen Staaten im Kern der Nahost-Frage: Israels Besetzung der Westbank. Aber die aitia – der wahrste Grund des palästinensischen Lamentierens – kann nicht so einfach geäußert werden, weder offen noch in seinen Details. Warum? Das zu tun würde eine systematische kulturelle, politische und soziale Überprüfung der gesamten derzeitigen nahöstlichen Welt nach sich ziehen – eine, die mit anderen Begriffen als den wenigen tausend Hektar Westbank erklären könnte, warum ein winziger jüdischer Staat zwischen Dutzenden anderer Staaten so erfolgreich, frei und zuversichtlich ist, auf deren halbe Milliarde Einwohner das alles nicht zutrifft.
Will in Europa und dem Nahen Osten wirklich jemand die Büchse der Pandora zu säkularem Rationalismus, Religion, Kapitalismus, Demokratie und einem Bündel anderer Fragen öffnen, die nahöstliche Gefühle verletzen, richtig Geld kosten und Gefahren nach sich ziehen dürften – während das beim Skandieren gegen Zionismus, Kolonialismus, Rassismus und anderen behaupteten -ismen und -ologien nicht der Fall ist?
Die palästinensische Öffentlichkeit behauptet, dass sie, sind erst einmal 100 Prozent der Westbank zurückgegeben, Israel anerkennen werden und der Disput schließlich mit der Anerkennung des jüdischen Staates durch die gesamte arabische Welt enden wird. Na gut. Palästina wird dann demokratisch und erfolgreich sein und so zum ersten Mal in der Geschichte in Frieden Seite an Seite mit Israel leben. Die meisten Amerikaner befürworten eine solche Vision.
Natürlich glauben in der islamischen Welt wenige wirklich daran. Tatsächlich hat eine Reihe der weniger höflichen Sprecher bereits geschrieben, dass ein Rückzug lediglich der erste Schritt eines erneuerten Kampfes zum Ende Israels sein würde – so, wie die arabische Welt durch ein Zeichen der „Schwäche“ und durch die durch unter Zwang gemachten Zugeständnissen demoralisierten israelischen Bürger neuen Schub bekam. Wenn man übersetzte Zeitungs- und Magazin-Artikel aus dem Nahen Osten durchliest, dann ist das Reden von der Vernichtung Israels weitaus verbreiteter als das Evangelium der gemeinsamen Koexistenz. Die Arabische Liga wird sich bald treffen um die Akzeptierung des israelischen Existenzrechts bei Rückgabe der Westbank zu versprechen – natürlich mit dem Vorbehalt, dass wir kaum erwarten können, dass Verrückte wie Syrien, der Irak und Libyen öffentlich eine solche „Kapitulation“ mit unterschreiben werden. Herr Arafat selbst brüllt vor einheimischem Publikum „Jihad“ und „Ungläubige“, wenn er Selbstmord-Bomber als „Märtyrer“ und „Helden“ preist und die Einnahme von Jerusalem verspricht.
Gleichermaßen treiben die Europäer diese prophasis voran, geben aber im privaten Gespräch zu, dass die israelisch-palästinensische Beziehung innerhalb weniger Jahre des „Friedens“ zum Status des Konflikts vor 1967 über die bloße Existenz Israels zurückkehren würde. Aus Angst vor Terror, im Verlangen nach Handel, begierig nach einem steten Ölfluss, wegen großer Gruppen islamischer Einwanderer nervös, nach der Gunst der Dritten Welt strebend und gegen uns „bösen Polizisten“ den guten spielend, kann Europa kaum öffentlich sagen, was es privat als wahr kennt.
Würde die Westbank abgegeben und ein allgemeiner Frieden verkündet, könnte es gut und gerne ein Jahrzehnt des Friedens geben. Aber dann würden nach dieser Lücke die Madrassas, die Autokraten, die Theokraten und die Kaffeehaus-Intellektuellen entsprechend ihres Ranges und ihrer Methoden alle zur nächsten Runde der Wiederentdeckung des „gesamten Palästina“ übergehen – eine Aufgabe, die ihrer Meinung nach durch Israels fast nicht zu verteidigende neue Grenzen erleichtert würde.
Anders als die Europäer und andere im Westen sieht der Großteil der arabischen Welt keine besonderen und andauernden Perioden von Krieg und Frieden, sondern interpretiert den Konflikt als ein Kontinuum – eines, das schließlich ordentlich und nur mit dem Ende Israels enden wird. In dieser Sichtwiese ist der Nahost-Streit dem Ersten und Zweiten Peleponnesischen Krieg, den drei Punischen Kriegen, dem ersten bis vierten Kreuzzug oder vielleicht sogar der Interpretation der beiden Weltkriege als Teil eines größeren anglo-deutschen Konflikts nicht unähnlich. Eine solche Serie individueller, sich über Jahrzehnte spannende „Kriege“ endet nicht mit beiderseitigen Zugeständnissen und einem vermittelten Frieden, sondern wenn eine Seite – ein Athen, Carthago, Kreuzfahrer-Königreich oder Deutschland – militärisch besiegt und gedemütigt wird.
Warum sollte wir einer solch pessimistischen Einschätzung arabischer Absichten Glauben schenken? Sie wird von der Geschichte bestätigt. Die ersten drei Kriege wurden geführt, als die Westbank in arabischer Hand war; warum also würden die Voraussetzungen für den nächsten Krieg sich in irgendeiner Weise von denen von 1947, 1956 oder 1967 unterscheiden, als, wie es der ägyptische General Saad Ali Ameri einmal schlicht ausdrückte, das Ziel „die Verwirklichung unseres gemeinsamen Ziels war – die Eliminierung Israels“?
Der derzeitige Konflikt dreht sich sicher nicht um die Klagen toter Muslime – der Irak und der Iran lassen die Israelis in dieser Beziehung wie Amateure aussehen. Bei den Klagen geht es acuh nicht um die grausame Massenvertreibung von Palästinensern – Kuwait erwarb sich diesen Preis für die Ausweisung einer Viertelmillion von ihnen nach dem Golfkrieg. Auch gibt es genügend historische Präzedenzfälle dafür, den Palästinensern keinen privilegierten Status wegen im Krieg verlorenen Landes zuzuweisen. Vergleichen Sie die heutigen Grenzen Deutschlands mit denen von 1914 und versuchen Sie dann einen Fall zu konstruieren, Gebiete von Frankreich und Polen zurückgeben zu lassen, die seit Urzeiten deutsch waren – dann wird die Welt mit einer harten Lektion über die Folgen antworten, die ein Staat sich auflädt, wenn er wiederholt seine Nachbarn angreift und verliert.
Wirtschaftlich gibt es keinen Grund anzunehmen, dass ein autonomer palästinensischer Staat anders agieren wird als seine arabischen Nachbarstaaten – statisch, korrupt, stammesbestimmt und unfrei, mit einer nicht tolerierbaren Situation, in der Arbeiter ins verhasste Israel geschickt werden, um zu verdienen, was sie in einem geliebten Palästina nicht bekommen könnten. Und ohne den Groll über die Westbank dürfte die harte Realität solch ökonomischer Unordnung für Tausende schwieriger, nicht leichter zu ertragen sein.
Politisch sieht die Lage deprimierend ähnlich aus. Warum soll Palästina, wenn Ägypten, Jordanien, Syrien, der Libanon und der Irak von Autokraten geführt werden, da irgendwie anders sein? Warum sollte Herr Arafat, wenn er seine gesamten Ziele gewährt bekäme, plötzlich seine eisenharte Kontrolle über die Medien aufgeben und damit der erste wirklich demokratische Führer der gesamten muslimischen Welt werden um die Diskussion seiner Politik, der islamischen Religion und Verwestlichung begrüßen?
Das Beste, was man erhoffen könnte, wäre ein Palästina, das Jordanien ähnelt – eine „netter Typ“-Autokratie ohne wirkliche Demokratie oder Freiheit, die Saddam Hussein im Golfkrieg unterstützte und in Angst vor ihren eigenen islamischen Extremisten lebt. Also machen wir mit der derzeitigen orwell’schen Szenerie weiter, in der laute Journalisten und Intellektuelle des Nahen Ostens, die nie von Zuhause aus wussten, was wahre Freiheit ist, die USA über Herrn Arafats demokratische Forderungen für seine eigenen, unfreien Palästinenser maßregeln.
Wenn die Welt die trostlose Prognose kennt, warum dann all die idealistischen Forderungen, den Palästinensern „Freiheit“ und „Demokratie“ zu gewähren? Um es ganz krass zu sagen: Ich denke, ein Großteil der Entscheidung ist einfach eine Frage von Antisemitismus und der Macht des Öls. Diese beiden sind zentrales Thema vieler wütender Briefe, die ich täglich von Kritikern erhalte – und von denen nicht alle aus dem Nahen Osten stammen oder von Überlebenskünstlern im Nordwesten, die bei allen Unterschieden eine schaurige Gemeinsamkeit zur Schau stellen. Wenn die arabische Welt ohne Rohöl gemacht wäre, könnte es eine ehrliche Auswertung der wahren Natur des Regimes von Herrn Arafat geben und aufgeklärte Leute könnten von einer dicken Grenzlinie zwischen einer freien Demokratie und einer Einparteien-Autokratie reden. Und würde diese Auseinandersetzung keine Juden beinhalten – soll heißen: wenn es im Kontext hunderter mörderischer Grenzstreitigkeiten über verlorenes Gebiet betrachtet würde, wie sie derzeit zwischen Indern und Pakistanis, Chinesen und Tibetern, Kolumbianern, Kongolesen, Iren, Ruander, Kurden und Türken und anderen Benachteiligten statt finden – dann würde die Welt lediglich einen Seufzer von sich geben.
Daher ein großer Teil des Problems schlichtweg psychologischer Natur und kommt auf, weil ein jüdischer Staat platschdisch inmitten der arabischen Welt – und erblüht nach jedem Maßstab für wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Erfolgt unter lauter Elend. Ohne Öl, ohne zahlenmäßig starke Bevölkerung, ohne befreundete Länder an seien Grenzen, ohne große Landfläche und ohne den Suezkanal versorgt es seine Bürgern mit einem Lebensstil, der weitaus menschlicher ist, als man ihn in Syrien, dem Irak, Libanon, Jordanien oder Ägypten finden kann. Und doch hört die Welt auf die oft doppelzüngige Führung der Palästinenser – trotz der Korruptheit und der mörderischen Vergangenheit von Herrn Arafats Regime – weil seine Sponsoren einen Großteil des Öls der Welt verkaufen. Und um deren Zorn zu riskieren, müsste man ein paar Millionen Juden unterstützen, nicht einige Hundert Millionen, sagen wir, Briten, Schweden oder Italiener.
Und so kümmern uns Millionen Unschuldiger nicht, die jedes Jahr über Millionen von Quadratkilometern verteilt abgeschlachtet werden, sondern konzentrieren uns statt dessen auf das, was die Palästinenser vor einiger Zeit verloren, als sie versuchten ihre Nachbarn zu vernichten. Diejenigen, die solchen Reduktionismus zum Lachen finden, sollten sich die moralische Wut der Welt vorstellen, wäre China klein und jüdisch und würde Tibet von asiatischen Staaten der Rücken gestärkt, die die Ölreserven der Welt besitzen. Ich habe in letzter Zeit keinen Europäer wegen des Diebstahls tibetischen Landes, der Zerstörung des kulturellen Erbes und regelmäßiger erzwungener Aussiedlung der Bevölkerung durch eine Regierung, die weder demokratisch noch frei ist, nach sofortiger Entschädigung verlangen hören.
Wenn solch blanke Würdigung von prophases und atitia richtig ist, gibt es überhaupt Hoffnung für Israel, wenn die gesamte Welt die Wahrheit kennt, die sie aber nicht ohne Gefährdung ihrer wirtschaftlichen Interessen oder moralischen Ansprüche zugeben kann? Was kann Israel denn tun, während der Westen zusieht und sich fragt, ob der Nachschub an Selbstmördern ausgeschöpft sein wird, bevor die ermüdete israelische Öffentlichkeit nachgibt? Der Nahe Osten ist ein seltsamer Ort – wo KKK-artige Terroristen mit Kapuzen, die sich in israelischen Restaurants in die Luft jagen und bei Beerdigungen mit Maschinengewehren in die Luft feuern als noble, unterbewaffnete Freiheitskämpfer durchzugehen versuchen, weil ihre glühenden Helfer in Syrien, dem Libanon, Ägypten und Jordanien vor nicht allzu langer Zeit gelernt haben, keine ihrer eigenen zahlreichen Flugzeuge oder Panzer zu schicken um Israel zu vernichten.
Angesichts des Drucks von allen Seiten und kurz vor einem ausgewachsenen Krieg könnte Israel gut und gerne als Festung neben Arafats Staat existieren müssen, nachdem es einseitig alles von der Westbank abgibt, was es sich leisten zu können glaubt. Es würde sich dann für einen kalten Krieg der Art wappnen, wie ihn die USA gegen die Sowjets und Osteuropa führten, und Jahrzehnte lang hinter Stacheldraht und Beton gegen einen palästinensischen Staat ausharren, bis (wie groß ist die Chance?) wahre Demokratie und Säkularismus bei seinen Nachbarn auftauchen könnten. Westdeutschland gedieh ein halbes Jahrhundert lang hinter Minenfeldern, Wachtürmen und Polizeihunden; offenbar war das besser als die Kommunisten über die Grenze zu lassen um deutsche Staatsbürger umzubringen.
Allerdings gibt es eine letzte Überlegung für die selbstgefälligen Utopie-Architekten in unserem Außenministerium und Europa, die bei all dem völlig vergessen wird. Es wird keinen zweiten Holocaust geben. Wenn fast die gesamte Westbank zurückgegeben wird, was wahrscheinlich ist, und in ein paar Jahren die Feindseligkeiten trotzdem beginnen, wie sie es in den Phasen 1 bis 3 der Nahost-Kriege taten und was ebenfalls wahrscheinlich ist, wird um Israel selbst gekämpft werden, nicht um palästinensisches Land. Und das wird, verglichen mit der derzeitigen Krise, ein Albtraum sein. Diejenigen in Europa und den Vereinigten Staaten, die jetzt Lektionen über Moral von sich geben, werden sich dann nicht nur als unmoralisch erweisen, sondern für viel, viel mehr verantwortlich sein.
Übersetzung aus dem Englischen: H.Eiteneier